Nachgespielt: So sähe die Kultserie Twin Peaks im Schwarzwald aus

Elise Graf, René Freudenthal & Elisabeth Kimmerle

Am 24. Februar vor 25 Jahren betrat Special-Agent Dale Cooper zum ersten Mal den Ort Twin Peaks im US-Bundesstaat Washington. Er sollte den Mord an Laura Palmer aufklären. Wir haben festgestellt: Ein Twin Peaks gibt es im Schwarzwald auch - so wie einen Dale Cooper und eine Laura Palmer. Die Fotos:

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Der Hochwald, der finstere Geheimnisse birgt, ist ein Leitmotiv in Twin Peaks. Wichtiger Schauplatz der Serie ist, dazu passend, ein rustikales Sägewerk, das auch der ikonische Vorspann zeigt.


Text und Bilder sind zuerst im 14magazin #6 erschienen - unter dem Titel "Hinter den 7 Bergen - Twin Peaks und das Geheimnis des Schwarzwalds".

Ein einzelner Blick in die mysteriös im nassen Nebel dampfenden Schwarzwaldhügel verbindet Freiburg, dieses exzentrische, etwas abgelegene Städtchen inmitten tiefer, dunkler Forste, für einen Augenblick mit einem anderen, ebenso versteckt im schattigen Fichtendickicht ruhenden Ort: jenem geheimnisschwangeren Bergnest "Twin Peaks" im höchsten Nordwesten Amerikas, Schauplatz der gleichnamigen TV-Serie, die vor einem Vierteljahrhundert das Format des Fernsehens an sich revolutionierte und, längst Konsens, als Avantgarde und Bahnbrecher das heutige, vielbeschworene Golden Age of the TV Show erst möglich machte.

David Lynch und Mark Frost schufen die idyllisch umwaldete Kleinstadt am Wasserfall, nahe der kanadischen Grenze, mitsamt ihren liebenswert skurrilen Bewohnern: Aber sie kreierten auch das hinter friedlichen Fassaden regsame, meist einigermaßen schmierige Doppelleben dieser Biedermänner und Hausfrauen - und pflanzten ihrem kuriosen Kaff ein finsteres Herz ein.

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Die rätselhafte Log Lady, Margaret Lanterman, geistert als hellseherisches Kleinstadt-Unikat durch Twin Peaks, macht erratische Prophezeiungen und wiegt unablässig einen kleinen Holzscheit in den Armen, der ein merkwürdiges Eigenleben zu besitzen scheint.

Der grausige Mord an der umschwärmten Königin des Schulballs, populärer Musterschülerin und Vorzeige-Tochter, Laura Palmer, bildet das Zentrum des Geschehens; die Ermittlungen des auswärtigen FBI-Agenten Dale Cooper decken allmählich auch die pikanten Schmutzecken im spießigen Kleinstadtleben auf. Da bildet auch die Tote selbst keine Ausnahme: Überall spiegelt sich das Heiter-Provinzielle im Dämonischen, wird die Posse zur Fratze - und der behagliche, stille Alltag kippt plötzlich in mörderischen Existenzkampf.

"Die Eulen sind nicht, was sie scheinen", orakelt die seherisch begabte Log Lady - und das trifft auf das allermeiste Geschehen in "Twin Peaks" zu: Das Eigentliche ist niemals schon das Sichtbare, jeder Hausfrieden ist von dunklen Geheimnissen unterkellert. Das Amüsant-Absurde verweist immer zugleich auf den Abgrund. Irgendetwas Entsetzliches geht in dieser Waldeinsamkeit vor sich.

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Brutal ermordet, Totenbleiche auf den Wangen und in Plastikbahnen eingewickelt: So wird Laura Palmer in der ersten, womöglich berühmtesten Szene der Serie gefunden.

Das draußen in den Wäldern lauernde, nie restlos zu fassende Dunkle hat freilich seine Wurzeln im Inneren der vermeintlich so biederen Bewohner des Provinzstädtchens, zur Freude psychoanalytischer Lynch-Exegeten. Im Verlauf der Geschichte entpuppen sich fast alle Figuren als mehr oder minder wahnsinnig. Die Log Lady kommuniziert mit einem sie stets begleitenden Holzscheit, das Einsicht in tiefere Wahrheiten um das dunkle Geheimnis von "Twin Peaks" ermöglicht, wenn man nur ernsthaft zuhört.

