Nachtmacher: Bela Gurath, Sea of Love

Markus Hofmann & Manuel Lorenz

Früher hat Bela Gurath in Freiburg Mode verkauft. Jetzt spielt er mit der Sea of Love in der Champions League der Elektro-Festivals. Ein Porträt.

Wer Cornelia Bruder in diesen Tagen am Tunisee bei Freiburg besucht, trifft eine Frau, die viele Kunden am Telefon vertrösten muss: „Bleiben Sie bloß am Titisee“, sagt die Chefin des Campingplatzes. „Am Wochenende findet das Sea-of-Love-Festival bei uns statt. Wir sind schon seit zwei Monaten ausgebucht.“ Einen Steinwurf neben dem Campingplatz treffen wir Bela Gurath in einer Gartenwirtschaft. Er bestellt einen Cappuccino und holt eine Sonnenbrille hervor: „Stört  es Euch, wenn ich sie aufsetze?“


Bela Gurath ist der Veranstalter des Festivals, das am kommenden Wochenende am Tunisee stattfinden wird. Jeweils 25000 Menschen werden am Samstag und Sonntag erwartet. Die Produktionskosten: 2,1 Millionen Euro. Das Line-up: hochkarätig. Im zehnten Jahr ihres Bestehens mischt die Sea of Love in der Champions League der europäischen Elektronikfestivals mit. Bela Gurath hat den richtigen Riecher gehabt. Wieder einmal.

Sei es die Fashionpartyreihe Extravaganca, die DJ-Bar Maria oder der Techno-Club F-Club – in den vergangenen 17 Jahren hat Gurath die Freiburger Clubkultur geprägt und die Stadt ein bisschen großstädtischer gemacht.

Dabei wäre Gurath womöglich nie in Freiburg gelandet, hätte es ihn nach dem Abitur nicht in die Berge gezogen. Aufgewachsen ist der gebürtige Berliner im Westen der Hauptstadt im vornehmen Grunewald, zwischen Seen, Wäldern und Villen. Sein Vater ist Unternehmer, seine ungarische Mutter Sprachwissenschaftlerin. Im Jahr 1991 will er VWL studieren, in München, wegen der Berge, um als Snowboardlehrer arbeiten zu können. Aber die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen schickt ihn nach Freiburg.

Gurath wird sein Studium nicht abschließen, obwohl er sogar eine Diplomarbeit geschrieben hat – über den Emissionshandel in den USA. Stattdessen wird er Modehändler und öffnet zwei Boutiquen: Kookai in der Salzstraße und Provinz Outfitters in der Universitätsstraße. „Wir wollten nicht für andere jobben, sondern selbst was machen“, sagt Gurath. Er besucht Fashionshows in Paris und Mailand. „Das war genau so lange toll, bis wir anfingen, Miese zu machen.“

Also fängt er an, Partys zu veranstalten, auf denen er seine Mode präsentiert. Sein Geschäftspartner ist ein Kommilitone aus dem Hörsaal, der den Kellerclub Orange M. in der Harmonie betreibt: Frank Böttinger. Gemeinsam gründen sie die Firma Endless Event. Ihr Erfolgsrezept: Mode plus DJ-Musik an ungewöhnlichen Orten. In Lichtspielhäusern und Großmarkt-Fruchthallen. In Hallenbädern und Autohäusern. Im Stadttheater und auf dem Kanonenplatz. Auf dem Areal der Brauerei Ganter und im Betriebshof der VAG. „Der Reiz war, an Orten zu feiern, die normalerweise nicht bespielt werden.“



Wer sich in der Clubszene umhört, stellt fest, dass Gurath polarisiert. Die einen beschreiben ihn als Motor und Macher mit Mut zum Risiko. Andere als kühl kalkulierenden Geschäftsmann mit wenig Idealismus. Beispiel Sea of Love: Dass Popstars wie David Guetta als Zugpferde vor den Festivalkarren gespannt werden, stört niemanden. Kritisiert wird, dass regionale DJs nur eine Nebenrolle spielen. Gurath argumentiert: „Dafür ist das Festival inzwischen einfach zu international.“

Think Big
, das passt zu Gurath, der eine Gänsehaut bekommt, wenn Tausende  Menschen bei der Sea of Love die Hände in die Luft strecken. Sei es das Public Viewing im Eschholzpark, das Schlossbergfest oder Partys im Alten Güterbahnhof: Seine Veranstaltungen ziehen die Massen an. Ist Freiburg nicht zu klein für jemanden, der mit Guetta den teuersten DJ der Welt  für seine Veranstaltung bucht? In der Tat hat sich der Mann mit dem kahl rasierten Kopf überlegt, nach Berlin zurückzukehren. Seine Berliner Wurzeln klingen immer noch durch, wenn er „ölf“ statt „elf“ sagt und „nüscht“ statt „nichts“. Er blieb dann doch in Freiburg – wegen seines Netzwerks.

Wenn Gurath von Clubs spricht, die ihn inspiriert haben, nennt er zuerst den Space Club auf Ibiza, wo in den 90er Jahren Kleinwüchsige auf Fahrrädern durch den Club gefahren und verrückte Dinge passiert sind, „die man gar nicht in der Zeitung schreiben kann“. Heute ist das Space eine Gute-Laune-Fabrik, in der die berühmtesten DJs der Welt auflegen. Die Soundanlage strotzt vor Kraft wie tschechoslowakische Leichtathletinnen in den 80ern. Und neben der Toilette befindet sich ein Souvenirladen.

Wer im Sommer 2011 mit dem Auto auf Ibiza unterwegs ist, sieht riesige Reklametafeln, die auf die DJs der Clubs hinweisen: Guetta. Tiësto. Kalkbrenner. Underworld. Es sind die Headliner der diesjährigen Sea of Love.

Ein Festival draußen im Grünen, dass passt irgendwie zur „Green City“ Freiburg. Doch trotz der prominenten Künstler reduzieren manche die Sea of Love auf ein Volksfest mit Bum-Bum-Bum am Baggersee. Gurath ärgert das, er verweist darauf, dass Moby mit einer 18-köpfigen Band am Tunisee auftritt. Was ist überhaupt Kultur? Und welche Rolle spielt elektronische Musik dabei? „Das ist die Kultur der jungen Leute, die Kultur der Jetzt-Musik“, sagt Gurath – und imitiert einen Geigenspieler: „Wenn Mimimi Kultur ist, dann ist Bum-Bum-Bum auch Kultur.“  Natürlich geht es bei dieser Diskussion auch ums liebe Geld und Zuschüsse von der Stadt. Vor wenigen Tagen hat er sich mit Vertretern des Freiburger Kulturamts getroffen, dessen stellvertretender Leiter Eichmeier Rückendeckung signalisiert: „Die Entscheidung trifft aber der Gemeinderat. Dass wir als Kulturamt sein Festival begrüßen, ist nicht entscheidend.“

Im Oktober wird Gurath 43. Die Distanz wird größer zu den jungen Leuten und ihrer Jetzt-Musik. Zuletzt hat er sich rar gemacht als Nachtmacher: „Ich sehe mich nicht mehr im Nachtleben. Das bin ich nicht mehr.“ Ob er die Extravaganca weiter veranstaltet, ist offen. Stattdessen denkt Gurath darüber nach, eine Familie zu gründen. Ein Baby hat er schon: die Sea of Love. „Die will ich weiter wachsen und gedeihen sehen.“