Nachtmacher (12): David Kunz

David Weigend

Dieser Mann ist 34 und Geschäftsführer des Universal DOG, einer der größten Clubs Südbadens. Kaum eine Musikrichtung, die im DOG keine Berücksichtigung findet. Berechnung? Ein Besuch im Gewerbegebiet Lahr - bei einem Rocker, der sich auf Kalkulation versteht.



Am Rande von Lahr

„Wir treffen uns dann direkt am Objekt.“ Der Jargon eines Immobilienmaklers. Es ist gleichzeitig der letzte Satz des ersten Telefonats mit David Kunz, 34, Geschäftsführer des Universal Dog in Lahr, einer der größten Discotheken Südbadens. Unterwegs zu David Kenz. Ein 16-Jähriger am Bahnhof Lahr erklärt den Weg: Über die Brücke, am Kreisel gerade aus, dann die zweite rechts. Vorbei am Möbelhaus, dann kommt der Königreichssaal der Zeugen Jehovas, die Currywurstbude, der Autolackierer, das Gasthaus zum Vetter, ja, und dann kommt das „Objekt“.



Erste Erfahrungen im Discoland

2000 Quadratmeter, auf denen drei zusammenhängende Clubs stehen. Von 1966 bis 1996 gingen hier kanadische NATO-Soldaten ein und aus, 20 000 von ihnen waren im Lahrer Hauptquartier stationiert. Im größten Raum, in der „Hall“, wo heute die großen Konzerte stattfinden, war ein Kino untergebracht, die Leinwand gibt es heute noch. Das „Red Dog“ war früher ein zollfreies Kaufhaus, die Räume des „Mantis“ beherbergten ein Offizierskasino.

All das erzählt David Kunz, der Chef, der am Telefon so geschäftlich klang, sich nun aber angenehm ungeschäftlich gibt.

Biographisches: geboren und aufgewachsen in Rottweil, als jüngstes von fünf Geschwistern; 1988 der erste Besuch im „Discoland“ in Zimmern, an einem Sonntagnachmittag zur Kinderdisco. „Ich war damals schon eher Rocker“, sagt er. Erstes Konzert: Die Hosen in der Rottweiler Stadionhalle; Abitur, Ausbildung zum Betriebswirt in der Berufsakademie. Direkter Übergang in einen Bürojob, Angestellter in der Abteilung „Kostenrechnung / Kalkulation“ in einem Schweizer Unternehmen für Zeiterfassung. Ein Rocker, der rechnen kann.

Schon länger macht Kunz die Buchhaltung für seinen Bruder Uwe. Der ist hauptsächlich Pilot, betreibt nebenher das „Delta Tau Chi- The Animalhouse“ in Donaueschingen und eröffnet im November 1998 in Lahr das DOG.



Drei Ohne Geld

Drei Wochen nach der Eröffnung bekommt Uwes Geschäftspartner einen Nervenzusammenbruch. Die Sache wird ihm zu stressig. Uwe wendet sich in der Not an seinen Bruder. „Zwei Wochen später habe ich dann komplett die Betriebsführung übernommen“, sagt David und zieht an einer Lightzigarette, die seine Stimmbänder noch kratziger klingen lässt.

Der Name „Universal DOG“ bezeichnet im Übrigen keinen Hundegott, sondern ist das Ergebnis einer Schnapsrunde der drei Clubgründer David, Uwe und Tommy. Bei der Kalkulation merkten sie, dass der ganze Laden viel teurer werden würde als geplant. Daraufhin gaben sie dem Club die Initialen D(rei) O(hne) G(eld). „Und ,Universal’ steht für: keine reine Disco, sondern auch ein Ort für Konzerte und Veranstaltungen.“



Backstagegekritzel

Gehen wir hinüber, backstage, hinter die Bühne. Ein Raum mit einem Sofa und einem Spiegel, die Wände zugekritzelt mit tags und Botschaften. Es sieht aus, wie auf dem Cover der Playgroup-Compilation von DJ Kicks. Hier, auf diesem Sofa, saßen schon viele: Carl Cox, Sven Väth, Laurent Garnier; Redman, Method Man, die fantastischen Vier; Culcha Candela, ja sogar die Originalband der Blues Brothers. „Im November 2008 haben wir Zehnjähriges, da will ich die Beatsteaks holen“, sagt David. Er hat die Beatsteaks dieses Jahr schon zweimal live gesehen. Und er ist bereit, diesen Männern auch ein wenig mehr Geld aufs Konto zu überweisen.

