Nachgefragt bei Guido Westerwelle

Anita Reiter

Kiffen Sie? Wie heißt der polnische Außenminister? Warum mögen Sie Pferde? Was ist mit den deutschen Soldaten in Afghanistan? Nur vier von etlichen Fragen, die Guido Westerwelle, Bundesvorsitzender der FDP, gestern im Rotteck-Gymnasium beantworten musste. Anita hat sich das angeschaut.



„Ich bin doch nicht hier, weil ich eine feuchte Wohnung habe“, ließ Guido Westerwelle unter Gelächter verlauten und gibt damit zu, dass er auch im Rotteck-Gymnasium zu Gast sei, um Wähler zu gewinnen. Es war einer der Momente an diesem Nachmittag, der Westerwelle zu dem engagierten und durchaus überzeugenden Redner werden ließ, den man von Bundestagsdebatten kennt. Es sei klar, dass Politiker bei jeder öffentlichen Veranstaltung um Wähler werben. „Das ist doch legitim. So funktioniert Demokratie“, rief Westerwelle den Zuschauern zu.




Am Anfang des Gesprächs stand der Spaß im Vordergrund und so provozierte fast jeder Satz von Westerwelle Gelächter im Publikum. Zunächst stellten die Moderatoren dem Politiker obligatorische Weihnachtsfragen. Er sei noch nicht in Weihnachtsstimmung, sagte der FDP-Politiker und schon die Frage, mit wem er denn Weihnachten feiere, stufte er als zu privat ein: „Nehmen wir zum Beispiel mal an, ich würde hier erzählen, dass ich einen Weihnachtsbaum aus Plastik hätte.“ Das Lachen der Zuschauer an dieser Stelle zeigte, dass Westerwelle gar nicht weiter sprechen musste. Das Publikum hatte verstanden.

Nach diesem small talk ging es ans Eingemachte: Vor Westerwelle lagen verschiedene Gegenstände und er sollte sagen, welchen dieser Gegenstände er welchem Politiker schenken würde. Innenminister Schäuble würde von ihm demnach eine Kettensäge bekommen, weil dieser „robust mit Bürgerrechten umgeht“, wie Westerwelle erklärte. Auch beim zweiten Beispiel bemühte er sich um Witz: „Das Fernglas bekommt Finanzminister Steinbrück, damit er die Haushaltslöcher suchen kann.“



Als oft geladener Gast von Moderatorinnen wie Maybrit Illner musste Westerwelle sich erst einmal daran gewöhnen, dass dies hier eine andere Art von Talkshow war, als die, die er gewohnt ist. Wenn ihm eine Frage zu lapidar erschien, antwortete er schon mal schmunzelnd: „Ich sehe nicht, wie das Deutschland weiter hilft.“

„Kiffen Sie?“, war eine der Fragen, mit denen die Moderatoren das Publikum zum Lachen brachten. Diese Frage wurde Westerwelle gestellt, als es um das wichtigste Anliegen der freien Demokraten ging: Die Freiheit. Diese sei jeden Tag aufs Neue gefährdet. „Freiheit stirbt zentimeterweise“, erklärte Westerwelle. Die Frage nach dem Kiffen verneinte er übrigens entschieden.

Dann drehte Guido Westerwelle den Spieß um und sagte zu den Moderatoren: „Ich habe auch was über Sie und Ihre Recherchemethoden rausgekriegt.“ Die Moderatoren hatten nämlich einen alten Schulfreund Westerwelles per Email kontaktiert und ihn nach intimen Details über den FDP-Politiker gefragt. Westerwelle selbst schien einen Heidenspaß daran zu haben und lobte die Moderatoren: „So gut wie Sie hat das noch keiner vorbereitet.“ Robin Dutt hatte das Nachgefragt-Team damals mit ähnlichen Worten gelobt.



