Nachtmacher: Die Geschwister Rotzler

David Weigend

"Man will sich ja nicht immer verkleiden, wenn man abends weggeht", sagt Rahel Rotzler (26). Mit ihren Brüdern Matthias (links, 24) und Christian (31) sorgt sie dafür, dass man in Freiburg auch ohne Lounge-Krampf feiern kann. Die Drei betreiben die Beat Bar Butzemann und ab Donnerstag The Great Räng Teng Teng in der Innenstadt. Das große Portrait.



Stühlinger

Ein Spaziergang an der Eschholzstraße. Vorbei am Hotel Schemmer, bei dem man sich jedes Mal wundert, wer sich da wohl einquartiert. Vielleicht Gäste, die etwas für Ostblockcharme übrig haben; vorbei am Josefstüble, in dem man sich immer fragt, ob da außer Geschirr noch was anderes gewaschen wird; vorbei am Pop-Café, über dem sich früher Terminwohnungen befanden („bei Fröhlich klingeln“); vorbei an der Mon Petit Bar, die mit dem Reim wirbt „Erotik Flair & vieles mehr…“; dann kommt die Hausnummer 38, heute Beat Bar Butzemann, ehemals Schnitzelparadies.



„Auch über dem Schnitzelparadies war früher ne Terminwohnung, Thai-Mädels. Irgendwann war oben die Kanalisation verstopft, dann haben die Vermieter was gemerkt und die Mädels mussten raus. Ansonsten sind unsere Nachbarn super. Die, die mit unserem Laden nicht klarkamen, sind inzwischen weg.“ Das erzählt Matthias Rotzler. Seine Stimme klingt wie eine Mischung aus Aschenbecher und durchgemachte Nacht. Er betreibt mit seinen Geschwistern Christian und Rahel die Beat Bar Butzemann.

Es ist Donnerstagvormittag, 9.30 Uhr, Matthias zieht den Wischmopp über den Kneipenboden. Er hat Systemgastronom gelernt, beim Herrn Felbinger im McDonalds am Martinstor. Momentan zeigt er, dass er die basic skills seines Berufs verstanden hat. Während das braungraue Wischwasser in den Eimer flatscht, setzt sich Matthias’ Bruder Christian zu uns. Christian ist älter, aber etwas kleiner als Matthias.



Christian Rotzler

Als erstes schnappt er sich den Kugelschreiber, der auf dem Tisch liegt. Er wird ihn 45 Minuten lang durch die Finger gleiten lassen. Insofern ist es nicht ganz einfach, über C. Rotzler geistreiche Beobachtungen in den Block zu notieren. Trotzdem bleibt ein bisschen was hängen von dem Mann mit der orangefarbenen Brille, der ab übermorgen nicht nur für die Beat Bar im Stühlinger, sondern auch für die Kellerbar The Great Räng Teng Teng in der Grünwälderstraße verantwortlich sein wird.

Christian Rotzler, 31, Kind des Stühlingers. Mit sieben Geschwistern wächst er auf zwischen Hebelschule und dem Hartplatz an der Mühle („FC Badenweilerstraße“). Die Mutter ist Hausfrau, der Vater Installateur. Stationen einer kurvenreichen Bildungskarriere: Weierhofreal, Max-Weber-Schule (kaufmännisches Berufskolleg), Praktikum im Kindergarten, FH-Reife nachgeholt, Ausbildung zum Erzieher, Anerkennungsjahr im Jugendzentrum Weingarten. „Dann habe ich gesagt: Mit Erziehern möchte ich nichts zu tun haben. In Freiburg lebst du ja eh schon umgeben von Sozialpädagogen, Heilpädagogen und so Zeug.“



Also pachtet er das Tops (Ex-Cartoon, heute Eimer). Junges Publikum, schräge Leute, Kickerhochburg, 0,5l-Pils für 2,10 Euro. „So haben wir den Laden voll gekriegt, keine Frage. Aber ich habe das Geld verpulvert. Wie man einen Betrieb führt, davon hatte ich damals keine Ahnung.“ Der Mann liebt Gegensätze. Vom Topstresen wechselt er an den Wohnzimmertisch. Er verkauft jetzt kein Bier mehr, sondern Versicherungen. Altersvorsorgen der Hamburg-Mannheimer. Zwei, drei Jahre lang. „Das ganze Leben ist ein Verkaufsgespräch, das habe ich damals gelernt.“

Rotzler geht in den Nahkampf, vom Wohnzimmertisch in die Fußgängerzone, Mitglieder anwerben für den Arbeitersamariterbund. „Jetzt hatte ich nur noch zehn Minuten Zeit, Leute für meine Sache zu gewinnen.“ Rotzler hat in dieser Zeit wohl über tausend Abfuhren kassiert, aber auch einige Menschen überzeugen können. Vielleicht liegt darin seine Stärke: wenn er mal daneben geschossen hat, jammert er nicht, sondern spart auf neue Patronen. Ärmel hoch, charmanter Drücker.



Beat Bar Butzemann

4. Dezember 2006, Der Butzemann macht auf. Der Laden hat einen Vorlauf von vier Wochen. Entstehung: Rahel, Matthias und Christian schließen sich ein, öffnen einige Sixpacks, machen den Kassettenrecorder an und hängen Plakate auf. „Während wir renoviert haben, fanden schon die ersten Partys statt.“

Die Gäste sehen die Beat Bar als ihr Wohnzimmer und bringen ihre eigenen Poster mit. Sepultura, Bob Marley, dazu ein Lampion vom Speicher, Bast für die Theke, alles gemütlich querbeet. In letzter Zeit sind auch einige Street-Art-Bepper hinzugekommen. „Jeder, der hier ist, soll sich als Teil der Familie fühlen“, sagt Christian.



