Nachtmacher: Daniel Theuerkaufer, Mensa Live-Club

Alexander Ochs

Heute Abend gibt es wieder einmal ein Konzert im Mensa Live-Club. Hinter der seit einem Jahr regelmäßig stattfindenden Fütterung mit feiner Indie-Kost steckt der 32-jährige Labelbetreiber, Musikmanager und Konzertveranstalter Daniel Theuerkaufer (rechts, neben ihm Kompagnon Martin Möller). Zeit für ein Porträt.



Viel Zeit hat Daniel Theuerkaufer nicht. Auch der Wochen im Voraus vereinbarte Termin wird zwischen zwei andere Termine gequetscht. Als wir ihn erspähen – Dunkle Locken, schwarze Brille, kleiner Bart irgendwo zwischen Raab und Kuranyi, rot-lila kariertes Spätwesternhemd, blaue Jeans –, hängt er noch mit dem Ohr am Handy. Klar, schnell, bestimmt beendet er das Telefongespräch. Nun ist Zeit zum Reden, wenn auch nur begrenzt.


Im Frühjahr 2009 hat Theuerkaufer  – zusammen mit Martin Möller, dem Drummer von Crime Killing Joker Man (der heute passen musste) – den Mensa Live-Club ins Leben gerufen, eine Konzertreihe, die feine Indiekost serviert. Serviert? „“Das Besondere am Mensa Live-Club ist sein Charakter – und wir, die dahinter stehen und den Leuten etwas servieren: ein Musikmenü der Sonderklasse“, wirbt Daniel. Gemeinsamer Nenner von Mensa und Live-Club: Geschmack. Der muss stimmen.

Da, wo sonst tagtäglich tausende Studenten abgefüttert werden, rücken seitdem am letzten Freitag im Monat eher unbekannte Bands von Indie-Labels an, meist im Dreierpack, um ihre Instrumente auszupacken und einen feinen Konzertabend zu feiern. Und das ausgerechnet im Eingangsbereich, dessen Charme es locker mit dem eines Parkhauses aufnehmen kann. Damit das funktioniert und halbwegs annehmbar wird, müssen Daniel und Martin vorher Hand anlegen: Bühne aufbauen, Theke reinrollen, Merch-Tisch aufbauen, Lichterketten aufhängen und so weiter.

Probelauf für die neue Reihe war das Akustikkonzert von Bernhard Eder Ende März 2009. „Wenn man das so macht, dann läuft das nicht so gut, haben wir danach festgestellt“, sagt Daniel. „Durch lauter Kleinigkeiten haben wir dann versucht, alles etwas freundlicher und gemütlicher zu machen.“ Denn die Mensa(Bar) liegt zwar zentral, ist aber zugleich ein problematischer Ort – als Location, auf Neudeutsch.

Wer da hingeht, muss schon genau wissen, was er tut. Da geht man nicht einfach so vorbei, da gibt es keine Clubhopper oder Flaneure wie im nur wenige Schritte entfernten Bermudadreieck. Der potenzielle Besucher muss erstmal überzeugt werden. Sei es mit zugkräftigen Namen, fairen Preisen oder durch gutes Zureden.



„Da muss man Überzeugungsarbeit leisten“, bringt es der 32-jährige Konzertveranstalter auf den Punkt. Deshalb hat er sich auch dafür entschieden, die Abende zu moderieren. Genauso gut stellt er sich an die Tür und kassiert und steht dabei den Leuten Rede und Antwort. „Wie – das kostet Eintritt? Warum ist das nich’ kostenlos?“, fragt dabei der ein oder andere. Doch viele lassen sich überzeugen. Anfangs so um die 50, hat sich der Besucherschnitt nun bei rund hundert eingependelt. Für die Macher ein voller Erfolg, denn genau das war ihr Ziel.

„Da kommen immer wieder die gleichen Nasen“, meint der Musikimpresario im Positiven, „10 bis 15 Leute sind der harte Kern, die ziehen voll mit und denken sich: ‚Die beiden wählen immer gute Bands aus.’ Das ist natürlich mein Traumpublikum!“ Daniel strahlt, nimmt einen Schluck, isst einen Happen. „Alle anderen wollen eher feilschen“, fügt er weniger strahlend hinzu.

Er redet schnell, aber nicht hastig, wägt seine Formulierungen im Handumdrehen ab, verliert nicht den Faden, fügt etwas hinzu, addet noch eine Nuance. Im Freunde adden ist er auch bewandert: Kommunikativ zieht er alle Register. Von der direkten Publikumsansprache am Einlass über Standards wie Website und MySpace füttert er auch fleißig zig andere Kanäle wie Twitter, Foren, Gruppen, um seine Konzerte und seine Künstler zu promoten, zu unterstützen. Auch das braucht Zeit. Ein bis zwei Tage pro Woche gehen allein drauf, bis ein Konzert von vorne bis hinten organisiert ist, berichtet Daniel.



