Nachtmacher: Die Köpfe des Invasion Festivals

David Weigend

Das sind Christian Moritz Oppler (genannt Pepe, 34, links) und Wolfgang Schuler (43). Die beiden sind zwei der Hauptverantwortlichen für das Invasion Kulturfestival, das dieser Tage in Haslach stattfindet. Zwischen einer Pennschicht im Bus und dem alltäglichen Orgawahnsinn haben sie sich bei uns angenehm festgequatscht.



Der Juli an der Haslacherstraße ist unruhig. Wie sollte es auch anders sein bei einer Veranstaltung, die sich Invasion Festival nennt und deren Macher den Reporter mit dem Satz begrüßen: „Willkommen im Schlafentzugslabor.“


Für die paar Stunden, die Christian Moritz Oppler (genannt Pepe) und Wolfgang Schuler in den vergangenen Tagen schlafen konnten, sehen die beiden Invasionsköpfe recht fit aus. Wolfgang erzählt: „Freitagabend ging’s los, Samstag hatten wir auf bis 5 Uhr früh. Dann Saubermachen und Absacker. Auf die Uhr geschaut: 7.30 Uhr. Um 12 Uhr ging's weiter. Den ganzen Tag und die ganze Nacht, bis Sonntagfrüh um 8.30 Uhr. Und heute Früh, am Montag, war die Feier erst um 5 Uhr aus. Es ist schon krass.“ Wolfgang trinkt eine Limonade mit starkem Koffeingehalt und zündet einen Zigarillo an, von dem er bezeichnenderweise in der nächsten Stunde gerade mal einen Zug nehmen wird. Denn er hat viel zu erzählen und von einer Geschichte kommt er zur nächsten. Aber fangen wir von vorn an.



Wolfgang Schuler

Schuler (43) wächst in den 1970er Jahren in Buchenbach auf. Eine Landjugend: Die Eltern hören Volksmusik, die Sozialisation findet statt auf Hocks, bei Vereinsfesten, in Wanderdiskos. Wolfgang kickt bei der örtlichen Spielvereinigung, sitzt abends am Radio und freut sich, wenn Kiss die Top Ten knackt. Das erste Konzert: Status Quo in der Stadthalle. Schuler lernt Koch am Reckenberg in Eschbach. Er kann aus Brennesseln Spinat machen und Löwenzahnsalat zubereiten, „aber für viele Leute auf einmal kochen, das war nichts für mich. Inzwischen verwöhne ich nur noch meine Süße mit einem schönen Menü am Samstagabend.“

Schuler wird Mediendesigner und EDV-Kaufmann, eröffnet 1995 in der Adlerstraße „Equinoxe“, Freiburgs erstes Internetcafé, „das achte in Deutschland“. 1999 zieht er mit Equinoxe in den Bahnhofsturm, die Firma wird zur Internetagentur. Ungefähr zu dieser Zeit kommt Schuler auch das erste Mal mit Techno in Berührung, in einem Club in Amsterdam.

„Als ich diese Beats hörte, habe ich mich wie automatisiert bewegt. Ein neuronaler Virus. Da war eine Dynamik, die ich nie zuvor gespürt hatte. Aber gleichzeitig schaltete mein Gehirn auf Paranoia-Modus. Ich war voll geflasht. Zwei Tage lang taperte ich durch Amsterdam mit der Frage im Kopf: Welche Botschaft war jetzt in dieser Musik drin?“ Allerdings, räumt Schuler ein, hätte der Sog der Musik auch am „Surrounding“ gelegen, ein Begriff, der einigen Interpretationsspielraum lässt. „Man hätte da jede Musik spielen können und sie hätte ähnlich gewirkt.“

Wie auch immer: Schuler war mit Techno infiziert, ging auf Trance- und Goapartys, lotete aus, welche Spielart für ihn die beste ist und merkte, dass ihm das Rumms-Rumms-Rumms samt Blitzlichtgewitter vom Kinderschuh-Techno ein wenig zu primitiv reinklopfte und gründete später mit drei Freunden die Sushi Cutters, einen multimedialen Elektro-Live-Act. Die Sushi Cutters wiederum gingen hervor aus dem Bekanntenkreis, der sich rund ums Glashaus bildete. Das Glashaus in Lehen: eine wichtige Adresse für den Breisgau-Underground in Sachen Elektropartys, zumindest in den vergangenen 13 Jahren.



Wer im Glashaus sitzt, sollte Party machen

Das Gewächshaus im Freiburger Westen wurde 1967 gebaut. Doch als der Besitzer starb, stand es lange leer und verfiel. Schuler und seine Freunde suchten einen Raum zum Partymachen und Chillen im Sommer. Zu zwölft machten sie sich daran, das Glashaus nach ihrem Geschmack umzugestalten. So wie Wolfgang es beschreibt, klingt das Refugium wie eine Art Garten Eden: „Du kommst rein, links steht eine Küche. Dann haben wir einen kleinen Platz angelegt, mit Olivenbaum und Kräutergarten. Du gehst durch einen Efeubogen, kommst an den nächsten Platz. Rechts steht ein Feigenbaum, der hat 16 Jahre auf dem Buckel. Darunter ein Teich, daneben noch ein Platz. Insgesamt gibt es im Glashaus fünf solcher abgeschlossener Plätze. Da können locker 50 Personen in Grüppchen herumsitzen, ohne sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen.“

