Nachtmacher: Markus Gut & Jan Ehret

David Weigend

Bis vor kurzem ist es im Breisgau schwer bis unmöglich gewesen, einen Club mit dem Schwerpunkt "Elektropunk und Indietronic" zu finden. Jetzt nicht mehr. Die Kamikaze-Clubbetreiber Markus Gut (links) und Jan Ehret (rechts) über ihre Jugend in den Reben und die alten Stammgäste vom Le Caveau.



Eine Kabeltrommel, ein Werkzeugkasten mit Schrauben und Dübeln, eine Bohrmaschine und mehrere Bretter, all das liegt in dem schmalen Gang herum, der zum klub kamikaze führt. "Auf den Jan warten wir auch", sagen seine Eltern, die den Sohn bei Handwerksarbeiten im Club unterstützen. Das Unperfekte, noch nicht ganz Ausgereifte, mit dem Jan Ehret, 27, später das kamikaze charakterisiert, es wird hier schon sichtbar.


Eine halbe Stunde später. Man sitzt beisammen im Gewölbekeller des "Hauses zum Klingelhut", die Grundmauern von 1318, Heimat des Clubs. Gemütlichkeit: Griffbereit ein Feuerlöscher, ebenso wie Limonade und Kaffee. Man öffnet die Schublade des niedrigen Abstelltisches. Sie beherbergt eine leere Colaflasche, einen vollen Aschenbecher und eine halb abgebrannte Grabeskerze.

Hinterlassenschaften der vergangenen Party, und ums Partyleben soll es nun gehen. Jans erster Discobesuch. "Mit 15 im H3. Bin da mit gefälschtem Schülerausweis rein. Ich hatte ein weißes Feinrippshirt an. Das weiß ich noch, weil mich Mädels in der Straßenbahn gefragt haben, ob ich schwul bin. Das H3 war göttlich. Keine Ahnung was da lief, aber das Gefühl war klasse." Markus Gut, 28, bringt beim Stichwort "Erstes Discoerlebnis" den magischen Namen "Charly 2000" ins Spiel. "Ich komme aus Oberbergen am Kaiserstuhl, eine Gemeinde mit 850 Einwohnern. Als Jugendlicher hast du da nicht viel Auswahlmöglichkeit. Charly 2000, Number One, all diese Wanderdiskotheken, das war meine Welt."

Markus gestikuliert wie ein Sizilianer, jeden Satz sprechen seine Arme und Hände mit. "Ich habe sieben Jahre lang in der örtlichen Winzerkapelle Tenorhorn gespielt. Einer der Höhepunkte war sicherlich das Konzert in Franz Kellers "Schwarzen Adler", als sich dort 1990 Helmut Kohl und Theo Waigel die Servietten umbanden."



Mit 16 legte Markus, den alle nur "Emmes" nennen, das Tenorhorn in die Ecke. Verständlich, wenn man bedenkt, dass nach einer durchgemachten Charly 2000-Disconacht in der örtlichen Lagerhalle das Blasen zum sonntäglichen Frühschoppen schwer fällt. Überhaupt ist die Jugend eines Kaiserstühler Winzersohns offenbar keine leichte. Das hat etwas zu tun mit der wachsamen Fleißmentalität, die in diesem Weinanbaugebiet vorherrscht. "Ich wurde Samstagmorgens oft mit Sätzen geweckt wie: "Der Nachbar ist vor einer halben Stunde schon in die Reben gefahren!" Samstagmittag Feierabend machen und spazieren gehen - am Kaiserstuhl absolut indiskutabel. So jemand wäre im Dorf schnell als fauler Hund verschrieen, zumindest unter den Winzern.

Auch Jan, der aus Merdingen stammt, hat eine Familie, die nebenberuflich im Weinbau tätig ist und ein Gewann kultiviert. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die beiden kamikaze-Männer ihre erste gemeinsame Party in einer Rebhütte veranstaltet haben. Ohne Booking, aber mit viel Charme. Nicht mal einen CD-Player gab's, aber ein paar gute Mixtapes und einen Kassettenrecorder. Deshalb auch die MC im kamikaze-Logo.



Das wollen die beiden demnächst auch in der Schildhalterung am Eingang an den Oberlinden montieren. Im Moment hängt da noch das verschnörkelte Signet des Vorgängers "Le Caveau", eine Lokalität, die in der Stadt den Ruf einer rustikal-frivolen Altherrendiskothek genoss. Auch heute noch verirren sich hin und wieder Caveau-Stammgäste um die 50 ins kamikaze. Sie pflegen den Ehering abzuziehen, bevor sie das Portemonnaie für den Eintritt zücken. Immerhin, die wasserstoffblonden Frauen mit den Silikonbrüsten, die an der Bar auf eine Champagnereinladung warten, findet man im kamikaze nicht mehr.



Dafür Frau Best. Die 85jährige, ebenfalls im "Haus zum Klingelhut" ansässig, stand am Neujahrsmorgen um halb acht auf der Matte, um mit den verstrahlten Kamikazefliegern auf 2007 anzustoßen. "Supercoole Frau", sagt Jan. Überhaupt pflege man hier gute Nachbarschaft, etwa zum Kinsky, dessen Kundschaft wohl eine Schnittmenge fürs kamikaze darstellen dürfte. Das "be mine" um die Ecke sei aber schon eine Stufe zu schick, als dass man gemeinsame Gäste habe, vermutet Markus.

Mit der Entwicklung des Clubs, der maximal 250 Menschen fasst, sind die beiden zufrieden. Markus, der die vergangenen Jahre als Cocktailmixer im "Maria's" gearbeitet hat, übernimmt "Einkauf und Thekengeschichten", während sich Jan in erster Linie um die Organisation der auftretenden Künstler kümmert. Mit seinen Veranstaltungsreihen "MoFire" und "Matchbox" hat der Merdinger darin schon einige Erfahrung. Ebenso übrigens im Leben mit wenig Schlaf, denn er hat eine kleine Tochter und eine "glückliche Familie", mit der er irgendwann mal ins Ausland ziehen will.



Ab nächster Woche Dienstag (13. März) werden im kamikaze unter dem Schlagwort "SubPop" Bands von hier und anderswo aufspielen, von Indiepop bis Elektropunk. "Und sonntags soll es eine Plattform für Hobbyfilmer geben, aber ohne Jury oder Bewertung", sagt Jan. Dann wechselt er kurz in unverwässertem Alemannisch einige Worte mit seinem Vater, der oben Platz schafft für das künftige kamikaze-Büro; zur Zeit organisieren Jan und Markus, die einstigen Zivikollegen von der Arbeiterwohlfahrt, noch alles mit dem Laptop. Improvisation und Elektromucke inmitten alteingesessener Freiburger Behäbigkeit, Acts wie "Ten Volt Shock" zwischen dem "ältesten Gasthof Deutschlands" und dem Augustinermuseum. Das sagt eigentlich alles.

Die letzten Sätze auf dem Interview-Tonband spricht dann ein forsches Mädchen, eine Flyerverteilerin, die atemlos hereingestürzt kommt und sagt: "Könnt n'bißchen länger dauern, n'besoffener Kumpel von mir hat meinen Fahrradschlüssel abgebrochen." Jan antwortet mit einem besänftigenden Brummlaut.