Nachtmacher: Borderline Basel

David Weigend

Das sind Holger Probst (links, mit Telefon) und Marcos Maroñas (rechts, mit Peitsche). Die beiden werden morgen den renovierten, 500 qm großen Club Borderline in Basel eröffnen. Warum der Freiburger Probst von Nitebeat Events nun in die Schweiz expandiert und inwiefern Maroñas' Peitsche damit zusammenhängt, haben wir bei einem Besuch erfahren.



Borderland

Willkommen im Grenzgebiet: Der Club Borderline liegt malerisch zwischen dem Basler Schlachthof, Bahnhof Sankt Johann und einer Müllverbrennungsanlage. Die französische Grenze ist nur 800 Meter entfernt. Dahinter: Novartis. Kein Schild weist den Weg zum Club, man kann aber die Müllwerker fragen. Einer sagt: „Du musst vor zur Sammelstelle für tote Tiere. Gleich daneben ist der Club.“

Das ist genau das abgerockte Industrieflair, in dem die Gentrifizierung noch so weit weg ist wie der Sportclub vom Meistertitel. Wir folgen der Beschreibung und stoßen bei der Adresse „Hagenaustr. 29“ auf ein Schild mit der Aufschrift „Bropst AG“.

Hat Holger Probst, der hier ab morgen den Boderline Club führen wird, seinen eigenen Namen falsch geschrieben? Es gab ja schon mal eine Unstimmigkeit, bei seinem letzten Club 18 Months, der zuerst nur 15 Monate aufhaben sollte und später weit länger als 18 Monate an der Kajo residierte.



„Lustige Geschichte“, meint Holger. Er sitzt im provisorischen Büro, raucht und bündelt Frankenscheine. „Den Club hier gab’s ja schon früher. 2004 war ich das erste Mal da. Ich stand davor und sah das Schild Bropst AG, eine Reinigungsfirma, die sich direkt unter der Disko befindet. Ich sagte zu meinem Kumpel Marcos: „Fast mein Name, nur das B und das P vertauscht. Den Club sollten wir mal im Auge behalten.“ Marcos sagte: „Irgendwann werde ich den Laden übernehmen. Dann kannst du einsteigen.“ Gelächter, High Five.

Sechs Jahre später ist aus dem Spruch Ernst geworden: Der Freiburger Holger Probst (31) und der Basler Marcos Maroñas (34) übernehmen den Club Borderline. Wie kam es dazu?



 

Holger

Holger Probst (links) ist ein Mann, der sich gern im Hintergrund hält, kein Facebook-Profil hat und die Öffentlichkeit meidet. Er hängt lieber mit zerschlissenen G-Star-Jeans und Taschenrechner am Laptop und macht die Kalkulation; er denkt viel über Geld nach, aber er spricht nicht darüber; die Rolle des Partygecks mit den Models im Arm überlässt er anderen. Gleichwohl kommt man nicht umhin, seine umfangreiche Nachtmacher-Geschichte wenigstens schlaglichtartig aufzuzeigen, wenn man die südbadische Feierlandschaft kartographieren will.

Holgers erste große Veranstaltung war die Big Bang im Juli 2000. Er holte Monika Kruse und den dritten Raum auf den Lahrer Flugplatz. Von 2003 bis 2007 machte er in Michael Kuglers „Parkhaus“ das Booking, sorgte dafür, dass der Kenzinger Untergrundschuppen zu einem bundesweit beachteten Club für elektronische Musik aufstieg (übrigens ist Kugler auch wieder am Borderline Club beteiligt). Parkhaus-Veteranen schwärmen noch heute von der wunderbar verratzen Atmosphäre. Purer Techno-Hedonismus, Lagerfeuer im Hinterhof, endlose Afterhours, kaputte Klos, bröckelnder Estrich, Feiern ohne psychische Grenzen.



Weiter geht’s auf dem Probst-Zeitstrahl: Ein kurzes Partyintermezzo im ehemaligen Stinnes-Areal, dann F-Club, gefolgt von 18 Months und unzähligen Sausen im Güterbahnhof und im DOG. Irgendwie hat er immer seine Finger im Spiel, wenn in Freiburg was geht mit elektronischen Partys. Sein Adressbruch im Handy dürfte viel Speicherplatz benötigen. Probst schmeißt die Maria Bar. Bis 2006 legt er zusammen mit Daniel Schmidt unter dem Namen Phuture Traxx auf. Und verlegt nebenher den Ausgehkalender Nitebeat, der im Mai eingestellt wurde.

Wobei wir beim missing link zum alten/neuen Geschäftspartner Marcos Maroñas wären. „Im Jahr 2000 suchte ich für Nitebeat, damals noch Mehrflyer, Promotionswege in der Schweiz. So kam ich mit Marcos zusammen. Er kümmerte sich um unsere Belange, wir warben für seine Partys im süddeutschen Raum.“



Marcos

Marcos Maroñas sitzt Holger gegenüber im einzigen halbwegs ruhigen Raum des Borderline-Areals. Jenseits dieser Türe: Baustelle. Vor der technischen Abnahme des Clubs geht es an der Hagenaustraße zu wie im Termitenhügel: Ein einziges Gewusel. Bohrmaschinen, Hämmer, Bauarbeiter mit nackten Oberkörpern. Probst hat letzte Nacht drei Stunden geschlafen; auch Maroñas ist blass, aber er lächelt, zumindest, wenn er nicht gerade telefoniert, mal auf Spanisch, mal auf Italienisch.

