Nachtmacher: Alex Hässler alias Pornoladenerbe

David Weigend

Alexander Hässler (31) ist einer von denjenigen, die dieser Tage was bewegen im Freiburger Nachtleben. Ein Partyalarmist des gepflegten Bad Taste, eine Thekenkraft, die den Freak Out ausschenkt. Ein Hausbesuch beim Pornoladenerbe mit Einblicken in seine Grunge-Vergangenheit.



Das hier ist „Pornoladenerbe“ Alex Hässler als Rocker. Da war er 16. In dieser Aufmachung stand er freitags immer in der „Scheuer“, einem selbstverwalteten Jugendzentrum in seinem Heimatort Villingen. Alex machte die Theke und legte beim "Grunge-Abend“ CDs auf. CDs, die er sich nach stundenlangen Anhörorgien an der Vorspielbar der örtlichen Müllerdrogerie gekauft hatte. Zum Beispiel „Black Hole Sun“ von Soundgarden. Die Villinger Grungejugend fand sich dann auf der improvisierten Tanzfläche wieder. „Zwei Schritte nach vorn, einer nach hinten, hängender Kopf, Hände auf den Rücken“, so wurde getanzt, erinnert sich Alex.


In der neunten Klasse machte er ein Bogy-Praktikum in der Villinger Commerzbank. Er kam angeschlurft im schwarz-weißen Karohemd, zerschlissener Jeans, Pearl Jam-Shirt und in Caterpillars. „Wenn Sie dann morgen am Schalter stehen, ziehen Sie sich doch bitte was anderes an“, ließ man ihn wissen.

Jetzt, 16 Jahre später, sitzt Alex Hässler in seiner Zweier-WG in der Uferstraße. Er trägt ein schwarzes Shirt mit einem Astronauten drauf, schwarze Jeans und schwarze Adidas-Sneakers. Den Rasierer hat er vier Tage lang nicht benutzt. Aus einem Havana-Rumglas trinkt er Leitungswasser. „Ich kann dir Kaffee anbieten, aber leider nur schwarz“, sagt Alex. Wir haben es hier mit einem Ex-Grunger zu tun, mit einem diplomierten Sozialarbeiter, der sein Geld lieber als Konzert- und Partyveranstalter verdienen will. In den vergangenen Monaten zeichnete sich ab, dass die Chancen dafür gar nicht so schlecht stehen.

Alex kam im Jahr 2000 nach Freiburg, absolvierte seinen Zivildienst im Altenheim. Danach studierte er Sozialpädgogik. 2003 begann er, an der Theke im Waldsee zu jobben, sein Einstieg ins Freiburger Nachtleben. Einmal wischte er frühmorgens den Tanzsaal nach einer Root Down-Party. Da kam ein Mann, der mitten durch den Müllberg latschte, den Alex gerade zusammengekehrt hatte. „Ey, kannst du nicht aufpassen?“, schnauzte Alex. Der Heini sah ihn nur etwas hochmütig an. Später erfuhr Alex, dass es sich um Richard Dorfmeister handelte.



Nach und nach lernte Alex Leute kennen, die der badischen Subkultur Leben einhauchten. Die Urgesteine, Frank Geisler etwa, der ehemalige Gastrochef im Jazzhaus, der Mann mit der vielleicht größten Countrysammlung in Freiburg; und die Frischlinge, Torpedo Tom und Carla Commodore, mit denen er sich schnell anfreundete. Durch diese Freundschaft wurde er reingezogen in den Beatsalon im Ruefetto, später in den PlasticPopupClub in der Jackson Pollock Bar. Dort stand Alex zwei Jahre lang an der Tür. „Ich bin allerdings keiner, der den Polizeigriff kann“, sagt Alex. Aber offenbar brauchte er, Typ entwaffnender Balou, den Polizeigriff auch gar nicht.

Irgendwann kam der Punkt, an dem er merkte: dieses Sozialarbeitsgedöns ist zwar ne gute Sache, aber mein Herz schlägt eben doch für Partys, Bands und Konzerte. Alex, der Veranstalter. Er organisierte „The Heavy“ im Räng Teng Teng. 170 Zuschauer, „mein erstes Highlight“. Das Kamikaze wurde für Alex zum Heimathafen, er schmiss „die kleine“ und die „Neon“-Tanzbar.