Audreys Vater, Ben Horne, Hotelbesitzer und pragmatischer Schmierhans, verfällt in den Wahn, den Bürgerkrieg minutiös nachzustellen und lässt alles stehen und liegen, bis die letzte Schlacht ausgetragen ist. Selbst der smarte Agent Cooper zeigt Spuren des Wahnsinns, wenn er für seine gesichtslose Sekretärin Diane gewissenhaft auf einem Diktaphon dokumentiert, wo es in "Twin Peaks" den besten Kaffee und Kirschkuchen gibt; wobei bis zuletzt ungeklärt bleibt, ob Diane überhaupt existiert.

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Die traumverlorene Stimmung der Serie spiegelt sich in Audreys hypnotischem Tanz vor der Jukebox.

Auch seine Ermittlungsmethoden erscheinen, gelinde gesagt, unkonventionell: Er ist überzeugt, der Schlüssel zum rätselhaften Mord liege in seinem Traum, in dem ihm Lauras Doppelgängerin den Namen ihres Mörders ins Ohr flüstert. Zwischen Träumen und Wachen verwischen die Grenzen des Realen und des Unwirklichen. Die Nachtseite der Vernunft, das unbewusste Andere, erlangt dadurch gleichwertigen Gehalt an Wirklichkeit.

Weniger drollig als diese skurrilen Figuren sind BOB und MIKE, die permanent anwesend und wie aus einer anderen Welt zu sein scheinen. Sie mäandern zwischen reiner Imagination und realer Bedrohung, Permanenz und Transzendenz. Es ist eben jene düstere Ahnung, nicht Herr im eigenen Haus zu sein, die Lynch inszeniert, indem er das im Dunkeln hausende Bedrohliche über das Innerste seiner Figuren hereinbrechen lässt.

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Ronette Pulaski, die in Lauras Mordnacht am Tatort anwesend war, wankt schwerverletzt und tief im Trauma über die Gleise einer abgelegenen Eisenbahnbrücke. In Südbaden.

Ästhetisch wird dieses Gefühl erzeugt durch nächtliche Szenen, in denen unter der heilen Oberfläche der Abgrund klafft. "Twin Peaks" lässt sich lesen wie ein Traum: Die surreale, von der Außenwelt abgeschottete Szenerie ist bevölkert von allerlei Wiedergängern mit instabilen Identitäten, die wundersame Metamorphosen vollziehen.

Dadurch entstehen logische Brüche, die von den Figuren innerhalb der erzählten Welt fraglos hingenommen werden. Eine Sache ist nie einfach, was sie ist, sondern verweist stets auf etwas anderes, schwer zu begreifendes. Die Wirklichkeit bekommt in "Twin Peaks" - und der Name ist durchaus programmatisch zu verstehen - einen doppelten Boden.

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Durch die Alpträume und Visionen der Bewohner von Twin Peaks spukt die entsetzliche Visage BOBs, den niemand kennt oder irgendwie zuordnen kann - ein unheimlicher Rumtreiber in blasser Jeansjacke und mit wirren grauen Haaren, dessen manisches Gelächter das Blut gefrieren lässt. Hat er etwas mit dem Mord an Laura Palmer zu tun?

Die Idee, als Hommage Szenen der Kultserie im Schwarzwaldkontext wiederaufleben zu lassen, kam uns tatsächlich noch ohne Einsicht in die glückliche Fügung, dass David Lynchs Meisterstück 2014 nicht nur den 25. Jahrestag seiner Erstausstrahlung feierte, sondern Fans weltweit dieses Jubiläum auch mit quasi-religiöser Hingabe erwartet haben: "Wir sehen uns in 25 Jahren wieder", flüstert Mordopfer Laura in einer Traumsequenz dem Agenten Cooper ins Ohr.

Und tatsächlich wird die 1991 nach zwei Staffeln abrupt eingestellte TV-Tragikomödie auf den Fernsehschirm zurückkehren. Im Oktober des vergangenen Jahres kündigte Lynch eine dritte Staffel an - wenn auch erst für 2016. Für Serienbegeisterte beginnt jetzt die große Warterei. Umso mehr Spaß hat es uns gemacht, den Geist der legendären Kleinstadt-Mystery in den heimischen Hügeln wieder zum Leben zu erwecken.

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Im rätselhaften Red Room flüstert die Getötete dem ermittelnden FBI-Agenten Cooper die grausige Wahrheit ins Ohr.

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  [Fotos: Elise Graf, Text: René Freudenthal & Elisabeth Kimmerle]