So manche Frage nutzte der plappermuntere Politiker, um in einen Redeschwall von gefühlten 30 Minuten auszubrechen. Dies geschah auch, als er auf seinen unvergessenen Auftritt im Big Brother Haus zu sprechen kam. Alle Parteien seien damals eingeladen worden und nur er habe den Mut gehabt, live vor sechs Millionen Zuschauern mit jungen Leuten über Politik zu diskutieren, verteidigte sich Westerwelle.

Doch wenn ein Politiker zu Gast ist, kommen auch die ernsten Themen irgendwann dran. Auf die Frage, ob er das acht- oder das neunjährige Gymnasium bevorzuge, antwortete Westerwelle, dass man das nicht pauschal sagen könne, da Vieles schon mal von Bundesland zu Bundesland verschieden sei.

Das Thema Finanzkrise durfte natürlich auch nicht fehlen. Diese habe ihn nicht persönlich getroffen, da er sein Geld ganz einfach bei der Sparkasse angelegt habe. Westerwelle kritisierte, dass Wirtschaftspolitik oft als etwas Kapitalistisches abgetan werde. „Das ist aber nichts Abstraktes“, sagte Westerwelle und wurde wieder zum Bundestagsredner, „das Thema Wirtschaft betrifft jeden Einzelnen und seine Chancen.“ Beim Thema Energiepolitik bezeichnete Westerwelle den Atomausstieg als weder politisch, noch ökonomisch, noch sozial vernünftig.



Da Guido Westerwelle nach der Bundestagswahl 2009 möglicherweise einen Anspruch auf das Außenministerium anmelden wird, wurde er in einem kleinen Quiz auf seine außenpolitische Tauglichkeit hin geprüft. Ob man Außenminister mit ss oder ß schreibt, war Westerwelle ziemlich egal. Vom ganzen Trubel um die Rechtschreibreform schien er wenig zu halten. Seinen möglichen polnischen Kollegen kannte Guido Westerwelle immerhin: Radoslaw Sikorski. Auch dass die EU aus 27 Staaten besteht, hatte er sofort parat. Fragen nach den deutschen Soldaten in Afghanistan und den dort Gefallenen beantwortete der FDP-Chef in ernstem Ton. Ob nun 10 oder 20 Deutsche dort umgekommen seien, mache keinen Unterschied.



Als Westerwelle nach den Hauptstädten Lettlands, Estlands und Litauens gefragt wurde, antwortete er nicht mit drei, sondern mit vier Worten: „Das können Sie knicken“, was einmal mehr Gelächter beim Publikum hervorrief.

Im letzen Teil von „Nachgefragt“ sollte Westerwelle Gegenstände in kleinen Säckchen ertasten. Schon beim ersten Gegenstand schien er not amused: Eine Barbie-Puppe. „Die fasse ich nicht an“, sagte Westerwelle entschieden. „So entstehen die Fotos, die Sie nie mehr loswerden.“ Die anderen Gegenstände hatten mehr oder weniger mit Westerwelles Person und seinem Leben zu tun. So steckte in einem Säckchen ein Spielzeug-Pferd, das auf Westerwelles Pferde-Begeisterung anspielte. Außerdem erfuhren die Zuschauer, dass Mallorca das Lieblingsreiseziel des FDP-Chefs ist und er privat einen Smart fährt.



Zum Schluss wollte Guido Westerwelle seinen mehrheitlich jungen Zuhörern bei all den Scherzen noch eine ernsthafte Botschaft mit auf den Weg geben: Er zitierte den früheren SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel mit den Worten: „Für meine Generation war Krieg die Normalität. Für euch ist Frieden die Normalität." Frieden sei aber etwas, das jeden Tag aufs Neue erarbeitet werden müsse.



Als Geschenk bekam Guido Westerwelle von den Moderatoren Lale Pfeiffer und Tomek Sowula eine Flasche Wein. Die hatte zwar keine 18 Prozent, aber 12 Prozent seien schon mal ein Anfang, wie Westerwelle versicherte.

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