Nachgefragt: Vorbereitung aufs Münte-Interview

David Weigend

Das sind Jana Hörsch (links, 17) und Irene Rücker (16). Sie gehen aufs Rotteckgymnasium und werden dort heute Abend Franz Müntefering interviewen, im Rahmen der Talkshowserie "Nachgefragt". Wir haben die beiden bei der Vorbereitung besucht.



Sechs Menschen sitzen an diesem Oktobernachmittag in einem Besprechungszimmer im Freiburger Rotteckgymnasium, vier Schülerinnen und zwei Lehrer. Sie diskutieren über den Ablauf des heutigen Abends. „Nachgefragt mit Franz Müntefering – derzeitiger Stand des Irrtums“ steht über dem Plan, den Kursleiter Rainer Kügele, 37, an die Wand projiziert. „Es kann sein, dass wir aus aktuellem Anlass in letzter Minute alles wieder über den Haufen schmeißen, deshalb sprechen wir von Irrtum“, sagt der Physiklehrer Kügele.


Momentan ist vorgesehen, dass die beiden Moderatorinnen Jana Hörsch (17) und Irene Rücker (16) Herrn Müntefering in einem Strandkorb begrüßen und mit ihm über seine bevorzugte Urlaubinsel Norderney und den bevorstehenden Ruhestand sprechen. Wohnzimmeratmosphäre soll entstehen.



Und dann wird die Bruchstelle kommen, an der die beiden zwar weiterhin freundliche Gastgeber sind, aber eben auch unbefangene Nachbohrer. Sie werden Fragen stellen wie „Was haben Sie erwartet, Herr Müntefering, am Morgen des 27. September, als das Wahldebakel seinen Lauf nahm?“ Sie werden da einhaken, wo es wehtut, also bei der ersten Hochrechnung am Wahltag, in der Situation also, „wo die Kacke am Dampfen war“, wie es der zweite Kursleiter Martin Walter (38) ausdrückt.

Jana und Irene wollen, so viel sei verraten, den Politiker auch mit leicht Unappetitlichem konfrontieren. „Ich fand es bei vergangenen Nachgefragt-Runden schade, wenn die Interviewer zu brav fragten“, sagt Irene. „Wenn man das Gefühl hat, der Fragende bietet dem Politiker bloß eine Plattform, das zu sagen, was er eh immer sagt, das ist doch blöd.“ Allerdings, so Irene, sei dies auch das Schwierigste: Sich nicht kleinkriegen zu lassen.



Nachgefragt ist eine Talkshow-Reihe, die die beiden Lehrer Kügele (Rechts auf Foto) und Walter im November 2005 am Rotteck-Gymnasium ins Leben riefen. Jeweils zwei Schüler befragen 90 Minuten lang einen prominenten Gast mit dem Anspruch, diesen als Menschen kennenzulernen und ihm die Maske des selbstgefälligen Darstellers humorvoll abzuziehen. Eine Mischung aus „Zimmer frei“ und „Hart aber fair“, beobachtet von 250 bis 400 Zuschauern. Die Badische Zeitung unterstützte die Reihe von der ersten Stunde an mit Moderatoren-Coaching und Archiv.

Dass Publikumsresonanz und Kritiken dermaßen gut sein würden, war anfangs nicht abzusehen. Mittlerweile waren 32 Prominente  bei „Nachgefragt“ – namhafte Persönlichkeiten aus Kultur, Politik, Sport und Kirche. Demnächst kommen Uli Hoeneß und Heiner Brand.



Und heute Abend also Franz Müntefering, eine Woche vor seinem vielleicht letzten Auftritt als Parteichef beim SPD-Bundesparteitag in Dresden am 13. November. Dass er es ist, dem Jana und Irene gegenüber sitzen werden, wissen sie seit dem 7. Oktober. An diesem Tag kam die Bestätigungsmail aus Berlin. Schnell haben dann Kügele und Walter, die den Seminarkurs „Nachgefragt“ organisieren und für die Vorbereitung der Interviewer Noten vergeben, Jana und Irene unter den 14 Kursteilnehmern ausgewählt. Bei der Recherche werden sie unterstützt von Antonia Guba-Menzel und Katrin Kurki, die ebenfalls die Kursstufe 1 am Rotteckgymnasium besuchen.

