fudder-Interview

Nach Holocaust-Aussagen des Gründers: Extinction Rebellion Freiburg läuft bei Demo mit

Vincent Zeile

Die Bewegung war in Kritik geraten, da Mitbegründer Roger Hallam den Holocaust als "nur einen weiteren Scheiß in der Menschheitsgeschichte" bezeichnet hatte. fudder hat eine Extinction-Rebellion-Aktivistin gefragt, wie die Ortsgruppe damit umgeht.

Werden Sie am Freitag in Freiburg unter dem Namen "Extinction Rebellion" demonstrieren?

Lisa Deutscher: Ja, werden wir. Wir haben uns darüber natürlich Gedanken gemacht, ob wir nach der ganzen Geschichte mit Roger Hallam der Klimasache schaden, wenn wir unter diesem Namen auflaufen. Wir haben schon Bedenken, dass wir dadurch zu viel Aufmerksamkeit auf Hallam bündeln könnten, obwohl es im Grunde weder um ihn noch um Extinction Rebellion (XR) als Gruppierung geht, sondern um die Klimasache als solche. Gerade jetzt, wo in Australien gigantische Buschbrände wüten, Venedig mit starken Überschwemmungen zu kämpfen hat und Rekordwerte an CO2 und Methan in der Erdatmosphäre gemessen werden, wollen wir die Aufmerksamkeit nicht von der Hauptsache ablenken. Deshalb haben wir uns mit den Veranstaltern von Fridays for Future (FFF) besprochen. Diese meinten, dass wir ruhig unter dem Namen "Extinction Rebellion" teilnehmen sollen. Ich denke auch, weil unsere Beiträge für FFF eben auch eine Ergänzung sind. Im Anschluss an die Demo am Freitag haben wir dann auch eine eigene Aktion geplant.

"Wir wollen nicht in einer Bewegung sein, in der man solche Aussagen einfach treffen kann und darf."

Extinction Rebellion Deutschland hat die Aussagen Hallams stark kritisiert und verurteilt. Es ist sogar von einer kalkulierten Provokation die Rede, indem Hallam den Holocaust gezielt instrumentalisiert hat, um mehr Aufmerksamkeit auf die Klimakrise zu lenken. Wie positioniert sich XR Freiburg dazu?

Ja, das sehen wir auch so. Auf der Website unserer Ortsgruppe haben wir dazu auch eine Stellungnahme veröffentlicht. Wir distanzieren uns stark von Roger Hallam und seinen Aussagen und verurteilen sie zutiefst. So etwas geht überhaupt nicht!
Mittlerweile wurde auch in Großbritannien innerhalb der XR-Community ein Prozess angestoßen, in dem sich auch einige Gruppierungen für einen Ausschluss Roger Hallams aussprechen. In Deutschland gibt es diese Stimmen auch und XR Freiburg würde sich wünschen, dass man sich von solchen Personen verabschiedet. So viel er auch für die Bewegung getan hat, solche Aussagen gehen einfach nicht. Wir wollen nicht in einer Bewegung sein, in der man solche Aussagen einfach treffen kann und darf.
Die 34-jährige Archäologin Lisa Deutscher arbeitet im Onlinemarketing, und ist Aktivistin bei der Umweltschutzbewegung "Extinction Rebellion".

Roger Hallam hatte sich zum Teil auf Facebook entschuldigt, wie beurteilen Sie das?

Ja, um gleich darauf mit dem Interview im Spiegel nachzulegen. Es ist alles nicht so richtig glaubwürdig, es ist populistisch und kommt der Rhetorik, wie sie beispielsweise die AfD verwendet, sehr nahe, und so etwas wollen wir einfach nicht, so wollen wir nicht auftreten.

"Es ist auch wichtig, sich ganz selbstkritisch damit auseinanderzusetzen, wohin wir uns als XR Deutschland entwickeln und von XR UK abgrenzen wollen."

Ist die Bewegung durch diese Vorfälle nicht nachhaltig geschädigt worden? Es könnte problematisch sein, unter diesem Namen weiterhin aufzutreten.

