Nachtmacher (6): Breakbeat Movement

David Weigend

Freiburg ist nicht so eine typische Drum'n'Bass-Stadt wie Mannheim. Aber auch hier gibt es eine kleine, gepflegte Szene dieser Ausflippmucke, deren lokale Protagonisten im folgenden durchgefuddert werden. Mikro an für Breakbeat Movement.

Was ist eigentlich Drum’n’Bass? Ein Technoderivat, das Anfang der 90er Jahre von England über den Ärmelkanal schwappte; ein rastloser Bastard aus House, Elektro und Reggae, gepitcht auf 140 bis 175 Beats pro Minute; Tanzmusik zum Stabhochspringen, Bäumeausreißen und Durchmachen. Der falsche Sound, um sich mit Freunden auf ein Weinchen zu treffen und über den Urlaub zu plaudern.


Zudem ist Drum’n’Bass ein Genre, das polarisiert. Diese Feststellung macht jedenfalls Philip W., als MC Fava ein Teil der Freiburger Crew „Breakbeat Movement“: „Bei den Ersthörern sagen die einen ,Wie krank, dieser nervöse Beat!’, die anderen sagen: ,Whow, das kickt brutal!’“

Philip sitzt auf einer Couch im Freiburger Stadtteil Waldsee. Er ist so einer, bei dem man sich eine Konfliktsituation nur schwer vorstellen kann. Der 29jährige Rastaträger sagt zwischen seinen Sätzen oft „Cool!“, „Easy!“, „Fresh!“ und so weiter. Zeremonienmeistersprech. Neben Philip sitzt Elmar Kölz, 31, ursprünglich aus Heitersheim, heute Kaminfeger im Freiburger Osten. Bei Breakbeat Movement nennt sich Elmar DJ Netto.



Er trägt eine schwarze Latzhose, ist gerade von der Arbeit heimgekommen und erzählt von der Initialzündung, die ihm die Drum und den Bass in den Kopf geschossen hat: „1992, Prodigy, Out of Space. Zu diesem Zeitpunkt war ich 17 und beinharter Metaller. Lange Haare, Kutte, volles Programm. Ich war Gitarrist in einer Band namens Corruption. Und dann kamen Prodigy und haben alles über Bord gespült, was mich damals angeturnt hat.“

Seit 1992 legt Elmar auf. Damals, als er sich noch Walhalla Walter nannte („wir haben uns früher immer mit dem Vornamen unserer Väter angesprochen“) und die beginnende Freundschaft mit dem Bugginger Shaddy pflegte, der damals noch keinen House, sondern Acid und Breakbeats auflegte, damals also traf sich die südbadische Drum’n’Bass-Szene zu vogelwilden Outdoorfeiern.

„Der Motor war das Journeyteam, eine Posse aus Bad Krozingen. Die haben Partys organisiert in Waldhütten und auf Bergen. Da durfte ich zum ersten Mal mit meinen Platten ran. Wichtig war damals auch Kulturschock e. V., eine Drum’n’ Bass-Crew aus Müllheim. Die haben mal eine Party am Anglerheim gemacht, das war geil. Solche Partys fehlen heutzutage.“

Bei Elmars letztem Satz beginnt Philip zu nicken und sagt: „Die inoffiziellen, etwas dreckigeren Partys interessieren die Leute doch eher als die stupide Clubkultur. Ist zumindest mein Eindruck. Am 2. Oktober war ich um 4 Uhr morgens am Güterbahnhof, beim „Beatbetrieb“. Das war total versifft, die Bar hingeschustert, göttlich. Wie früher auf dem Vaubangelände in der Bauküche. Die Party willenlos im Gange, total heiß. 150 Leute in so nem Kabuff. Alle schön am Schwitzen.“

