Nachtmacher (15): Achim Schönwiese & Hans Weimann

Nina Braun

Es ist wohl einfacher, bei Amy Winehouse einen Interviewtermin zu bekommen als bei diesen zwei medienscheuen Waldsee-Männern. Nun hat es dennoch geklappt: Geschäftsführer Achim Schönwiese und Betriebsleiter Hans Weimann haben uns erzählt, wie sie zum Waldsee kamen, wie tageins und root down entstanden und wo sie ihre Rolle im Freiburger Nachtleben sehen.



Hinter der Theke ist es an diesem Frühabend besonders geschäftig. Noch sitzen Ausflügler mit Wanderstöcken und bunten Regenwesten draußen im letzten Hell und trinken Bier und Apfelschorle. Erste Jugendliche, die die Auffahrt hinauf kommen, kündigen die Nacht aber bereits an. Es ist Montag im Waldsee. Tageins-Tag. Bier trinken im Garten, am See spazieren, Schwäne füttern – und später rein auf den Dancefloor und zu Elektro-Beats den Tanzboden kratzen. Der Übergang vom familientauglichen Ausflugslokal zur beliebten Discokneipe ist fließend.


Geschäftsführer Achim Schönwiese (53) ist gestresst. Handwerker, die draußen den Grill renovieren sollen, schwirren auch im Gastraum herum und verbreiten Hektik. Schönwiese macht sich hastig einen Kaffee und gibt dann Betriebsleiter Hans Weimann ein Zeichen, uns in seine über dem Restaurant gelegene Wohnung zu folgen – da sei es ruhiger als unten. Vor allem könne man dort rauchen. Wir nehmen in einem bunt mit Sonnenblumen und Loriot-Figuren dekorierten Wohnzimmer Platz, Weimann auf dem Sofa, Schönwiese auf dem Sessel. Beide stecken sich eine Zigarette an. Es riecht ein bisschen nach Entspannung.



Die Leidenschaft fürs Rauchen ist auf den ersten Blick das einzige, was die zwei Männer eint. Schönwiese, der Rastlose, ist der, der redet. Er spricht schnell und viel, aber nicht zu viel, er hat einiges zu erzählen aus den gut dreißig Jahren in Freiburg. Mal lehnt er sich zurück, mal nach vorne, irgendwann springt er auf und holt das Gästebuch. Eigentlich sehe er sich gar nicht als Nachtmacher, erklärt er gleich zu Beginn, sondern eher als Zulasser – als einer, der Ideen annimmt und umzusetzen hilft. Wenn es klappt, dann kommt dabei so etwas wie root down heraus.

Weimann ist ruhiger, sachorientiert. Er hat es sich halb liegend auf dem Sofa bequem gemacht und verlässt diese Position lediglich von Zeit zu Zeit, um nach Zigaretten und Feuerzeug zu greifen. Meist hört er Schönwiese zu und redet allgemein nicht mehr als nötig. Er spricht kein reines Hochdeutsch; kleine Dehnungen, wie etwa das leicht verschleppte „t“, wenn er „Montag“ sagt, verraten noch seine österreichische Herkunft. Wenn er alle paar Jahre mal zu Besuch in die alte Heimat fährt, sagt er, verstehen ihn die Leute dort aber kaum mehr.



Im ersten Moment fällt es beiden schwer, ihre Arbeitsbereiche klar zu trennen. Schönwiese ist seit 1984 dabei. Er pflegt den Kontakt mit Veranstaltern, legt Termine fest und ist außerdem für Saal und Technik zuständig. Weimann kam 1994 dazu. Er hält das Geschäft im Innern zusammen, ist vor Ort, spricht mit dem Personal. Schönwiese, sagt er, kümmere sich um die Sachen, von denen er wiederum keine Ahnung habe. Und Weimann, erklärt Schönwiese, nehme sich der Dinge an, für die er selbst vielleicht zu cholerisch sei. Sie sind in ihre Aufgabenverteilung gemeinsam hineingewachsen, irgendwie.

Rückblende

In einem kleinen Dorf bei Köln geboren, verschlägt es Achim Schönwiese nach dem Abitur über Umwege 1976 nach Freiburg. Er studiert Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaften, wohnt in besetzten Häusern, wird wegen Hausfriedensbruch und Diebstahl angeklagt und schließlich freigesprochen.

