Nachgefragt bei Renate Künast

Lisa Grüny & Julia Roth

Zu Gast bei Nachgefragt, der von Schülern geleiteten Talkshow im Rotteck-Gymnasium, war vor einer Woche die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Renate Künast. Neben vielen Details zu den Anfängen ihrer politischen Karriere konnten die Zuschauer vor allem Künasts Meinung zur aktuellen Politik hören. Auch die US-Wahl war ein Thema.




Auf die Frage der beiden Moderatorinnen, wie sie denn in die JVA Berlin-Tegel
hineingeraten sei, antwortet Künast: "Wenn ich frech wäre, würde ich jetzt sagen: Durch die Tür!" Renate Künast erzählt dann humorvoll von ihrem Anerkennungsjahr als Sozialarbeiterin im Männerknast. Wie die Drogenabhängigen denn auf sie als Frau reagiert hätten, will eine der Moderatorinnen von ihr wissen, und da meint Künast ganz trocken, "Es ging eigentlich", sie sei sehr schnell akzeptiert worden. Besonders interessant wird ihre Geschichte, als sie davon erzählt, wie sie unter den Knackis einen ehemaligen Bekannten aus ihrer vergangenen Hippiezeit wieder getroffen hat.


"Ich war froh, dass ich auf der anderen Seite war," sagt Künast.

Über ihre Vergangenheit erfährt das Publikum einige Details. So war sie junge Atomkraftgegnerin, Bürgerin der selbsternannten Republik Freies Wendland, ein Hüttendorf, das sich aus Protest gegen die Errichtung des Zwischenlagers Gorleben sogar eigene Pässe ausstellte. Leider bestand die Republik nur 30 Tage, dann wurde sie unter Militäraufgebot aufgelöst. "Wir haben alle geweint", sagt Künast.

Auf die Frage, ob das Freie Wendland denn auch eine richtige Regierung hatte, antwortet Künast: "Wir waren so alternativ, wir hatten keine Regierung!"



"Ich will, ich kann, aber ich darf nicht!" Kämpferisch und selbstbewusst war Renate Künast schon immer. Auch im Streit mit ihrem Vater, ob sie auf die
Haupt- oder die Realschule sollte, konnte sie sich letztendlich durchsetzen, machte Mittlere Reife und anschließend Fachabitur.

Nach ihrem Jurastudium brachte Renate Künast es bis zur Verbraucherministerin und so bekommt sie auch noch eine kleine Aufgabe
gestellt: Aus einem gefüllten Einkaufswagen soll sie die Produkte heraussuchen, die sie auch selber kaufen würde. Beim Aussortieren von spanischen Tomaten, überdimensionierten Haribopackungen und Diät-Wölkchen ist sie ganz in ihrem Element. "Fairtrade und Biosiegel, das ist die ganz hohe Schule", meint sie, als sie eine Fairtrade-Bio Schokolade in der Hand hält. Es gebe zwar Unterschiede zwischen den verschiedenen Bioabzeichen, doch mit dem Biosiegel "fängt die andere Welt an".

Neben der Ernährungspolitik müsse vor allem in der Umweltpolitik mehr gemacht werden, fordert Künast klar und deutlich. "Es muss eine Tür aufgebrochen werden", man müsse auch den Mut haben, die Dinge umzusetzen, auch den Atomausstieg.

Wie von Künast nicht anders zu erwarten, kritisiert sie im Anschluss die Umweltpolitik, an der noch viel gearbeitet werden müsse. Auf die Frage hin, was sie schließen lassen würde, wenn sie sich zwischen Atom- und Kohlekraftwerken entscheiden könnte, muss sie erst einmal überlegen. Beides sei schlimm und gehöre abgeschafft, doch Atomkraftwerke seien aufgrund der unvorhersehbaren Folgen ("es gibt noch immer kein Endlager") doch gefährlicher. Sie verweist auf Tschernobyl und fordert zu mehr Mut und alternativen Energien auf.



Nach Gesine Schwan und Anette Schavan ist Renate Künast erst die dritte Frau auf der Nachgefragt-Bühne und so sind vor allem Frauen in der Politik ein Thema. Ob Angela Merkel eine starke Frau sei, will Moderatorin Ines Kehl von ihr wissen. "Ja, sie ist stark. Aber mit falschem Inhalt", lautet Künasts Antwort. Eine Schwarz-Grüne Koalition auf Bundesebene, nach Hamburger Beispiel, das übersteige die Grenzen ihrer Fantasie.

Welche Regierungsform ihr vorschwebt, lässt sie bereits zu Beginn des Gesprächs durchblicken: eine Ampel mit SPD und FDP. Politische Ambitionen scheint Renate Künast noch zu haben, auf die Frage ob sie sich als Kanzlerkandidatin aufstellen lassen würde, antwortet sie ausweichend: "Ich würde es mir überlegen."

Überhaupt gibt Künast nur sehr wenig Persönliches preis. Im Gegensatz zu Ursula von der Leyen, denn "man möchte ja keine Bilder produzieren, die man später nicht mehr sehen möchte."

Bei der Frage, wen sie als amerikanischen Präsidentschaftskandidaten wählen würde, wird es still im Saal. Früher sei sie immer für Hillary gewesen, doch nun würden ja alle von Obama schwärmen. Allerdings sei ihr der etwas suspekt, er habe ihr zuviel Charisma, sei zu predigerhaft mit seinem ganzen "Yes, we can!", "ein bisschen wie Schlange Kaa im Dschungelbuch". Letztendlich sei sie froh, dass sie sich nicht entscheiden müsse. (Fotos: Dieter Kügele)

Mehr dazu:

fudder.de: Nachgefragt