Mythos Mappe: Was ist dran? Was gehört rein?

Katharina Dehn & Nadja Röll

Nur wenige kreative Ideenbrüter bekommen einen Platz an einer gestalterischen Hochschule. Gibt es zu wenige, oder sind die meisten Bewerber einfach Langeweiler mit zwei linken Händen? Was bringen die Anwärter in ihren Mappen mit, und was wollen die Profs eigentlich sehen? Der Mythos Mappe - eine Bestandsaufnahme:



Die Anwärter bringen zum Beispiel einen Zwiebelschneider von Zuhause mit, zerlegen ihn zeichnerisch in seine Bestandteile und formen dann aus den einzelnen Linien Typographien, Wortfelder: Konsum, Kaufen, KauFRAUsch.

„Bei der Bewerbung geht es vor allem darum, visuelle Botschaften zu vermitteln“, sagt Moritz Lang, Dozent für Graphik-Design an der Hochschule für Kunst, Design und Populäre Musik. „In den Mappen sieht vieles auf den ersten Blick interessant aus, aber dann steckt doch nicht so viel dahinter“, fügt der junge Mann im Ringelpulli hinzu, während er freundlich durch sein großes Brillengestell blickt. Diese Rückmeldung bekommt hier an der hKDM jeder zweite, der sich mit seiner Mappe fürs Studium bewirbt – und damit eine Absage. Im vorbereitenden Mappenkurs geht es deshalb vor allem darum, Zeichnungen, Fotografien oder Collagen bildlich zum Sprechen zu bringen, gestalterisch Aussagen zu formulieren. 



Montagabend im Aktzeichenraum der Hochschule: Zwischen Staffeleien, zertrümmerten Puppen, aufgeschnittenen Fußbällen und Kuscheltieren kritzeln und skizzeln fünf motivierte Kreativlinge. Mit lauter Musik auf den Kopfhörern zeichnet Marcel ein Riesenrad, das Gerüst für sein neues Werk. Was genau daraus wird, das weiß er noch nicht. Das freie Arbeiten im Mappenkurs auf der Haslacher Straße gefällt ihm sehr gut und er genießt das kreative Klima zwischen so vielen unterschiedlichen Köpfen. Zum Studieren will er aber eigentlich in eine größere Stadt: „Falls das nichts wird, bewerbe ich mich aber doch hier an der hKDM.“

Dem 20-Jährigen stehen Neugierde und kreative Energie ins Gesicht geschrieben, und genau das wollen die Dozenten der Hochschule bei allen Bewerberinnen und Bewerbern sehen - auch in ihren Mappen. Andrea Mihaljevic, die Leiterin des Mappenkurses, die selbst in den 80ern an der UDK in Berlin studiert hat, geht langsam von Tisch zu Staffelei und hilft da, wo sie gebraucht wird. „Zeichnen kann man lernen, genau wie Sprechen“, sagt die Dozentin für bildnerische Gestaltung. „Es geht erst einmal darum, das Auge zu schulen und eine eigene Vorstellung vermitteln zu können.“ Mit einem entschlossenen Lächeln fügt Andrea Mihaljevic hinzu: „Bloß keine Arbeiten aus der Schule einreichen! Da spürt man sofort die Aufgabenstellung dahinter.“

Etwas anderes ist das allerdings, wenn es sich nicht um eine „normale Schule“ handelt, sondern zum Beispiel um das Berufskolleg für Graphik-Design in Freiburg; eine Schule, die jedes Jahr einer Gruppe Schülerinnen und Schüler Raum und Zeit für kreatives Schaffen bietet. „Die Abgänger sind ideal für das Studium bei uns gerüstet“, weiß Gertrud Borgenheimer, Schulleiterin der hKDM.      

Samstagvormittag am Berufskolleg auf der KaJo: An der Eingangstür begrüßt uns Michael Ryba mit einem breiten Lächeln, ein Flanellhemd offen über einem bunt bedruckten T-Shirt: „Machen Sie doch erst einmal Pause, trinken Sie einen Kaffee!“ Michael Ryba, freischaffender Künstler und Zeichenlehrer des Kollegs, stellt sich und die Schule direkt mit einem wichtigen Grundsatz vor: Pausen sind wichtig für Inspiration und Kreativität!

In zwei Klassenräumen schnuppern 36 Schülerinnen und Schüler zwischen 16 und 21 Jahren in das Kolleg hinein und zeichnen in einer ersten Übung die unterschiedlichsten Gegenstände ab. Vor Schuh und Zeitschrift sitzt Samuel, den man sich vom Styling her schon in einer großen hippen Werbeagentur vorstellen könnte. Der ehemalige Waldorfschüler sieht aus, als wolle er nach Berlin und New York - und das will er tatsächlich.



Aber jetzt sitzt der 21-Jährige erst einmal hier, einige Wochen vor der Aufnahmeprüfung am Berufskolleg für Graphik-Design, wo man neben der Ausbildung gleichzeitig auch die Fachhochschulreife machen kann. So steht hier ganz viel Gestaltung auf dem Stundenplan, aber auch Fächer wie Mathe, Englisch und Sozialkunde.

„Im Gegensatz zur Hochschule bekommen die Schüler auf dem Kolleg eine gestalterische Grundausbildung. Sie lernen genaues Betrachten und wichtiges Handwerkszeug. Vor allem geht es aber auch um die Entwicklung der Persönlichkeit“, sagt Michael Ryba, der selbst an der Folkwang und bei Joseph Beuys in Düsseldorf gelernt hat. „Die Schüler kommen hier oft ganz klein an und gehen nach drei Jahren als ganz andere Menschen wieder raus.“

Diese Entwicklung braucht seine Zeit und vielfältige Erfahrungen - genau wie das Erstellen einer Mappe. Damit die Schüler zwischen mittlerer Reife und Aufnahmeprüfung nicht in Zeitnot und unter kontraproduktiven Druck geraten, müssen sie am Kolleg keine Mappe einreichen. Sie können in einer praktischen Prüfung zeigen, was sie draufhaben.

Entgegen allen Gerüchten, dass es viel weniger Plätze, als Anwärter gebe, ist eine Absage am Berufskolleg oft einfach durch mangelnde Qualifikation und Motivation begründet. „Wenn wir eine große Neugierde und viel Potential erkennen können, dann kommt es uns nicht so sehr auf die zeichnerischen Fähigkeiten an. Wenn das aber gar nicht da ist, dann würden die Schüler hier eh nicht glücklich werden“, sagt Schulleiter Stefan Heß, der jedes Jahr etwa ein Drittel der Bewerberinnen und Bewerber ablehnen muss.  

Auch wenn Freiburg bekanntermaßen nicht Deutschlands Design-Hochburg Nummer 1 ist, so gibt es doch Möglichkeiten und Wege, eine Ideenschmiede zu besuchen. Entscheidend sind kreative Reifezeugnisse wie ein gefüllter Zeichenblock und die Mappe. Wer also mit Neugierde und Leidenschaft durchs Leben geht - bestenfalls auch immer mit Skizzenbuch und Fotoapparat, der kann sich und seine Arbeiten am Berufskolleg oder an der Hochschule sehen lassen.

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[Fotos: Nadja Röll]

Galerie: Mythos Mappe