Am Anfang hatte die Beat Bar noch etwas leicht Anarchisches. Im Sommer 2006 war es heiß und Deutschland betrunken. Zur Fußball-WM hing Rotzler die Boxen raus und stellte den Tischkicker auf die Eschholzstraße. Kiezparty, „I predict a riot“ bis der Streifenwagen kam. „Inzwischen habe ich gelernt, dass man dieses wilde Ding nicht immer fahren kann.“ Dennoch hat die Beat Bar überlebt. Ab und zu treten Liedermacher auf, Rockin Carbonara hat hier schon gespielt, Broken Glass und die Seducers.

Die Tatsache, dass Stefan Heim hier Stammgast war und auch in der Nacht seines bis heute ungeklärten Todes bei den Rotzlers sein Bier trank, hat die BeatBar auf traurige Weise bei denen bekannt gemacht, denen sie bis dahin kein Begriff gewesen war.



The Great Räng Teng Teng

„Wir sind Zocker“, sagt Christian über sich und seinen Bruder. Damit will er sagen: die erste Kneipe mit dem sperrigen Namen läuft, also versuchen wir es gleich mit der zweiten. Ihr Name ist nicht minder sperrig: The Great Räng Teng Teng. Seit er 18 ist, träumt Christian von einer Kellerbar, die er jetzt im Ex-Tiffany in der Grünwälderstraße gefunden hat. Im Juni hat der ehemalige Schwulentreff dichtgemacht.

Es gab andere Bewerber, die im Keller ein Stripteaselokal, einen Spielsalon oder eine Karibikbar eröffnen wollten. Die Rotzlers bekamen den Zuschlag. Mit einem Konzept, das sich Christian gemeinsam mit Tom Grigat ausgedacht hat (Orgler bei der Leopold Kraus Wellenkapelle). Eigentlich wollte „Torpedo Tom“ auch vorbeikommen und über den neuen Schuppen sprechen, aber er war wohl etwas länger feiern und hat seine Aufstehpläne mit Alkohol torpediert. Insofern muss man sagen: der Mann lebt das vor, was die neue Kneipe verspricht.



Später, inzwischen wieder Herr seiner Sinne, versucht er uns am Telefon das Teng-Teng-Ding zu erklären: „Das ist einfach ein lautmalerisches Wort und hat keine Bedeutung. Es soll ne Zorropinte werden, ein Texaskeller. Puffig und cowboymäßig. Das Design soll auf die Kacke hauen.“ Es sei eine badische Krankheit, bloß nichts falsch machen zu wollen. „The Great Räng Teng Teng darf ruhig Feinde haben, die sagen: das ist zu heftig.“



Die Anti-Lounge

Christian hat in Verbindung mit dem Teng einen interessanten Begriff ins Spiel gebracht: die Anti-Lounge. These: Fast jede Neueröffnung einer Freiburger Gastronomie, in der ein Sofa im Raum und eine Latte Macchiato Krokant flavoured auf der Karte rumsteht, wird zur Lounge erklärt, jedes stinknormale Café zur Wellness-Oase hochgejazzt.

Pseudo-Schickeria-Quatsch für den überteuerten Feierabend. „Der Höhepunkt war ja wohl, als das Dampfross dichtmachte und das R’n’B reinkam“, sagt Christian und dann: “Wir wollen thematisieren, worum es beim Ausgehen wirklich geht: Spaß haben, sich zerstören, einen neuen Bewusstseinszustand erreichen. Das wollen wir fördern. Dazu stehen wir.“ Da haben wir ihn wieder: Rotzler, den Verkaufstalker. Nicht für Versicherungen diesmal, sondern für den ehrlichen Vollrausch. Immerhin, es gibt Waldhaus im neuen Grünwälderkeller.



Der momentan noch eine Baustelle ist. Am Freitag soll er laut Tom dann so aussehen: „Da sind Säulen und Rundbögen drin, alles n bisschen runtergekommen. Wir packen da noch mehr Trash rein. Wandfarbe lassen wir original Tiffany: lila, geht ins Bordeaux. Die Theke bleibt auch. Aber wir machen neue Holzdielen rein, neue Toiletten, ne neue Lüftung.“

Symbolisch für den Teng-Anachronismus könnte die Jukebox Rockolla stehen: ein 120-Kilo-Monster mit nur 100 Songs. Der große Bruder vom ipod. Und bei den Songs soll es thematisch auch nur um Cowboys und Knarren gehen. Soviel Wildwest gibt’s nicht mal im Bassy Cowboy Club in Berlin, das Vorbild fürs Teng.



Rahel

Rahel, die übrigens einen kleinen Sohn hat, überlässt, zumindest heute, ihren Brüdern das Reden. Und als später ein früher Gast hereinschaut, hört sie ihm einfach zu, was er so zu erzählen hat, von seinem Arbeitsunfall, seinem Traum vergangene Nacht und von manch krudem Zeug, das nach dem Unfall passiert ist. Wir trinken aus, verabschieden uns leise. Der Gast spricht weiter. Es ist ja quasi sein Wohnzimmer.

Mehr dazu:

Web: The Great Räng Teng Teng & Beat Bar Butzemann
Was: Eröffnung von The Great Räng Teng Teng; ab 21 Uhr spielt Gruppe Favorit
Wann: Donnerstag, 13. November, 18 Uhr
Wo: Grünwälderstr. 6
Weitere Konzerttermine: Samstag, 15. November Momo LaMana; Montag, 17. November DM Bob & the Deficits (alle Gigs ab 21 Uhr)

fudder.de: Nachtmacher-Serie