Nachtmacher (18): Karl-Heinz Willmann

David Weigend

Das Tacheles ist eine trendresistente Partybastion für Studenten, Kreisligakicker und Teilnehmerinnen von Jungfernabschieden, denn es kostet keinen Eintritt und lädt in seiner Mischung aus Après-Ski-Hütte und Club Daneben zum Feiern ein. Weniger bekannt ist, wer im historischen Keller an der Grünwälderstraße die Fäden in der Hand hat. Ein Treffen mit dem "Charles Bronson von der Bischofslinde".



Im Moment hat Karl-Heinz Willmann bloß eine Flasche Cola Zero in der Hand. Er sitzt in der guten Stube des Tacheles, am Kachelofen gegenüber der Theke. Hinter ihm in der Ecke die gelbe Fahne mit dem „GebührenFREI“-Slogan, gleich darüber eine Werbung für „Southern Comfort“.


Der 55-Jährige hat eine angenehme Stimme und Augen, die auch Trauriges gesehen haben. Aber wenn er lacht, dann verzieht sich sein ganzes Gesicht zu einer Miene, die zwischen Ignaz Fasnet und Crusty, dem Clown changiert. Bleiben wir zunächst bei den Tatsachen.



Halbstarke Jugend

Willmann wird 1953 geboren und wächst mit sechs Geschwistern auf am Zehntsteinweg, tief im Freiburger Westen. „1953, da war die Welt noch e weng anders wie heute, ganz klar“, sagt er. Der Vater ist Schreiner, viel Geld haben die Willmanns nicht. Karl-Heinz lernt früh, sich durchzusetzen. „Da hast du dir neue Schuhe gekauft. Bist nicht früh genug aufgestanden am nächsten Morgen. Da hatte die Schuhe schon der nächste Bruder an. Das war einfach so.“

Karl-Heinz kickt in der Jugend vom Freiburger FC, Stürmer, vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr. Damals spielte der FFC noch Zweite Bundesliga. „Die jungen Leute hocken heute am Computer, X-Box und weiß Gott was alles. Wir haben nach dem Mittagessen gekickt. Um Fünfe gab’s Essen. Wenn alle gegessen haben, hat der Vater die Küche abgeschlossen. Feierabend. Gibt nichts mehr. Morgen früh wieder.“



Im Sommer trifft sich Karl-Heinz mit seiner Clique am Flückinger Baggersee. „Da waren wir dann. Als Halbstarke. Den ganzen Tag. Und am Wochenende haben wir bei den Studenten die Kühlschränke ausgeräumt, wenn wir nichts zu essen hatten.“ Und da ist sie dann wieder, diese Ignaz Fasnet-Crusty-Lache. Von Null auf Hundert.

Karl-Heinz, der Halbstarke: im Cafe Metzinger, unten, bei der Eintracht. Kickern und Flippern. Dann ins Blow Up in der Humboldtstraße. Oder ins 25. Samstags gern auch in die Tanzschule Fritz, damals noch im Karlsklotz. Disco mit hübschen Mädels. „Mit unseren Zündapps sind wir auch nach Norsingen in ein Tanzlokal oder hoch zum Titisee, in die Tic Tac Bar. Wir waren überall unterwegs. Unsere Zündapps sind 80, 90 gelaufen."



Hertie

Willmann schließt seine Lehre zum Feinmechaniker ab. Er bekommt eine Anstellung bei Hertie. Im Freiburger Kaufhaus soll er sich um die Haustechnik kümmern. Dass er seinen Job gut macht, spricht sich herum. Bald ist er sich zuständig für die Haustechnik im Kaufhaus des Westens in Berlin und für das Alsterhaus in Hamburg. Von der Kostenschätzung bis zur Abrechnung mit den Handwerkern, Willmann behält den Überblick. Willmann versteht die Sprache der Architekten, kann aber auch selber Hand anlegen, wenn die Lüftung nicht funktioniert.