Er sieht sich als Organisator und kümmert sich beim Mensa Live-Club um das Booking. „Ich bin eher der straighte Typ, der gut konzipieren und auch etwas durchziehen kann“, sagt Daniel. Martin übernimmt die Logistik. Warum das so ist? Na ja, beide haben einen unterschiedlichen Musikgeschmack: Während Daniel am liebsten einen Mix aus Indie-Pop und Elektronik, aber auch HipHop und Rock hört, schlägt Martins Herz ganz im Reggae-Rhythmus. Damit das Programm aus einem Guss ist, macht es eben ein und derselbe, haben die zwei entschieden.

Für Daniel Theuerkaufer, der Anfang 2007 nach Freiburg kam, war es erst mal gar nicht klar, sich hier als Aktiver ins Nachtleben und Konzertgeschehen einzumischen. Obwohl dies doch so naheliegend scheint: Er hat mit Waggle-Daggle Records ein eigenes Label, er hat Kontakte zu vielen Bands, er hat jahrelange Erfahrung in dem Business, denn Anfang der Nuller Jahre hat er regelmäßig Veranstaltungen im Clubkeller in Frankfurt organisiert. Nachdem er eine Weile in Freiburg war, reifte in ihm die Erkenntnis, die lokale Szene zu bereichern, indem er selbst als Veranstalter aktiv wird. Woher kam’s? Daniel wiegt den Kopf zur Seite, überlegt kurz und sagt: „Erdverbundenheit. Und Tatendrang vielleicht auch.“

Und was ist bislang dabei herausgekommen, nach genau einem Jahr? „Die heißesten Underground-Hits“, bricht es aus ihm nicht ganz unbescheiden heraus. Eine Spur sachlicher fügt er hinzu: „Zeitgemäße Alternativ-Kultur.“ Es ist nicht leicht, jedes Mal einen Spannungsbogen zu kreieren, den das Publikum dann mitgeht und der letztendlich auch trägt, zumal in der Regel drei Bands den Abend bestreiten.

Meist kommt zu Beginn ein klassischer Opener, eine Band, die erst mal die Zuschauer anfixt. Darauf folgt eine Band, die vielleicht schwieriger zu goutieren ist.

Und am Ende gibt es immer etwas Tanzbares, „damit man nicht so Hamburger-Schule-mäßig mit den Händen in den Hosentaschen rumsteht, sondern sich auch bewegt.“ So sieht Daniels ungeschriebenes Rezept aus für den Mensaeintopf jenseits des musikalischen Einerleis und Einheitsbreis. Sie setzen auf Qualität und picken quasi die Rosinen aus Kuchen raus, die die meisten einfach noch nie probiert haben, um beim Essensbild zu bleiben.



Paradehaft und paradigmatisch war der Abend mit (in dieser Reihenfolge) Crime Killing Joker Man, The Hirscheffekt und Miyagi. Auch unser Nachtmacher zählt es „vom Gesamterlebnis her zu den besten“.

Ans letzte Jahr anzuknüpfen war, ist und wird denn auch gar nicht so einfach für das Duo. „Für mich liegt die Messlatte hoch“, gesteht Daniel. Zudem war jetzt monatelang Pause – erst wegen Weihnachten, dann wegen der Semesterferien.

Er ist sich allerdings nicht sicher, ob er mit dem Mensa Live-Club weitermacht. Nicht etwa, weil die beiden ihr Ziel jetzt eigentlich erreicht haben. Nein, und das steht im Vordergrund, es fällt die Formulierung private Gründe. „Ich will einfach noch mal woanders hin, in eine andere Stadt, vielleicht auch ein anderes Land. Stockholm würde mich reizen.“ Eine gewisse Rastlosigkeit ist ihm eigen: Frankfurt, Berlin, Freiburg – das waren seine Stationen seit 2002. Dieses Jahr fällt die Konzertsaison im Mensa Live-Club etwas kürzer aus – und danach vielleicht ganz? „Sicher nicht“, beruhigt Daniel. „Dann macht Martin weiter.“

Was: Mensa Live-Club mit Dadajugend Polyform und Jacob And The Appleblossom, anschließend DJ Pornoladenerbe
Wann: Heute, Freitag, 30. April 2010, 21 Uhr
Wo: MensaBar, Rempartstr. 18
Eintritt: 6 / 8 €
Weitere Termine Mensa Live Club: siehe MySpace