Die Gewächshaus-Hippies haben auch noch Baumhäuser gezimmert und ein Wäldchen eingerichtet, draußen Pool und Sandvolleyballfeld sowie ein Doppelbett unter einer Weide. „Abhängen, geilen Sound hören, bisschen gärtnern“, sagt Schuler. Pepe, der auch zur Glashaus-Crew gehört, sagt: „Unser Motto war immer: Einmal im Jahr ne fette Party veranstalten. Viele nette Leute einladen, kein Eintritt, Elektro auflegen und überall Beamer aufstellen, so dass die Visuals dick rüberkommen.“ Diese Partys waren legendär und dauerten meist bis zum Mittag des nächsten Tages.

Inzwischen ist die Glashaus-Crew aufgegangen im eingetragenen Verein „Kultur Invasion“. Dass man die Glashauspartys seit vergangenem Jahr in die Haslacherstraße verlagert hat, liegt daran, dass das Studio der Sushi Cutters dort liegt, genauer: direkt neben dem örtlichen Bordell. Wolfgang erzählt: „Wenn Besucher auf den Parkplatz der VILLA fahren, blitzen bei uns im Studio kurz die Scheinwerfer ihrer Autos auf. Am Anfang des Monats geht’s richtig ab. Da-ding, da-ding, da-ding. Du merkst genau, wann Zahltag war.“ Aber wie schweifen ab.



Invasion und die Anwohner

Es geht um Wolfgang und Pepe, um die Invasion, ihr Baby, das in den vergangenen Nächten ganz schön laut war. So laut, dass Wolfgang Bedenken hat, ob sie die Konzession fürs kommende Wochenende bekommen. „In der Nacht von Sonntag auf Montag haben sich acht Anwohner beschwert, die Polizei war da. Aber wir werden jetzt die Anlage konsequent runterdrehen und uns bemühen, niemanden zu belästigen“, sagt Wolfgang. Seine Anlage scheint quasi Rock am Ring-tauglich sein.

Gerade um die Freitagnacht wäre es schade, denn da legen auch Philippe und Pierre auf, die Cyklones aus Paris. Zwei Psytrance-DJs, die sich so schnell nicht nach Haslach verirren würden, wäre da nicht Pepe. „Die beiden sind gute Freunde von mir, ich kenne sie schon lang“, sagt der Mann mit der Ray Ban-Sonnenbrille. Pepe, der als selbständiger Graphikdesigner sein Geld verdient, hat Erfahrung in der Festivalorganisation. In Köln kümmerte er sich bis 2002 um die Acts des S.O.M.A. Festivals. Für das Fusionfestival in Mecklenburg-Vorpommern entwarf er die Plakate. „Sobald die Invasion vorbei ist, reise ich mit meiner Freundin zuerst nach Istanbul und dann weiter nach Griechenland zum Aurora-Festival, das ich mit meinen Kollegen von Electric Circus organisiere.“

Wie Pepe so erzählt von seinen Plänen, auf einer spontan herbeigeschafften Palette sitzend, rauchend und seinen Schäferhundmischling Balu kraulend, kommt ein wenig was rüber vom Invasion-Charakter, der ja irgendwo auch die Persönlichkeit seiner Organisatoren widerspiegelt. Es ist alles ein wenig improvisiert, überworfen und neuaufgelegt. Vieles geschieht auf den letzten Drücker, dafür immer mit Herzblut und einem verknitterten Lächeln im Gesicht.



Schuler ist der leicht verplante Technikfreak, der einem stundenlang von seinen Videobasteleien berichtet und im selben Atemzug die Aufnahmen seiner Kamera zeigt: Die Rückseite des Auditoriums am Wochenende, nachts, betrachtet von der Ochsenbrücke, „welch herrlicher Lichtschmutz! Und hier, kennst du schon unseren Video-Scanner am Eingang?“

Als Gegenpart Pepe, ein Riedlinger Lockenkopf, der die Dinge gern einfach kommen lässt und während der Invasion, genauso wie Schuler, im miefigen Bullaugenbus gegenüber der Breisgaumilch pennt. „Dauerhauft würde das Prinzip Invasion nicht funktionieren“, meint Pepe. „Sobald da Routine reinkommt, ist es wahnsinnig schwer, diese spezielle Atmosphäre beizubehalten. Ist doch schöner, wenn man sich das ganze Jahr drauf freuen kann.“

Ob Schuler und Oppler für ihr Festival Geld von der Stadt bekommen, wissen sie noch nicht. „Letztes Jahr haben wir 1500 Euro gekriegt“, sagt Pepe. „Damals sind wir mit einem leichten Minus rausgekommen“, sagt Wolfgang. „Das Modell hatte auf dem Papier funktioniert, aber ein paar Leute sind ausgefallen.“   Zum Schluss bitten die beiden noch darum, dass man doch ihr Schild mit der Aufschrift "Achtung Schild!" zurückbringe. Am Wochenende habe es jemand mitgenommen. Während Wolfgang noch murmelt "Egal, ich bestell gleich eh ein neues", ruft Pepe "Wer das Schild am Freitagabend mitbringt, kriegt nen Drink aufs Haus!"

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