Ermordete Studentin

Nach Dreisam-Mord: Sturm auf Pfeffersprays in Freiburg

Frank Zimmermann

Seit dem gewaltsamen Tod der 19 Jahre alten Studentin herrscht eine große Unsicherheit in der Stadt, vor allem unter jungen Frauen. Pfeffersprays boomen besonders seit dem Verbrechen.

Die Vergewaltigung und Tötung einer 19 Jahre alten Studentin haben in der Bevölkerung ein großes Unsicherheitsgefühl und Angst ausgelöst. Vor allem Frauen fragen sich: Wie gehe ich mit dieser schrecklichen Tat um? Muss ich mich schützen? Kann ich das überhaupt? Pfeffersprays boomen besonders seit dem Verbrechen am 16. Oktober. Aber auch die Nachfrage nach Elektroschockern, Baseballschlägern und Schreckschusspistolen steigt, bestätigen Waffenhändler. Die Fachberatungsstelle Frauenhorizonte gegen sexualisierte Gewalt hält davon nichts.


Stefanie F. (Name von der Redaktion geändert) wohnt in der Oberau und joggt seit Jahren an der Dreisam. Auch vor der Tötung von Maria L. war ihr zu ihren bevorzugten Laufzeiten nach Feierabend und frühmorgens mulmig. "Seit der Tat hat mein Freund mir das Joggen schlichtweg verboten", sagt die 37-Jährige.

Frauen nicht zu Mitschuldigen machen

"Das ist ein Fall, der uns alle erschüttert", sagt Claudia Winker. Die Geschäftsführerin von Frauenhorizonte weist ebenso wie die städtische Frauenbeauftragte Simone Thomas darauf hin, dass die meiste sexualisierte Gewalt im eigenen sozialen Umfeld passiere, mehr als 70 Prozent. Winker warnt davor, jetzt zu sagen: "Frauen, die keinen Karatekurs oder Pfefferspray haben..." oder "Wie kann man nur allein an der Dreisam fahren!" Damit mache man Frauen zu Mitschuldigen. "Frauen sollten immer problemlos an der Dreisam fahren können." Generell wünscht Winker sich mehr Zivilcourage.

"Seit der Tat hat sich das Geschäft vervielfacht", er habe das so in Freiburg noch nie erlebt, sagt Wolfgang Dotzauer von Messer Nosch an der Bertoldstraße. Nach den Ereignissen in Köln an Silvester sei aus Vorsicht gekauft worden, "jetzt aus Angst". 30 bis 40 Frauen, meist um die 20, kämen täglich in den Laden und verlangten Pfefferspray, auch Eltern kämen.

Exemplare zum Ausprobieren kaufen

In Bernd Ramspergers Geschäft in der Rathausgasse sind es zehn bis 20 am Tag. "Die Großhändler fragen mich schon, warum ich in Freiburg so viel bestelle", sagt Dotzauer. Von Messern raten die Händler ab. Sie könnten gegen einen gerichtet werden, erklärt Polizist Frank Stratz. Zu Pfeffersprays sagt er: "Man muss die Grenzen und Möglichkeiten kennen." Stratz, bei der Polizei für Prävention zuständig, rät, ein Exemplar zum Ausprobieren zu kaufen und sich über die Handhabung zu informieren. Aber: Ein Spray mache einen Angreifer nicht handlungsunfähig, sondern verschaffe dem Opfer nur Zeit zu fliehen. Claudia Winker hält nichts von Pfefferspray und anderen Waffen: "Das ist total gefährlich."

Hauptkommissar Stratz schlägt Signalgeber vor, die 120 Dezibel laut werden: "Das stört den Täter, seine Konzentrationsfähigkeit leidet." Er rät Frauen, vorab den Heimweg zu planen, Umwege in Kauf zu nehmen, auf denen man sich sicherer fühle, sich nicht auf Gespräche mit Fremden einzulassen, in Gruppen unterwegs zu sein und Orte, an denen man sich unwohl fühle, zu meiden.

Verbündete suchen, gemeinsam nach Hause gehen

Auch Winker rät Frauen, auf ihr Gefühl zu hören und sich Verbündete zu suchen, etwa den Schaffner oder einen vertrauenswürdigen Passanten. Simone Thomas weist auf die Aktion "Hot Spots" hin: Frauen treffen sich in Clubs an zentraler Stelle, um dann gemeinsam nach Hause zu gehen. Gut findet Thomas Selbstverteidigungskurse.

Sinnvoll ist auch, zu telefonieren. Wer keine Nachteule kennt, kann auch mit Fremden plaudern (www.heimwegtelefon.de), die extra dafür da sind. Studien hätten erwiesen, dass man beim Telefonieren weniger angesprochen werde, sagt Stratz. Apps wie Companion verständigen Freunde per SMS, wenn man aufbricht und am Zielort ankommt. Stratz empfiehlt: Den Angreifer siezen, da Passanten sonst denken, es handle sich um einen privaten Streit.
Die Ermittler haben folgende Fragen:

Wer hat am frühen Sonntagmorgen zwischen 2:40 und 8:20 Uhr ungewöhnliche Beobachtungen an der Dreisam gemacht?

Wer hat die 19-Jährige oder ihr abgebildetes weißes Damenfahrrad im Zeitraum von Mitternacht bis zum Auffinden am Sonntag gegen 8:20 Uhr gesehen und kann sachdienliche Hinweise zum Geschehen machen?

Wer kann sachdienliche Angaben zur Herkunft oder zu einem möglichen Eigentümer des lilafarbenen Damenrads machen?

Wem sind an ihm bekannten Personen im Nachgang zur Tat ungewöhnliche Kratzer aufgefallen?

Die Polizei bittet Zeugen, sich unter 0761-882 5777 bei der Kriminalpolizei zu melden.

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