Es ist nicht so, dass Kunz mit seinem großen Gemischtwarenladen in jeder Abteilung Geld verdient. „Wir haben auch Veranstaltungen, die sind massiv defizitär.“ Zum Beispiel das Gods of Blitz-Konzert vor zwei Wochen. Solche Indierockgeschichten seien zur Zeit „absolut schwierig“. Dennoch ist der Donnerstag im DOG der Rocktag, ein Bekenntnis gegen den Lahrer Zeitgeist, der momentan doch eher im Reggae/Ragga greifbar wird.



Dunkle Gestalten an der Rezeption

Was immer gut geht im Gewerbegebiet sind die Dark Dance Treffen, eine Institution, die am Samstag zum 23. Mal stattgefunden hat. Goths aus ganz Süddeutschland pilgern dann ins DOG. „Wir haben hier in der Nachbarschaft so ein Hotel, das Euro Inn. Das ist vor diesen Veranstaltungen immer restlos ausgebucht."

Als beim ersten Mal die ersten Gäste in ihren schwarzen Lack- und Lederklamotten und in voller Montur an der Rezeption gestanden sind, hat es Herr Wilcke, der Hotelbetreiber, tüchtig mit der Angst gekriegt. "Der hat bei mir angerufen und gejammert, dass sei das Ende seiner Existenz.“ Natürlich erwiesen sich die Darkdancer am Morgen danach als gesittete Kundschaft.

Als weniger harmlos empfanden viele Elektrofreunde das massive Aufgebot von Zivilfahndern, die auf der Big Bang-Technoparty am 8. April auf dem DOG-Gelände herumschlichen. Die Drogenkontrollen gingen so weit, dass sogar die Toilettentüren aufbleiben mussten. Die Intimsphäre der Gäste wurde somit missachtet. Auch Kunz habe sich beim Einsatzleiter über diese Aktion beschwert: „Die Funde der Polizei rechtfertigten ihr Vorgehen in keiner Art und Weise.“

Letztlich habe er aber keinen Einfluss auf die Maßnahmen der Polizei. „In gewissen Abständen machen die eben sowas.“ Man kann nur hoffen, dass das Lahrer Sheriffgehabe nicht die Stammkundschaft vergrault, die nicht nur aus der Ortenau kommt, sondern auch aus Frankreich und der Schweiz.



Eingesperrte Plattenspieler

Zugegeben, hin und wieder spielen die DOG-Gäste Streiche, die allerdings folgenlos bleiben. Im Sommer 2006 etwa. Die Disco Boys waren zu Gast und legten im Garten ihre Platten auf, tagsüber. Um 22 Uhr sollte Schluß sein. Aber daraus wurde nichts. Ein Partygast wollte das Hamburger Stimmungsduo nicht gehen lassen, schloss die DJs ins Gartenhüttle ein und ließ den Schlüssel verschwinden. „Die Disco Boys fanden das eher lustig und haben noch ne Stunde weitergerockt. Wir mussten sie dann mit dem Bolzenschneider befreien“, erinnert sich Kunz.

Er lacht viel an diesem Nachmittag. Ein Typ mit schwäbischer Anpackermentalität. Keiner, der langsam im Cappucchino rührt und dabei versonnen vor sich hinquasselt, sondern einer mit prägnanten Antworten. Kunz liest gern die Intro und fährt Motorrad, eine Honda CB 750 Four. Von Lahr nach Rottweil braucht er offiziell 50 Minuten.



Rechner neben Palmen

Jetzt erhebt er sich von der Bierbank und schaut mit leerem Blick auf die Wand, die die Begrenzung der Gartenwirtschaft bildet. Palmen sind dort aufgemalt, Palmen, wie man sie auf der Wand jedes kommunalen Jugendzentrums findet. Hinter dieser Wand hat einmal die Band Seeed gespielt. „Für 800 Mark haben wir die damals gebucht.“

Vielleicht ist das der Unterschied. Klar wiegen sich die Kritiker in Sicherheit, wenn sie das DOG belächeln, wenn sie den Club als gesichtslose Großraumdisse abtun und dem Konzept Beliebigkeit vorwerfen; sie machen es sich zu einfach, denn es gibt immer wieder diese kleinen Überraschungen, wie Seeed, die hinter der JUZE-Kulisse spielen. Hinter diesen Überraschungen steckt kein Zufall, sondern einer, der rechnen kann. Wir haben ihn gerade besucht.