Er ist im Dreisameck und im Schwarzwaldhof zu finden, watet dort im „Ur-Crash“ knöcheltief in Bierdosen und Kippen und hört die Soldiers of Fortune, eine in Freiburg hängen gebliebene britische Punk-Band. Spaß gemacht habe der Häuserkampf, sagt er heute. Früh dämmert ihm bereits, dass die Universität nicht seine Welt ist: „Da sitzt du in einer Philosophie-Veranstaltung und diskutierst über ein Komma bei Aristoteles und hast das Gefühl, um dich herum geht die Welt zum Teufel.“



Bald trifft er auf Heiner Hörnchen. Der Wirt und Jazz-Fan hat sich in Freiburg vor allem durch seine Innenstadt-Kneipe „Insel“ beim Feierling einen Namen gemacht. Schönwiese beginnt hier, neben dem Studium zu jobben. Mit der großen Theke, einem Klavier, Musik vom Tonband oder auch live ist die Kneipe in ihrer Art ein Novum in Freiburg und zieht vor allem junge Leute an.

So gut läuft sie, dass Heiner Hörnchen schließlich der Betrieb des Feierling-Biergartens überlassen wird. Auch hier arbeitet Schönwiese wieder hinter der Theke – gemeinsam mit einem jungen Politik-Studenten namens Dieter Salomon, der, so Schönwiese heute, als Mitarbeiter ausgesprochen schnell und eloquent gewesen sei.

Schließlich wird Hörnchen ein neues Projekt angetragen: das Waldsee, ein gutbürgerliches Ausflugslokal mit einem Saal, in dem Bürgerversammlungen und Hochzeitsfeiern stattfinden. Gemeinsam mit seiner Ehefrau, Schönwiese und einem Koch gründet Hörnchen 1984 die „Waldsee GmbH“, die sich von nun an um das Restaurant kümmern und frischen Wind in den Betrieb bringen soll. Für Schönwiese wird der Nebenjob zur Hauptsache. Aus Zeitmangel lässt er das Studium sausen.



Bei der Entwicklung des neuen Konzepts kommt schnell Hörnchens Leidenschaft für Jazz ins Spiel: Eine Bühne wird in den Saal gebaut, dann kommt ein Klavier hinzu. Die ersten Auftritte folgen, Musiker aus den USA werden eingeladen. Im September 1985 steht Chet Baker auf der Bühne: ein legendärer Auftritt des Meisters, der kleiner und piepsiger ist als gedacht und völlig unter Drogen steht. Er erscheint mit Verspätung, beginnt statt um neun erst um halb elf zu spielen, hält dann aber durch bis halb drei Uhr nachts. Im Gästebuch hinterlässt er den Vermerk „The most compfortable gig. Thanks.“ Den Schreibfehler im Satz hält Schönwiese für einen Scherz – oder aber der Verfassung des Musikers geschuldet.

Baker ist in den Jahren ab 1984 nur eine von vielen Jazz-Größen, unter ihnen etwa Elvin Jones und Wayne Shorter, die Station im Waldsee machen. Ende der 80er jedoch erscheint das Publikum langsam spärlicher auf den Konzerten. Die große Zeit des Jazz ist vorbei, zudem wiederholen sich Auftritte und Bands irgendwann. Die Ausländersteuer macht das Live-Programm teurer. Als 1991 Hörnchen stirbt und somit auch seine Verbindungen wegfallen, stehen Veränderungen an.



Schritt für Schritt reduziert Schönwiese die Häufigkeit der Konzerte. Dafür werden im Gegenzug zunehmend Partys organisiert. Die erste große regelmäßige Veranstaltung ist „SchwuLes Dance“ der Rosa Hilfe, die auf diese Weise Geld für ihre Aids-Hilfe zusammen bekommen will. 1992 wird auch der Jazz mit der Dienstags-Reihe „Jazz ohne Stress“ institutionalisiert – weg von den Großkonzerten, hin zur gediegenen Session.

Und eines Tages, daran erinnert sich Schönwiese noch heute genau, sitzt dann ein schüchterner junger Mann vor ihm. Er habe da eine Idee, es solle irgend etwas mit Deko sein und mit jazziger Clubmusik. Er würde das gerne root down nennen. Rainer Trüby reserviert sich den immer letzten Samstag im Monat – durchaus ein Wagnis für Schönwiese, der sich zunächst nicht viel unter dem Konzept vorstellen kann. Zum ersten root down kommen vielleicht 150, zum zweiten schon 400 Leute. Spätestens die dritte Veranstaltung ist bereits ein Selbstläufer. Mittlerweile strauchelt sie leider ein wenig, und Trüby hat auch nicht mehr so viel Zeit: In Zukunft wird root down nur noch alle zwei Monate statt finden.

