Nachtmacher (3): Marco Hoffmann

David Weigend

Voilà, die dritte Folge unserer Nachtmacherserie. Nach House und Indie widmet Fudder sich heute dem HipHop. Gesprächspartner ist der Mann hinter den Ratiophunkpartys im Waldsee, Marco Hoffmann. Als Verstärkung bringt er vorsichtshalber seinen Geschäftspartner mit: DJ F-Dic (der mit dem Kleeblatt).



30 Zentimeter vor Marco Hoffmanns Nase duften abgebräunte Spiegeleier und gebratener Speck. Vor wenigen Stunden noch steckte diese Nase im Bierschaum einer Geburtstagsfeier. Jetzt rührt der Verkaterte sein englisches Frühstück nicht an. "Hallo, könnte ich noch Ketchup haben?"


Erst, als sich der rote Gewürzklecks auf dem Teller breit macht, beantwortet Hoffmann irgendwelche Fragen. Sie drehen sich um dieses Fotoalbum mit dem grünen Ledereinband. Es liegt neben den Spiegeleiern und ist von der Art, wie sie memorierungswütige Senioren bevorzugen. 60 Doppelseiten mit Fotoerinnerungen “als wir noch jung waren.” Hoffmanns Album enthält 60 Doppelseiten Partyflyer: Ratiophunk im Waldsee, Jamsession und Battle of the Month im Z, Gigs von Toni L, Creutzfeld & Jakob und Aggro Ansage No. 4 (“Diese Typen sind zu nichts zu gebrauchen”), all das geht auf die schwarze Kappe des 27jährigen Karlsruhers.

Unter dieser Kappe, am Haaransatz, findet sich der winzige Schmiss einer Fechtwaffe. Hoffmann ist VWL-Student und Mitglied einer schlagenden Landsmannschaft in Zähringen. Hip-Hop und Studentenverbindung? “Warum nicht? Ich bin zu Partys öfters schon in Anzug und mit unserem weiß-grün-schwarz-weißen Cimbria-Band erschienen. Ich stehe dazu. Wir haben auch schon Hip-Hop-Partys im Namen der Verbindung gemacht.” In Hoffmanns Verbindungskeller stehen Zapfanlage, Plattenspieler und meist auch die letzten Afterhourteilnehmer, die nach einer Rheimlandparty im Z des Stehens noch mächtig sind.

Hoffmann, der Organisator von Hip-Hop-Kaffeefahrten mit Ausflippfaktor: “Wir wollen ein Partymob sein. Da kommen die verrückten Freiburger und machen Vollalarm - das ist meine Vorstellung von Party.” Hoffmann spült den Speck mit Limo runter. “Wir sind einmal mit einem 70 Mann-Partybus nach Hannover gegurkt, zu ner Battle. Die Fahrt ging acht Stunden. Wir haben die ganze Zeit gefreestylt, über dieses Cut-Mikro vom Busfahrer.” Der meinte zum Schluß: “Das war die schlimmste Busfahrt meines Lebens.”

Man wird dem Vollalarmisten allerdings nicht gerecht, wenn man ihn bloß als Rap-Ballermann mit “Dirty Headfuck”-Veranstaltungen darstellt. Hoffmann bemüht sich bei Musik und Gestaltung seiner Partys um Qualität. Und er zeigt, dass es möglich ist, in Freiburg auch ohne 50 Cent-Endlosschleif-Feten Geld zu verdienen. “Wir spielen Hip Hop aus den guten, alten Neunzigern. Und Funk. Manchmal mixen wir Breakbeats rein. Von diesem ganzen Jiggyzeugs distanzieren wir uns total. Das sollen andere machen, Kapone zum Beispiel. Wir wollen den Leuten eine Alternative bieten zu diesem Poserquatsch.”

Hoffmann ist bei den Spiegeleiern angelangt und verlautknuspert den Abriss seiner Beatbiographie: Als 11jähriger das erste Fanta 4-Konzert in Durmersheim (unter Obhut der Eltern); nach der Realschule beginnt Hoffmann mit Graffiti, seine Werke sind noch heute in Karlsruhe zu sehen; 1996 undergroundiges Auflegen im Nordbadischen und Freestyle-Sessions, aus denen zwei wichtige Karlsruher Crews hervorgehen: Illyricum und Aufnahmezustand; gleichzeitig formiert sich mit der Chilla Guerilla eine beachtliche Sprüher-Connection. “Unsere Maler gehören zu den Besten in Süddeutschland.” 2006 lässt Hoffmann sein Bookingnetzwerk Rheimland als Firma registrieren. Zuvor schon hat er unter diesem Namen Jams und Partys im Z organisiert, auch Wettbewerbe, in denen er als Jurymitglied fungierte. “Das Niveau hier ist erstaunlich, verglichen mit Jams in anderen Städten. Da kriegst du meist zwei Kool Savas-Verschnitte, einmal Aggro-Fraktion und das war’s. Im Dreiländereck haben die Bands mehr drauf.”

Die Bihtnik Crew zum Beispiel. Andreas Wieland (DJ F-Dic), der Hoffmann gegenüber sitzt und sich mit ihm die Geschäftsführung von Rheimland teilt, war für einige Zeit ebenfalls ein Bihtnik. “Um mir meine ersten beiden MK 2-Technics (Plattenspieler) zu leisten, habe ich für ein Sanitätshaus Pflegebetten ausgeliefert und Rollstühle repariert”, erinnert sich der 24jährige. Wieland, der Nadelabhängige. "Ich bin als 16jähriger von der Schule heimgekommen und hab erstmal zwei Stunden lang gesratcht." Der Scratcher mit den Skaterklamotten würde von einem Fachorgan wie Juice wahrscheinlich als “conscious” tituliert werden. Wieland spricht über den Werteverrat im heutigen Hip-Hop-Biz. Aufbegehrende Public Enemys früher, Mehr Kohle Atzen heute. “Es dreht sich doch nur noch um Zaster, Dealen, Pimps und Gewalt.” Dennoch räumt er ein: “Klar vermitteln manche Songs, die ich auflege, auch die Shake your Body-Message.”

Das Angenehme an diesen zwei Nachtmachern ist das Unplakative. Vielleicht machen sie und ihre Kameraden die besten Partyflyer in Freiburg. Keine barbusigen Frauen, keine Kanonen, kein Geflunker. Dafür Turntables in Tablettenform. Ratiophunk. Man sieht sich am Sexshop.