Das Sportheim

Im Sommer 1984 kommt in Willmanns Biographie ein Wendepunkt, eine Entscheidung, die man zunächst mal nicht nachvollziehen kann.

Willmann lebt zu diesem Zeitpunkt in der Nähe von Frankfurt, ist glücklich verheiratet und könnte im Beruf nicht erfolgreicher sein. Willmanns Bruder Rolf reist mit seinen Mannschaftskollegen der Alten Herren aus St. Georgen ins Hessische, zu einem Freundschafsspiel beim FC Dietzenbach, wo Karl-Heinz kickt.



Nach dem Spiel sitzen die beiden Brüder auf dem Balkon. Rolf nippt einen Schluck Weizen, wischt sich den Schaum vom Mund und sagt: „Mensch, Karl-Heinz, du willst doch immer zurück. Jetzt kriegst du die Chance. Bei uns in St. Georgen wird das Clubheim frei. Hast du nicht Lust, da eine richtige Gaststätte draus zu machen?“ Nach drei Wochen Bedenkzeit sagt Karl-Heinz zu. „Entscheidend war für mich der Gedanke, selbständig zu werden. Ich habe immer diese Power gehabt.“



Eine Power, mit der Karlheinz das Clubheim des FC St. Georgen nach eigenem Bekunden zu einer Art Szenelokal umkrempelt. „Die 20-jährigen Fußballer, die Jugend, die saßen bei mir bis Sonnenaufgang. Wir haben Playbackshows gemacht und so was. Hab noch Filme davon.“

Der Quereinsteiger

Das Clubheim ist erst der Anfang. Willmann steigt in den Ring „Gastroszene Freiburg“, übernimmt nach und nach die Pacht vom Tennisstüble in Gundelfingen, vom Kupferdächle in Haslach und von der Schneeburg in St. Georgen. Später kommt das Premium auf der Haid dazu (inzwischen von seiner Exfrau geführt) und das Freiburger Steakhaus (Ex-Albatross). „Auf einem Bein kann man nicht stehen“, sagt Willmann.

Tacheles

Vor fünf Jahren kursierte in Freiburg der Wunsch nach einer Disco ab 30. Willmanns Lösung: das Trofana in der Grünwälderstraße 17. Im Januar 2002 eröffnet er den Tacheles-Vorgänger nach Vorbild der Après-Ski-„Trofana Alm“ in Ischgl. „Da geht’s mittags los mit Après Ski, von 19 Uhr bis 22 Uhr Speiselokal, danach Disko. Das habe ich mir ein bisschen rübergezogen“, sagt Wittmann. Der Haken am Konzept war vor allem der Name „Trofana“. "Der war schlecht. Die Gäste kamen rein und haben Pizza bestellt."



Also: Neuer Name, neues Konzept. Tacheles, das knallt. Auch wenn Willmann bei der Etymologie ein wenig im Trüben fischt, wenn er sagt: „Tacheles kommt ja aus dem Bayerischen.“ Tacheles kommt tatsächlich aus dem Jiddischen. Aber Hauptsache, die Gäste kommen. Und zwar jüngere. Die haben zwar weniger Geld, gehen dafür aber mehr aus.

Willmann, inzwischen 49, holt sich Studenten ins Management, Trenderkenner, die ihm sagen, was die jungen Leute so wollen und erwarten von einem gelungenen Samstagabend. Die Rechnung geht auf. Tagsüber Schnitzel, Abends DJ Sechser.



Das Tacheles erweist sich als trendresistent, während es mancher Mitbewerber schwer hat in der Innenstadt. Das Schneerot etwa, sicherlich ein Club mit einem ganz anderen Zielpublikum. Willmann hat sich diese Disco auch mal angeschaut und sagt: „Ich habe mich da nicht besonders wohlgefühlt. Da meint jeder Zweite, er muss die Nase hoch tragen und am besten seine Autoschlüssel auf den Tisch legen."