Um die Zeit der Entstehung etwa stößt auch Hans Weimann zum Waldsee. Er stammt aus der Nähe von Salzburg und ist nach seiner Ausbildung zum Küchenmeister schon in verschiedenen Restaurants Deutschlands unterwegs gewesen. Auch unter Schönwiese beginnt er als Koch, wird aber rasch immer stärker in die Betriebsstrukturen eingebunden. Gemeinsam erleben die beiden 1996 die Geburt von tageins eher von außen.

Denn in diesem Jahr tun sich ein paar Mitarbeiter des Waldsee zusammen, eine Clique junger Leute, die den bescheiden besuchten Montag nutzen wollen. Sie errichten im Saal eine Cocktailbar, stellen Sofas auf, dekorieren alles und nennen diese Lounge dann Montage – nicht als Plural des Wochentags, sondern französisch ausgesprochen. Die Veranstaltung richtet sich weniger ans große Publikum denn an einen kleineren Kreis, an Freunde und Bekannte. Auch die Musik soll nicht besonders laut oder tanzbar sein.

Doch mit zunehmendem Erfolg wird Montage gegen den Willen der Gründer immer kommerzieller, bis diese sie schließlich an andere Örtlichkeiten verlegen. Schönwiese und Weimann gestalten und entwickeln die Veranstaltung zum Wochenbeginn nun selbst weiter. Owald und Ernesto kümmern sich um die professionelle Deko, den neuen Namen bringt Rainer Trüby ein: tageins – neben SchwuLes Dance und Root down inzwischen ein Klassiker im Waldsee.



Positionierung und Zukunft

Immer wieder hat Schönwiese auch andere Dinge ausprobiert, Ideen aufgenommen, Veranstaltungen versucht. Manche haben funktioniert, andere nicht. Bei einigen guten Sachen, sagt er, müsse man aber vielleicht mal einen längeren Atem haben, auch wenn sich der Erfolg nicht gleich einstelle. Auf der anderen Seite werde es immer schwieriger, in Freibug etwas Neues zu schaffen, weil es immer mehr Angebote gebe. „Mittlerweile ist fast jede Nische hier schon doppelt besetzt, man unterbietet sich mit Happy Hours oder freiem Eintritt.“

Viele andere Betreiber kennt er nicht einmal dem Namen nach, allgemein hält er sich dem Freiburger Nachtleben gern ein bisschen fern.

Auch Weimann steht so einigem skeptisch gegenüber: „Clubs wie das ehemalige Glamour oder der ehemalige F-Club springen einfach auf irgendeine Schiene auf und entwickeln gar kein eigenes Konzept.“ Die Rolle, in der sich die beiden selbst sehen, ist eine eher passive: Raum schaffen für Ideen, Initiativen möglich machen.

Dass er damals fürs Waldsee das Studium aufgegeben hat, bereut Schönwiese indes bis heute nicht. Zu viele spannende Momente hat er erlebt, zu viele Menschen kennen gelernt, zu viele Anekdoten kann er mittlerweile erzählen – vom Pantoffelhelden Elvin Jones, der sein Bier vor der Ehefrau verstecken musste, oder von der Jazz-Legende Sun Ra, der sich vor seinem Auftritt draußen mit den Bäumen unterhielt.



Bis 2013 läuft der Pachtvertrag fürs Waldsee nun noch. Ob es danach für sie an gleicher Stelle weitergeht, wissen Schönwiese und Weimann nicht. Wird der Vertrag nicht verlängert, wäre eventuell – ganz in der Ferne – ein gemeinsames Projekt anderswo denkbar, vielleicht ein Restaurant am Mittelmeer, in Südfrankreich. Einzige Bedingung Schönwieses: Ein Kulturangebot muss her. In einem reinen Restaurant fürchte er sonst um seine Daseinsberechtigung, wenn er nicht wieder zu kellnern beginne. Und diese Zeiten seien nun mal endgültig vorbei.

Mehr dazu:

fudder.de: Nachtmacher-Serie