Nachtleben

Nach 16 Jahren ist Schluss: Walfisch-Betreiber Mitch hört zum Jahresende auf

Anika Maldacker

Er war der Erste in Freiburg, der einen Irokesenschnitt trug, außerdem führte er seit 2002 die Punkrockkneipe Walfisch in der Wiehre: Michael Schniepp, der nur "Mitch" genannt werden will. Zum Jahresende hört er nach 16 Jahren mit dem Kneipenbetrieb auf.

Rauchend und etwas lethargisch sitzt Michael Schniepp, besser unter dem Namen "Mitch" bekannt, um zwei Uhr nachmittags in seiner Eckkneipe Walfisch an der Schützenallee 1. An den rot-schwarz gestrichenen Wänden um ihn herum hängen Totenschädel, direkt hinter ihm klebt ein "FCK AFD"-Aufkleber, von draußen donnert der schwere Lkw-Verkehr der B31 hinein. "Ich hab irgendwie keine Lust mehr", erklärt Michael "Mitch" Schniepp seinen Ausstieg als Walfisch-Betreiber. Seine Kündigung als Pächter beim Hauseigentümer Ganter Grundstücks GmbH ist eingereicht. "Zum 1. Januar hör ich auf", sagt er, "das ist 100 Prozent sicher." Wir siezen ihn zunächst, sprechen ihn mit "Herr Schniepp" an. Das mag er gar nicht. "Ich bin der Mitch, dass das klar ist", sagt Mitch.


"Freiburg ist für mich eine tote Stadt geworden", Mitch
Mitch hat einen Namen in Freiburg. Er gilt als Punk-Urgestein. Ein Freiburger Punker erinnerte sich, dass Mitch der erste in Freiburg war, der einen Irokesenschnitt trug. Mitch war auch der erste, der in der Stadt ein Tote-Hosen-Konzert veranstaltete. Das war 1983, damals kannte die Hosen kaum jemand. Sie spielten im AZ, dem Freiburger Autonomen Zentrum, einem damals besetzten Haus im Glacisweg. Mitch war in der Freiburger-Hausbesetzer-Szene und ihrem wilden Nachtleben bekannt wie ein bunter Hund. 2010, als er den Walfisch schon acht Jahre betrieb, machte er negative Schlagzeilen, als er die umstrittene Deutschrock-Band Freiwild nach Lahr holte. Damals wurde er angefeindet und seinem Walfisch hing der Ruf an, ein rechtsoffener Laden zu sein.

Nun sagt der 55-Jährige: "Freiburg ist für mich eine tote Stadt geworden" und "Punkrock funktioniert in der Stadt nicht mehr, da Freiburg zu teuer ist." Die Leute kämen nur noch zum Essen in seine Kneipe, zum Trinken zögen sie dann weiter – oder gingen einfach heim. Die vergangenen warmen Monate haben Mitch die Lust am Kneipenbetrieb genommen. "Ich hab jedes Jahr nach dem Sommer draufgezahlt", sagt er. Nach dem Hitzesommer in diesem Jahr hat er sich entschieden, endgültig mit dem Walfisch aufzuhören.

Mitch wollte schon öfter das Handtuch schmeißen

Schon mehrere Male habe er, der in Stegen aufwuchs, in den vergangenen Jahren den Absprung als Freiburger Kneipenbetreiber machen wollen. Jetzt hat er ihn gewagt. Persönliche Gründe haben eine große Rolle für seinen Abgang zum Jahresende gespielt. Er sei vor kurzem wieder Vater von Zwillingen geworden. Mittlerweile lebe er mit seiner Familie, erzählt er, in einem Dorf in der Pfalz. Außerdem arbeite er ja noch seit 30 Jahren als Manager der britischen Punkband "The Exploited". Und er ist müde. Müde von der Bürokratie, müde von den Auflagen, die einem Kneipenbetreiber auferlegt werden, müde vom Staat, müde von der Gema. "Ich habe in meinem Leben noch keinen Kulturzuschuss gekriegt", sagt Mitch und fragt sich, wie andere Kneipenbesitzer das schaffen, die mehr als die 2500 Euro Pacht begleichen müssen, die er im Monat bezahlt. Wenn der Betrieb in den nächsten Monaten nicht besser laufe, werde er mit einem Minus aus der Kneipe gehen.

Mitch ist auch müde vom Verpächter. Denn von der Firma Ganter, bei der er als junger Mann eine Ausbildung zum Bierbrauer begann und abbrach, habe er schon öfter gefordert, die Räume des Walfischs teilweise zu renovieren. "Im Winter ist es zu kalt, weil es reinzieht und in den Toilettenräumen ist der Geruch oft schlecht", sagt Mitch. Passiert sei bisher nicht viel.

Bei Ganter heißt es: "Wir haben den Mitch nicht alleine gelassen", sagt Außendienst-Mitarbeiter Franz Weckerle. Aber bei Ganter wisse man, dass im Walfisch bauliche Veränderungen vorgenommen werden müssten. Das wolle man aber erst nach Mitchs Ausstieg angehen, auch weil man ihn in den letzten Wochen seines Kneipenbetriebs in Ruhe arbeiten lassen wollen würde. Aber der Walfisch soll weiter eine Kneipe bleiben. "Uns ist es wichtig, dass der Walfisch weitergeht", sagt Weckerle "auch im bisherigen Stil, sofern der neue Betreiber zustimmt." Der Walfisch solle weiterhin die subkulturelle Seite Freiburgs verstärken.

Wer zieht in den Bauch des Walfisch ein?

Zwei am Weiterbetrieb interessierte Parteien gibt es bisher. Dass der Walfisch aber einige Wochen geschlossen sein wird, sei ziemlich sicher, sagt Weckerle.

Der Walfisch ist ein Ganter-Lokal und daher verpflichtet, das Bier der Brauerei einzukaufen und auszuschenken. Bekannt ist die Punkrockkneipe auch, weil sie jungen Handwerkern auf der Walz Schlafmöglichkeiten anbietet. Der Walfisch ist als Fußball-Kneipe vor allem bei Fans des FC St. Pauli und SC Freiburg beliebt.

Wenn Mitch am 1. Januar 2019 den Walfisch abgibt, dann will er "erst einmal nichts mehr mit dem Freiburger Nachtleben zu tun haben." Die Kinder in der Pfalz, die Band, die Familie – all das wartet. Aber auch die ersten Projekte für das Freiburger Nachtleben.

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Hinweis: In einer vorigen Version des Textes hieß es, dass die Band Freiwild eine Rechtsrock-Band sei. Diese Formulierung haben wir geändert.