Ach ja, man kommt ins Schwelgen. Was richtig schön Trashiges müsste man mal wieder aufziehen, sagt Philip. „So schön unsere Clubparty im schnieken Palladium auch ist.“ Elmar befeuchtet den Klebestreifen seiner Selbstgedrehten, geht zum Fenster und sagt: „Ich finde, eine richtige Clubkultur gibt es in Freiburg gar nicht. Das ist schon ein Problem. Die Schließzeiten sind doch lächerlich. Viele müssen um 3 oder 4 Feierabend machen, da geht’s doch in anderen Städten erst los. Da kann sich doch nichts entwickeln.“



Zurück zur Historie. Eine der ersten wichtigen Clubs für Drum’n’Bass in Freiburg war neben dem Crash (Ed Rushs Auftritt 1995 ist vielen in bester Erinnerung) der Keller 264, der Mitte der Neunziger „Extreme“ hieß.

Dort hielt das Journeyteam Einzug und sorgte gemeinsam mit Noiseplant für den Aufbau einer Derwischgemeinde, die heute etwa 200 feste Mitglieder verzeichnet.

Im November 2001 dann formierte sich Breakbeat Movement und griff mit der neuen Partyreihe „Jungle Club“ ins Geschehen ein. Philip erinnert sich: „Wir haben 5000 Flyer verteilt. Dann standen 680 Leute vorm Jazzhaus. Es war knallvoll und hat uns umgeblasen. Elmar ergänzt: „Ich war damals noch als Gast da. Die Leute waren richtig heiß. Alle nur am Grinsen. Sind voll abgegangen und haben sich Knoten auf die Beine gemacht.“

Dreieinhalb Jahre öffnete der Jungle Club im Jazzhaus, jeweils einmal im Monat. Dann kamen weniger Leute, so dass die Frequenz auf den Zweimonatsturnus verringert wurde. Die Breakbeat-Bewegung besteht mittlerweile aus fünf Mitgliedern: MC Fava, DJ Netto, DJ Spitfire, der luxemburgische Produzent Kosmoo, der australische Videokünstler Treason und Liveschlagzeuger Drum’n’Simon.

Mittlerweile sind die Enthemmer ins Palladium umgezogen. Wo normalerweise in streng festgelegten Schrittfolgen Salsa und Tango getanzt wird, gehen alle zwei Monate die Drum’n’Basser so ab, wie sie gerade Lust haben.

Auch heute abend, wenn die Crew ihren fünfjährigen Geburtstag feiert. Der wichtigste Gratulant ist Nicky Blackmarket aus London, ein Mann mit gewichtigem Plattenkoffer. Die fudderredaktion hofft inständig, dass der ihn unterstützende MC Philip W. from Kippenheim, Ortenau die Jägermeisterflasche nicht gar so schnell leeren wird wie vor einigen Jahren: „Letzter Tag im Semester, zwei Prüfungen geschrieben. Danach: Jägermeister. Anschließend auf nüchternen Magen MC für nen DJ aus London.

Um zwei gehen bei mir die Lichter aus. Habe praktisch zwei Stunden gelabert, ohne danach was davon zu wissen. Geschwankt, am Bühnenrand, aber nie hingeflogen. Irgendwann musste ich mich aufs Mischpult übergeben, hab dann aber tapfer weitergemacht. Die Nacht endete auf der Jazzhaustoilette. Der Türsteher hat mir irgendwann die Tür gegen den Kopf geschlagen.“

Zum Schluss hat Elmar noch ein Anliegen. Seit zwei Jahren moderiert er eine Radiosendung auf Radio Dreyeckland. In Zukunft will er verstärkt Drum’n’ Bass spielen und der Sendung deshalb einen neuen Namen geben. Drei stehen zur Auswahl:

1.Breakbeat Resistance
2.Breakbeat Ponderosa
3.Buena Vista Breakbeat Club

Elmar würde gern Euren Namensfavoriten erfahren. Droppt ihn einfach in den Kommentaren.

Mehr dazu:

Was: Jungle Club mit Nicky Blackmarket
Wann:
Freitag, 24. November, 22 Uhr
Wo:
Palladium