Das ist eine Befürchtung, die viele bei XR Freiburg haben. Das wird sich allerdings erst in der Zukunft zeigen, wie die Menschen auf uns und unsere Aktionen reagieren werden. Ich hoffe natürlich, dass die Bewegung davon nicht nachhaltig geschädigt wird und auch, dass klar geworden ist, das XR Deutschland diese Meinung nicht vertritt und unterstützt. Allerdings muss man sagen, dass diese Aussagen Hallams einen fatalen Imageschaden mit sich gebracht haben. Das Kind ist sozusagen schon in den Brunnen gefallen, das können wir nicht mehr wirklich beeinflussen, die weitere Bewertung bleibt den Menschen überlassen. Mehr als uns entschieden davon zu distanzieren und uns zu überlegen, was das für die Werte von XR-Deutschland bedeutet, können wir erstmal nicht leisten.

Wird es dann einen Ausschluss von der Person Roger Hallam geben oder wird sich vielmehr die Gruppierung XR Deutschland klar abgrenzen?

Dazu kann ich noch keine klare Auskunft geben. Das letzte Wort ist in jedem Fall noch nicht gesprochen. Anfang Dezember wird es ein bundesweites Treffen von allen Ortsgruppen in Deutschland geben. Dort wird die Frage, wie es weitergeht, sicher ein ganz großes Thema sein. Es ist auch wichtig, sich ganz selbstkritisch damit auseinanderzusetzen, wohin wir uns als XR Deutschland entwickeln und von XR UK abgrenzen wollen. Ich hoffe, dass dieser wichtige interne Prozess bald abgeschlossen wird, damit wir uns wieder mit voller Kraft der Hauptsache widmen können: Vehement darauf zu drängen, dass endlich angemessen auf die Klimakatastrophe reagiert wird. Denn uns rennt die Zeit davon.

Könnte die flache Hierarchiestruktur, ohne richtige Kontrollinstanz, ein Problem sein, die solche Alleingänge und Aktionen begünstigt?

Ja und Nein. Eigentlich steht in unseren Prinzipien geschrieben, dass wir gerade versuchen, alle Hierarchie- und Machtstrukturen zu vermeiden. Bei Roger Hallam liegt es vielmehr am Gründersyndrom. Er hat eben angefangen mit der Bewegung und das wird er nicht mehr los. Egal, wie stark wir uns auf die Fahne schreiben, dass wir keine Führungsfiguren und Hierarchie wollen; wenn er einfach trotzdem beschließt, im Namen der Bewegung zu sprechen, und sich in diesem Rahmen selbst nicht an seine eigenen Regeln hält, lässt sich eben wenig dagegen machen. Gerade die Regel, dass jeder und jede in Namen von XR agieren darf, der oder die im Geiste der drei Forderungen und zehn Prinzipien handelt, sorgt dafür, dass Machtstrukturen und Hierarchien vermieden werden. Aber dennoch, den ein oder anderen Geburtsfehler hat XR, und das wird jetzt bearbeitet.

Dennoch sind die zehn Werte von XR ja recht offen formuliert und bieten vielleicht gerade dadurch einen gewissen Spielraum, um instrumentalisiert zu werden?

Solange jemand Aktionen durchführt, die sich an diese Prinzipien halten und wirklich an alle diese Prinzipien, sehe ich keinen so großen Spielraum. Gerade unser 6. Prinzip, im dem es heißt "Alle sind willkommen – so wie sie sind" wurde schon vor einer Weile von XR Deutschland um ein Addendum erweitert. Wir tolerieren und dulden keinen Sexismus, keinen Rassismus, keinen Antisemitismus. Bei aller Offenheit, wir tolerieren keine Intoleranz. Prinzip 6 hat vielmehr ein geschütztes und für alle zugängliches Umfeld zum Ziel. Das heißt aber auch, dass wir keinen geschützten Raum für intolerante Menschen zur Verfügung stellen. Das Toleranzparadoxon haben wir verstanden und versuchen damit umzugehen und damit zu arbeiten.
Roger Hallam hatte bereits im September in einem Zeit-Interview gesagt: "Anders als klassische linke Bewegungen schließen wir niemanden aus, auch jemand, der ein bisschen sexistisch oder rassistisch denkt, kann bei uns mitmachen."

  • Was: Flashmob: AKTION Mike Check!
  • Wann: Freitag, 29 November, 13 Uhr
  • Wo: Treffpunkt - Uni KG II - Eingangshalle (beim Platz der Alten Synagoge)

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