Mutmacher: Wie Roland Diehl gegen Bahnlärm kämpft

David Weigend

Es ist die bemerkenswerteste und erfolgreichste Bürgerinitiative in Baden seit den Wyhler Protesten von 1975: Das Aufbegehren gegen die geplante Güterzugstrecke der Bahn durchs Rheintal. Der Mann, der diesen Kampf organisiert, heißt Roland Diehl. Wir haben ihn in Bremgarten besucht.



Herr Diehl öffnet die Balkontüre und geht in seinen Garten, zum Pavillon. „Schauen Sie, da will ich im Frühjahr wieder sitzen und im Abenddämmerschein das Leben genießen. Und ich werde mir dieses Glück nicht vom Lärm der Güterzüge kaputtmachen lassen.“


Wir haben es hier nicht mit einem Stammtischschimpfer zu tun, der sich nach dem dritten Bier Luft macht, sondern mit einem systematisch arbeitenden Rentner. Der viel Zeit hat. Diehl, 66, ist Physiker und war stellvertretender Leiter im Fraunhofer-Institut für angewandte Festkörperphysik in Freiburg. Das klingt nach Renommee, bedeutet aber in erster Linie: Er kann gut organisieren.



Unanständiges Gleis

Die Deutsche Bahn will zwischen Offenburg und Weil zwei weitere Gleise für den Güterverkehr bauen. Denn das Rheintal liegt zwischen zwei Seehäfen, dem in Rotterdam und dem in Genua. Über beide Häfen werden immer mehr Güter aus allen Teilen der Erde ins Hinterland transportiert.

Die Bahn will davon profitieren. Wenn ein Güterzug über die Strecke fährt, kostet das den Händler Trassenmaut. Von Karlsruhe nach Basel sind es 611 Euro. Man kann damit rechnen, dass, sobald die neuen Gleise verlegt sind, 500 Güterzüge pro Tag durchs Rheintal fahren. So fließen aufs Konto der Bahn täglich 300.000 Euro, im Jahr 110 Millionen Euro.

Aber das ist nicht das Problem. Auch Herr Diehl findet, dass der Güterverkehr von der Autobahn auf die Schiene sollte. „Aber man muss diese Strecke so bauen, dass die Bevölkerung mit ihr leben kann. Ein anständiges Gleis. Und genau das will die Bahn nicht, weil es mehr kosten würde.“



Volksverdummung

An einem Freitag im Jahr 2004 fuhr Herr Diehl ins Hartheimer Rathaus und holte sich dort 15 Aktenordner, die er sich übers Wochenende lieh und durchlas. Die Ordner enthielten die Planung der DB Projektbau, also jener Gesellschaft, die für die Bahn den neuen Schienenstrang im Rheintal ausarbeitet. Die Lektüre war für Diehl eine äußerst ärgerliche. Denn sie fußte beim entscheidenden Kapitel, dem Lärmschutz, auf einem mathematischen Konstrukt, das mit der Realität der Anwohner nur wenig zu tun hat.

Dieses Konstrukt heißt Mittelungspegel. Herr Diehl erklärt ihn so: „Legen Sie die rechte Hand in Eiswasser und die linke in 80 Grad heißes Wasser. Zusammengenommen hätten Sie eine wunderbare Badetemperatur. Diese Badetemperatur wäre dann, auf unseren Fall übertragen, der Mittelungspegel. Also die Lautstärke zwischen 0 Dezibel [db(A)] (Zug fährt nicht) und 90 bis 100 db(A) (Zug fährt in 25 Metern Entfernung durch). Aber was ich höre, wenn ich nachts im Bett liege und aufwache, ist doch nicht der Mittelungspegel von 49 db(A), sondern die volle Dröhnung des vorbeifahrenden Zuges!“



Die Bahn allerdings muss die Lärmschutzwände nur so hoch ziehen, dass am Ohr des Schläfers 49 db(A) Lärm (Mittelungspegel) ankommt. Und zwar laut Gesetz der 16. Bundesemissionsschutzverordnung. Dazu kommt ein sogenannter Schienenbonus. Der Gesetzgeber geht aufgrund von Studien davon aus, dass Bürger Schienenlärm als weniger störend wahrnehmen als Straßenlärm. Das heißt: Die 49 db(A) sind eigentlich 54 db(A), der Lärmteppich wird breiter, da die Schallschutzwände an den Gleisen niedriger gebaut werden dürfen. „Die reine Volksverdummung“, sagt Diehl.

Er will in dieser Sache nächstes Jahr vors Bundesverwaltungsgericht nach Leipzig gehen. „Die Lärmschutzverordnung ist doch dafür da, den Bürger vor Lärm zu schützen und nicht, dem Staat Geld zu sparen.“



Bürgerwillen

Gehen wir nochmals zurück ins Jahr 2004, als der Pensionär Diehl in Bremgarten hockt, den letzten Ordnerdeckel zuklappt, ans Fenster tritt, hinausschaut und denkt: „Wir leben hier in einem 2000 Jahre alten Kulturraum, da waren schon die Römer glücklich. Jetzt kommt die Bahn und will uns das kaputtmachen. In Wyhl ist es durch den geballten Bürgerwillen schon gelungen, ein Kernkraftwerk zu verhindern. Warum soll uns etwas ähnliches nicht auch gelingen? Es geht nur darum, genügend Leute zu mobilisieren.“

Diehl mobilisiert. Zuerst eint er die Bürgermeister, bei denen die Bahn versucht hatte, sie gegeneinander auszuspielen. Er gründet die Bürgerinitiative MUT in der Hausener Möhlinhalle. Auf einen Schlag hat er 200 Leute auf seiner Seite. Er zieht durch die Hallen der betroffenen Gemeinden im Planungsabschnitt 8.3: Krozingen, Heitersheim, Seefelden, Buggingen.