Auch wenn Jana nicht mit Münte gerechnet hat und, vor die Wahl gestellt, lieber den Schauspieler Peter Lohmeyer als Gesprächspartner genommen hätte, freut sie sich auf den Mann aus dem Sauerland. „Schlimmer als Westerwelle kann er nicht sein. Der war ja im Dezember bei uns und ging überhaupt nicht auf die Fragen ein, hat den ganzen Abend nur abgeblockt. Ich bin irgendwann gegangen.“



Überstunden wegen Münte

Eigentlich steht der „Nachgefragt“-Seminarkurs bei Jana und Irene nur zweimal in der Woche auf dem Stundenplan, doch in letzter Zeit häuften sich die Überstunden. Schülerinnen und Lehrer trainierten die Interviewsituation, stundenlang. Kügele gab Münte, Walter coachte: „Guter Konter! Oder „Du musst ihn mehr auf der emotionalen Ebene abholen!“ Auch in den Herbstferien trafen sich Jana und Irene zur Vorbereitung. Unmittelbar davor standen die Bogy-Praktika im Terminkalender. Jana assistierte oft den ganzen Tag lang einer Hebamme im Kreißsaal und ging anschließend statt ins Volleyballtraining zur Münte-Recherche.

Sie las Zeitungsinterviews, sah sich im Internet seine Reden an, sprach mit ihren Eltern über den Mann und traf sich mit einer Freundin, die zufällig einmal mit dem Politiker in einem Büro gearbeitet hat. „Solche Menschen bringen Insider-Infos: Wie trinkt er seinen Kaffee? Wohin geht er in der Mittagspause? Wie ist es, mit ihm zu arbeiten? Wie reagiert er auf bestimmte Fragen? Worauf muss ich bei ihm achten?“



Erinnert ein wenig an die junge Maybrit Illner, wobei die ZDF-Moderatorin inzwischen nicht mehr den Schuh aufs Sitzpolster abstellen würde, wenn sie zum Hintergrundgespräch gebeten wird.

Aber Illner würde es wohl ebenso unterlassen, eine Frage zu stellen, die vom Zuschauer als unprofessionell beurteilt werden könnte, auch, wenn diese Frage wichtig ist. Genau hier liegt die Grenze von Illner zu den Rotteck-Journalisten: „Weil man Schülern den Freiraum zugesteht, einen Fehler zu machen. Das heißt: Sie können einem Politiker ruhig mal ein wenig stärker ans Bein pinkeln, als das ein Profi tun dürfte“, sagt Kügele.

Ins Voyeuristische dürfe das allerdings nicht abdriften. Sein Kollege Walter ergänzt: „Die Vorbereitung muss professionell sein. Wir vergeben Dokumentationsnoten für die Reflexionshefte der Schüler. Ein bestimmtes Hintergrundwissen müssen sie haben, damit sie das Gespräch führen können. Egal, wie unbefangen oder frech sie das dann auf der Bühne machen.“

[Fotos: Thomas Kunz, David Weigend, dpa]

Mehr dazu:

Was: Nachgefragt mit Franz Müntefering Wann: Heute, Mittwoch, 4. November 2009, 19.30 Uhr Wo: Rotteckgymnasium, Lessingstr. 16, 79100 Freiburg
Bisherige Nachgefragt-Gäste

  • Daniel Sander, Sascha Fiek, Kerstin Andreae, Gernot Erler, Uta Spöri (23.09.2009)
  • Judith Hermann (7.7.2009)
  • Gerald Hüther (20.6.2009)
  • Andrea Nahles (19.5.2009)
  • Giora Feidman (16.5.2009)
  • Charlotte Knobloch (20.01.2009)
  • Guido Westerwelle (10.12.2008)
  • Fadi Saad (5.12.2008)
  • Robert Zollitsch (12.11.2008)
  •  Thomas Bach (14.10.2008)
  • Bernhard Bueb (23.6.2008)
  • Jürgen Todenhöfer ( 11.06.2008)
  • Renate Künast (29.04.2008)
  • Heiner Geißler (9.4.2008)
  • Dieter Hildebrandt (29.3.2008) 
  • Richard von Weizsäcker (12.2.2008) 
  • Robin Dutt (12.12.2007) 
  • Annette Schavan (16.11.2007)
  • Wolfgang Huber (19.7.2007) 
  • Cem Özdemir (21.6.2007)
  • Wolf Biermann (10.5.2007) 
  • Sönke Wortmann (2.5.2007)
  • Gesine Schwan (26.3.2007)
  • Peer Steinbrück (20.2.2007)
  • Gregor Gysi (7.12.2006)
  • Wolfgang Schäuble (14.7.2006)
  • John von Düffel (20.6.2006)
  • Helmut Rau (10.05.2006) 
  • Eberhard Schockenhoff (16.3.2006) 
  • Gernot Erler (19.12.2006) 
  • Dieter Salomon (9.11.2005)