Nachdem er dem dritten hereinplatzenden Installateur erklärt hat, wie der Griff für die Kellertüre anzubringen sei, schaltet er kurz sein Telefon stumm, zündet sich eine Zigarette an, klopft sich den Bauschuttstaub vom Jackett und gibt einen kurzen Abriss seines Werdegangs - "in dem Sinne", ein Anhängsel, das Marcos so gern verwendet wie andere Deutschschweizer das "oder?"

Basler spanischer Herkunft, Gymnasiast, Verkäufer im Außendienst, Callcenter Manager bei einer Krankenversicherung, nebenbei Partys organisiert, Flyer vertrieben; seit 13 Jahren an den Plattentellern als DJ Marcos del Sol, Auftritte bei der Street Parade und in Ibiza; Macher der Partyreihe „Noches con Sol“, die im Club Borderline stattfindet. „Diesen Club gibt es jetzt schon seit acht Jahren. Anfangs hieß er Echo. Am 10. Juli 2010 war hier die letzte Veranstaltung vor der Schließung und der Renovierung.“



Der Club

Jetzt geht es weiter im Industrieareal, mit echten Toiletten (davor gab es nur Klocontainer in der Disko, desöfteren daraus resultierende Überschwemmungen) und einem Konzept, das mit der Basler Clubszene nicht konkurrieren soll, sondern all jene Nischen füllen will, die es am Rheinknie noch gibt. „Bei uns werden neben den gewohnten Technopartys auch Fetischevents und Gothicpartys stattfinden“, sagt Maroñas.

Er steht in engem Kontakt zu den Betreibern von Schiff, Nordstern (beide Locations liegen übrigens in guter Reichweite zur Borderline) und Presswerk (das Ende 2010 schließen wird). Man wolle sich nicht auf die Füße treten, sondern sich ergänzen: „Wenn im Presswerk das gelbe Billett stattfindet, wäre es Schwachsinn, da mit Techno dagegenzubrettern“, sagt Probst. „Also ist bei uns an diesem Termin die Frauen- und Lesbenparty.“

Klingt ein wenig beliebig. Wo ist das eigene Profil, die Marke Borderline? Andererseits: Vielleicht muss man auf solch ein buntscheckiges Programm setzen, um heutzutage Geld zu verdienen im Clubgeschäft. Holger steht dazu, zumindest, was das Interieur betrifft: "Wir haben keinen bestimmten Stil, weil wir ja auch viele Fremdveranstaltungen drin haben. Das Borderline ist eine Halle mit zwei Floors, die wir auch vermieten wollen. Vom 60. Geburtstag mit Foxtanzen über Polterabend und 80er Jahre Party bin hin zu Techno muss alles möglich sein."

In Sachen elektronische Musik wollen Probst und Maroñas DJs von Junksound, Private Fiction und Pazzoide aufs Tableau bringen. "Auch ein Parkhaus on Tour wird es hier bestimmt mal geben", sagt Probst. Ab 2011 will er freitags und samstags öffnen, vielleicht auch donnerstags. Bis Jahresende 2010 wird jeden Samstag geöffnet sein, hin und wieder auch am Freitag.

Warum hat Probst diesen Club nicht in Freiburg gemacht? Offenbar, weil es im ehemaligen Z nicht geklappt hat. Und weil Probst die Herausforderung reizt. "In Freiburg haben wir, was elektronische Musik anbelangt, fast gar keine Konkurrenz. Hier dagegen ist sie sehr stark."



Der Veranstalter aus der Basler Szene und der Clubmacher aus Freiburg, das könnte hinhauen. Wenn Probst bis morgen Abend seine fünfseitige To-Do-Liste abgearbeitet hat, wird er sich vermutlich ein Glas Havanna Club Añejo 7 Años einschenken und nochmal tief durchatmen, bevor die ersten VIP-Gäste den renovierten Club zum Apero betreten werden. Und wenn Marcos gut drauf ist, holt er vielleicht wieder die Peitsche vom Aktenschrank, Relikt des Vorgängers, DJ Nico, ein bekanntes Gesicht der Basler SM-Szene. "Haut rein, Jungs!", wäre eigentlich die naheliegendste Abschiedsformel.

Website: Club Borderline
Was: Wiedereröffnung mit Anthony Rother live, Marcos del Sol, Fictionizer, Christian Tamorrini, Ed Luis, Cantina Brothers und anderen
Wann: Morgen, Samstag, 4. September 2010, 22-6 Uhr
Wo: Borderline, Hagenaustr. 29, 4056 Basel

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