Er spricht zu denjenigen, die nicht die Zeit hatten, die 15 Bahnordner durchzuackern. Er zeigt ihnen Karten mit Lärmteppichen, er berichtet von Schallschutzwänden, die so hoch sein müssten wie die Chinesische Mauer, um den Menschen ihren Schlaf zu garantieren, Wände, die bei einem leichten Sturm umfallen würden; er erzählt vom mittleren Rheintal zwischen Mainz und Koblenz, wo die Bahn ihre Güterzugtrasse durchgesetzt hat und dieses Gebiet zu einem entvölkerten, sozial verödeten Landstrich gemacht habe.



Kollateralschaden, Lärmrevolution, Kampflieder, Zerstörung des Wirtschaftsraums: Diehls Vokabular ist oft ein militärisch geprägtes. Dabei ist er eher Mann der Vernunft: „Ich würde mich auch auf die Schienen setzen, wenn es sein muss, aber im Grunde lehne ich solche Aktionen ab. Überzeugung muss gewaltfrei laufen, durch Argumente.“

Diehl organisiert emsig und die Schar derer, die sich hinter ihm versammelt, wächst. MUT hat mittlerweile 6.800 Mitglieder, die IG Bohr, für die Diehl auch spricht, 22.000. Er nutzt das Internet, bündelt den Volkszorn der Trassengegner, 172.000 sind es bereits zwischen Offenburg und Basel. Diehl plant Demonstrationen und warnt die Bürger von Seefelden, wo die Bahn die neue an die alte Trasse andocken will, sechs Gleise und eine Unzahl von Weichen, direkt vor einem Wohngebiet. „Dieser Ort wird sich entvölkern, das hält kein Mensch aus. Der Lärm zermürbt.“



Die Bahn hat den Seefeldenern angeboten, Schallschutzfenster in ihren Häusern einbauen zu lassen und wirbt: „Dadurch erhöht sich der Wert ihrer Immobilie!“ Aber natürlich, so Diehl, sei es nicht so, sondern genau andersherum: „Versuchen Sie mal, ein Haus zu verkaufen, das passiven Schallschutz hat. Der erste Einwand des Interessenten ist doch: ,Aha, ist also laut hier.’“ Könnte schon sein, wenn 165 Güterzüge pro Nacht mit Waggons älterem Baujahrs über den Damm rollen.



Akustischer Dreck

Diese ganze Geschichte über einen rebellischen Mineralogen wäre wohl weniger erzählenswert, wenn sie nicht so erfolgreich wäre. Denn Bürgerinitiativen gibt es viele. Aber den meisten fehlen Ausdauer und Alternativen. Diehl bemüht sich um beides. Er arbeitet täglich fünf Stunden für den Widerstand im „MUT-Land“ und hat mit seinen Verbündeten „Baden 21“ erdacht, kurz gefasst eine bürgerfreundliche Variante der Güterbahnlinie: "Abgesenkter Schienenstrang, und dann kommt ein Deckel drauf.“ So wollen die Lärmgegner nicht nur den „akustischen Dreck“ dämmen, sondern auch Ackerland retten.

Die Landesregierung unterstützt mittlerweile Baden 21. Die Bahnvertreter sagten anfangs: „Es hat noch keine Bürgerinitiative gegen uns länger als zwei Jahre geschafft. Die paar Spinner verbröseln sich, das sitzen wir aus.“ Seit Juli sitzt die Bahn notgedrungen mit den MUT-Menschen an einem Tisch, in einem Projektbeirat, zusammen mit Vertretern des Bundesverkehrsministeriums, des Innenministeriums und anderen. In diesem Beirat versuchen die Parteien, aus der gegenwärtigen Pattsituation herauszukommen.



Die Landespolitiker haben erkannt, dass sich die Trasse im Sinne der Bahn nicht gegen den Willen einer ganzen Region (mit insgesamt 1,1 Millionen Menschen) durchsetzen lässt; und die Wahlkreisabgeordneten haben gemerkt, dass sie Wählerstimmen gewinnen, wenn sie sich für Baden 21 stark machen. Diehl sagt: „Wir gewinnen Zeit, die Bahn verliert Jahrzehnte. Fünf bis sechs Jahre Bauzeit hat sie für die Strecke geplant. Ich glaube, der Baubeginn wird frühestens 2020 sein. Und zwar möglichst dicht an unseren Vorstellungen.“



Bei manchen Gesprächspartnern ist eine kleine Gemütswandlung zu beobachten, sobald das Aufnahmegerät nicht mehr läuft. Diehl bleibt sachlich, nüchtern. Die ganze Sache liegt ihm zu sehr am Herzen, als dass er in diesem Zusammenhang eine launige Anekdote erzählen könnte. Er ist ein badischer Patriot, der aus dem Hessischen stammt. Diehl, der zwei Töchter und sechs Enkel hat, sagt: „Wissen Sie, wenn sich die Region das gefallen lässt, ist sie selber schuld.“ Falls die Bahn doch ungedeckelt bauen sollte, dann packt er sein Bündel und zieht weg.

Er kann sich das leisten. Andere nicht. Allein diese Tatsache könnte Menschen, die sich nachts einfach Ohrstöpsel einführen würden ("und gut is!"), dazu bringen, vor Diehl den Hut zu ziehen.

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