Generation Ratlos

Etwa 70 Leute arbeiten im Tacheles, die meisten von ihnen sind Studenten. Willmann unterhält sich oft mit ihnen und mitunter geht es in diesen Gesprächen um Existenzielles. Lassen wir deshalb einmal das Tonband mit O-Ton Willmann etwas länger laufen: „Einige, die hier arbeiten, haben schon fertig studiert. Aber sie bleiben hier und jobben weiter. Frag ich: ,Wieso?’ Sagen die: ,Auf meinen Beruf krieg ich nichts.’ Frag ich: ,Ja, was hast du denn studiert?’ Des und sell, sagen sie dann.

Da sag ich: ,Was studiert ihr alle für nen Mist?’ Ich bin halt so aufgewachsen. Erfolgsbezogen. Du musst was lernen, damit du dir später was leisten kannst, dass du dir ein Haus kaufen kannst. Die Leute heute sind 30, 35 und gammeln immer noch rum. Da frag ich: ,Wie stellst du dir deine Zukunft vor? Willst du nicht mal ein Haus? Kinder? Ein schönes Auto?’ Antwort: ,Och, das weiß ich nicht.’ Das ist abartig. Diese Generation macht sich keinerlei Gedanken darüber, was sie später mal erreichen will.



Warum ist das so? Ich denke, es gibt eine gewisse Gleichgültigkeit bei den jungen Leuten. Die leben alle so von der Hand in den Mund. Mehr oder weniger. Auf Statussymbole, so wie wir, legen die überhaupt keinen Wert. Null. Für mich bedeutet Status zum Beispiel: ein schönes Auto. Oder ein schönes Haus. Das hat natürlich Priorität. Es gibt ja andere, die leben auf ner Bananenkiste, Hauptsache, sie können sich irgendwo zeigen. Aber die jungen Menschen heute, die legen da keinen Wert drauf. Die wollen größtenteils Partymachen, Essen, Saufen, Kampftrinken. Die sind so, die Jungen.“

Am Strand von Saint-Tropez

Warum vertritt Karl-Heinz Willmann, dessen Bruder Dieter übrigens zwei Mal Deutscher Eishockeymeister mit der Düsseldorfer EG wurde, warum vertritt er diese Haltung zur Generation seiner Nachfolger? Vielleicht, weil er von klein auf kämpfen musste. Weil er mit 15 putzen ging, um sich mit 16 das erste Moped zu kaufen. Weil er immer nebenher schaffen musste, um sich seinen nächsten Traum erfüllen zu können. Denn Träume hatte er. Und die Erfüllung war ihm nicht gleichgültig.



Am Meer war er nie, bis er 19 war. Urlaub war nicht drin beim Lohn seines Vaters. Aber als er das Meer zum ersten Mal sah, sagte er sich: ich komme wieder und ich mach mir hier ein schönes Plätzchen. Saint-Tropez. „Ich habe direkt am Pampelonne Strand nen Wohnwagen gehabt, 9, 50 Meter mal 2,50 Meter. Fest, mit Schlafzimmer.

Später habe ich den Bootsführerschein gemacht und dann den Taucherschein. Daheim hatte ich ein großes Aquarium mit Meeresbewohnern, die ich selber gefangen habe." Hier sitzt einer, der nichts geschenkt bekam und der deshalb nicht verstehen will, warum manch Jüngerer so nachlässig mit seinen Möglichkeiten umgeht.



Rach

Klar ist Willmann irgendwo auch ein Mainstream-Mann. Er hört Baden FM, mag die Bee Gees, aber auch a-ha, da ist er flexibel, wie er meint. Und ebenso schätzt er die neue Integrationsfigur der neuen deutschen Gastro-Unterhaltung, Christian Rach, den Restauranttester.

"Ich schaue den auch gern. Aber, ohne, dass ich eingebildet bin: Der Mann könnt mir nix lernen. Was soll der mir lernen?"



Web: Tacheles
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