Sein Erfolgsrezept ist bis heute denkbar einfach. „Es bumst oder es bumst nicht. Wenn’s mich rockt, rockt’s andere auch. Völlig wurscht, ob das jetzt Elektro, 60er Beat oder Soul ist.“ Vogelwilder Eklektizismus, der seine Wurzeln auch irgendwie in der Dorfdisse hat, genauer im „Delta Animalhouse“ in Donaueschingen, Anlaufstelle für den jugendlichen Alex. „Da lief ne halbe Stunde dieser Metalkram, Sepultura, Life of Agony und so. Und dann kam ein Cut: Sexy Motherfucker von Prince. Plötzlich waren auch wieder die Mädels auf der Tanzfläche.“ Das habe ihn schon ein wenig geprägt.

Alex Feuertaufe für ein größeres Konzert war der Bonaparte-Gig vor einem Monat in der Mensabar. 700 Zuschauer, ausverkauft. „Ich hatte Schiss wie Sau, dass das in die Hose geht“, sagt Alex heute. Aber es lief alles glatt.



Das nächste Baby von Alex heißt Basskonformes Lotterleben, eine Partyreihe, die regelmäßig an verschiedenen Örtlichkeiten stattfinden soll und in einer Woche startet. Die ersten Konzertabende stehen bereits und wenn Alex von den Protagonisten spricht, klingt es ein wenig so, als erzähle er von Musikern, die unter Hyperaktivität leiden und ihr hektisches Wirrwarr in exhibitionistischem Wagemut nach außen tragen: „Saalschutz machen Rave-Punk und gehen immer nach vorne, ich bring dann noch die Sexinvaders ins Spiel. Im Dezember haben wir einen Juri Gagarin-Gig im KGB klargemacht und am 21. Januar kommen Schluck den Druck ins Waldsee. Die haben im Mai ja schon das Kamikaze abgerissen.“ Alex’ Lotterleben-Abschnittspartner nennt sich Björn Peng, DJ aus der KTS-Szene, „Mister Kirmestechno, der macht immer Alarm.“

Da kann man sich nur noch nach vorn lehnen, noch einen Schluck vom pestschwarzen Kaffee nehmen und feststellen: Ja, diese Partyreihe hat Freiburg noch gefehlt.

Schön ist auch, dass Alex jungen Nachwuchsirren aus der Regio auf seinen basskonformen Veranstaltungen eine Plattform bieten will. Zum Beispiel den zwei Jungs von Slashaid aus dem Kaiserstuhl. Sie standen, meint er sich zu erinnern, irgendwann vor Alex in der Tanzbar und meinten: „Hey, wir haben da ein paar Tracks, mit denen bomben wir das Kamikaze in zehn Minuten kaputt.“ Abschließend zu diesem Thema sagt Alex: „Wir wollen nicht, das man das Ganze allzu ernst nimmt.“



Okay, aber wo kommt dann die Kohle her? Am Ende des Tages muss doch auch beim Pornoladenerbe ein bisschen goldener Rum im Glas schimmern und nicht bloß Leitungswasser. „Ach, momentan passt es“, sagt Alex. „Ich schwimme nicht in Geld und es ist auch ein bisschen ne One-Man-Show. Ich mach’ die ganze Promo selber, hänge die Plakate, das volle Programm. So ist das eben.“

Und der ausverkaufte Bonaparte-Gig? „Mit Konzerten in dieser Größenordnung wirst du nicht reich.“ Aber vielleicht glücklich. Viel Promo läuft bei Alex übrigens über Facebook, bezeichnend für einen Partyveranstalter im Jahr 2010. „Du erreichst auf einen Schlag 2000 Freunde. Aber es ist auch ein Vabanquespiel, weil du den Leuten schnell auf den Sack gehen kannst. Man darf es nicht übertreiben mit den Einladungen.“



Aber bei seinen Partys, da übertreibt Alex es gern mal. Das gehört zum Konzept. Am 10. Dezember etwa hat er eine Scooter Warm Up Party organisiert mit einem H.P. Baxxter Lookalike-Wettbewerb. Und für den 12. Dezember chartert er zusammen mit Björn Peng einen VAG-Partywagen, der als Shuttle zum Scooterkonzert fahren soll. „Das wird dann so eine Art Kirmestechnotram“, sagt Alex. Ja, er sei schon ein bisschen ein Freak.

Letzte Frage: Warum nennt sich Alex Hässler eigentlich Pornoladenerbe? „Meine Mutter zog 2001 in den Pott. 2005 übernahm sie einen Sexshop in Wuppertal.“ Alex war noch nie drin und der Kontakt zu seiner Mutter ist nicht der engste. Aber „Pornoladenerbe“, dieser Name, bleibe hängen. Darauf kommt es wohl an.

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