Nach dem Abi: Hierbleiben oder wegziehen?

David Weigend

Seit der fünften Klasse gehen die beiden Abiturienten Luigi Zarrillo (19, auf Bahnsteig) und Hermann Horn (19) aufs Geschwister-Scholl-Gymnasium in Waldkirch. Am 24. Juni ist ihr letzter Schultag, danach werden sich ihre Wege trennen. Luigi will unbedingt hier bleiben, Hermann wird wegziehen. Warum? Ein Gespräch über Fernbeziehung, Verwurzelung und das Leben nach der Schule.



Luigi, was wirst du nach dem 24. Juni machen?

Da ich Italiener bin und deshalb weder Zivildienst leisten noch zur Bundeswehr gehen muss, will ich gleich mit dem Jurastudium beginnen und zwar in Freiburg. Die Fakultät dort hat einen guten Ruf. Ich hatte nie das Gefühl, weg zu müssen.

Was hält dich?

Warum sollte ich woanders leben? Mein ganzer Freundeskreis befindet sich hier und es ist auch nicht unbequem, daheim zu wohnen. Außerdem lebt meine Freundin Alexandra in Oberwinden. Wir sind seit gut drei Jahren zusammen. Sie ist ein Jahr jünger als ich. Eine Fernbeziehung wäre nichts für mich. So was finde ich sehr schwer. Ich könnte meinen Alltag, auch meine Probleme, mit ihr ja überhaupt nicht mehr teilen und umgekehrt.

Du willst also nicht aus dem Elternhaus ausziehen?

Nein. Irgendwann vielleicht schon. Aber so richtig verlassen will ich die Gegend nicht. Ich bin schon ein heimatverbundener Typ. Jedes zweite Wochenende gehe ich zum Sportclub. Es sind Kleinigkeiten, an denen ich merke: ich gehöre hier hin.

Wieviele Leute aus eurer Stufe werden Waldkirch nach dem Schulabschluss verlassen?

Grob gesagt bleiben 60 Prozent hier, 40 Prozent gehen weg.



Hermann, seit wann steht für dich fest, dass du nach dem Abi weg willst?

Seit der elften Klasse. Im Gegensatz zu Luigi habe ich den Großteil meines Freundeskreises in Freiburg. Ich bin auch mehr der Stadtmensch. Klar habe ich auch einige Waldkircher Freunde, die es bevorzugen, im Elztal am Bach zu chillen oder in den Wald zu gehen. Das finde ich auch mal ganz interessant, aber ich habe ziemlich schnell genug davon. Da ich jetzt auch in Freiburg schon alles kenne, brauche ich was Neues. Berlin calling.

Warum Berlin?

Ich pendele seit einem Dreivierteljahr zwischen Waldkirch und Berlin, weil meine Freundin Sophie dort wohnt. Meistens reise ich mit einer Mitfahrgelegenheit, Sophie und ich teilen uns den Preis. Trotzdem geht das ins Geld. Inzwischen hat sich für mich die Entfernung relativiert. Aber diese Beziehung auf Distanz ist schon sehr anstrengend und fordert auch viel Vertrauen.

Wie hast du deine Freundin kennengelernt?

2009 flüchtete ich mit Freunden vor der Fasnet nach Berlin. Dort traf ich Sophie auf einer Party. Es läuft echt gut. Außerdem mag ich Berlin sehr. Ich werde mit meinem besten Freund in die Hauptstadt ziehen. Am ersten September werde ich dort voraussichtlich meinen Zivildienst antreten, in einem Krankenhaus oder in einem Kindergarten. Auf die Berliner Feierkultur freue ich mich natürlich auch.

Und danach?

Verreisen, mit dem Rucksack ein bisschen die Welt anschauen. Dann will ich Geschichte und Politik studieren. Mein Ziel ist es, einmal im Auswärtigen Amt zu arbeiten. Ich spreche Russisch, Französisch und Englisch.

Du hast zwei achtjährige Schwestern, deine Mutter ist alleinerziehend. Was sagt sie dazu, dass du weggehst?

Sie steht hinter mir und begrüßt meine Entscheidung. Gleichwohl werde ich zu Hause als helfende Hand fehlen: Holz machen für den Ofen, den Schwestern bei den Hausaufgaben helfen, den Haushalt führen, das wird meine Mutter nun allein erledigen müssen. Das ärgert mich schon ein wenig und ist ein Grund für mich, öfters wieder nach Hause zu kommen.

Findest du Waldkirch provinziell?

Zum Aufwachsen ist Waldkirch ideal (siehe fudder Kleinststadtgeheimtipps Waldkirch). Eine Kleinstadt mit viel Natur und allem, was man braucht. Man kann da wunderbar spielen. Aber spätestens, als ich mich fürs Ausgehen interessiert habe, wurde es mir dort langweilig.

Wie schlimm wäre es für dich, wenn du hierbleiben müsstest?

Ich wäre sehr enttäuscht. Sophie und ich halten diese Fernbeziehung kaum noch aus.



Luigi, warst du mal längere Zeit weg von daheim, zum Beispiel bei einem Schüleraustausch?

Nein.

Warum ist es für Hermann in deinen Augen leichter als für dich, Waldkirch zu verlassen?

Weil er ein Zugezogener ist. Hermann ist ja erst in der fünften Klasse zu uns gekommen. Ich bin Waldkircher von Geburt an. Das ist schon ein Unterschied. Klar, bei uns ist es auch mal langweilig, die Stadt hat Jugendlichen nicht viel zu bieten. Und ein besonderer Naturmensch bin ich jetzt auch nicht. Aber die sozialen Kontakte fangen das wieder auf.

Angenommen, du müsstest für ein Jahr nach Hamburg. Was würde dir, abgesehen von deiner Freundin, am meisten fehlen?

Das wäre für mich kein Problem. Ich will ja aus ganz pragmatischen Gründen hierbleiben. Die Welt entdecken, in eine größere Stadt ziehen, das kann alles noch kommen. Aber jetzt noch nicht. Das passt nicht in meinen Plan.

Was ist, wenn du in Freiburg keinen Studienplatz bekommst?

Darüber mache ich mir gerade Gedanken, allein schon aus finanziellen Gründen. Klar hat München auch eine renommierte juristische Fakultät, aber München ist verdammt teuer. Ohne finanzielles Polster kriege ich da schon bei der Miete Probleme. Ich müsste jetzt schon planen, wie ich das wuppen könnte. Das ist mir einfach zu viel im Moment.

Was sagen deine Eltern dazu, dass du hierbleibst?

Meine Mutter würde es lieber sehen, dass ich in eine größere Stadt ziehe. Eher untypisch für eine italienische Familie. Sie würde meinen Auszug jedenfalls unterstützen.

Wann und wo werdet ihr euch wiedersehen?

Hermann: (lacht) Vermutlich zu Weihnachten im Outback.

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