Mut zum Ausprobieren: Zu Besuch bei der Inklusionstheatergruppe "Die Schattenspringer"

Carolin Scheidel

In der Theatergruppe "Die Schattenpringer" spielen behinderte und nicht behinderte Menschen zusammen Theater. fudder-Mitarbeiterin Carolin Scheidel hat es ausprobiert – und musste über ihren Schatten springen.

Ich sitze etwas unbeholfen neben einem leeren Stuhl. Saxophonmusik durchringt den Raum der ABC Freizeit und Bildungseinrichtung in der Wiehre. Die erste Regieanweisung lässt nicht lange auf sich warten und so soll der bislang leere Stuhl neben mir von einem unsichtbaren Freund gefüllt werden.


Mit diesem imaginären Freund sitze ich mal auf der Couch vor dem Fernseher, mal im Bus mit Motorschaden. Mal streiten wir, mal freuen wir uns gemeinsam. Relativ schnell muss ich feststellen: Über den eigenen Schatten springen und sich auszuprobieren ist nicht immer ganz so einfach.

Teilnehmer mit und ohne Behinderung

Rollenentwicklung, Spontanität und Körpersprache
Die inklusive Theatergruppe "Die Schattenspringer" probt einmal wöchentlich in den barrierefreien Räumlichkeiten des "Arbeitskreises Behinderte an der Christuskirche" (ABC), eine Einrichtung des Diakonischen Werks Freiburg. Gefördert wird die Arbeit der Schattenspringer unter anderem auch durch die Aktion Mensch.

Die derzeit 16-köpfige Gruppe besteht aus Teilnehmern mit oder ohne Behinderung. Die künstlerische Leitung der Gruppe übernimmt bereits seit 1998 Wolfgang Kapp, der eine mehrjährige berufsbegleitende Weiterbildung in diesem Bereich durchlaufen hat und bereits Bühnenerfahrung sammeln konnte. Immer zu seiner Seite ist Felix Möllenhoff, der die Regieassistenz übernimmt.

Charakterliche Eigenschaften stehen im Vordergrund

Willkommen ist jeder, der sich für Theater interessiert – ob mit oder ohne Beeinträchtigung. Weder körperliche noch geistige Einschränkungen spielen hier eine Rolle. Nicht die Behinderung, sondern die charakterlichen Eigenschaften jedes Einzelnen stehen im Vordergrund. Zwischen "behindert" und "nicht behindert" erfolgt keine Trennung und dies soll auch auf der Bühne dem Zuschauer vermittelt werden.

"Ziel soll es sein, dass der Begriff Inklusion überflüssig wird und die Grenzen zwischen ’mit und ohne Behinderung’ verschwinden", sagt Wolfgang Kapp. Das Besondere: Die Thematik des fertigen Theaterstücks entwickelt sich erst während der Probensituation. Nach und nach ergeben sich durch diverse Rollenspiele verschiedene Charaktere, die auf jeden einzelnen Teilnehmer abgestimmt sind.
"Immer wieder muss ich mich auf eine neue Situation einstellen."

So treffen "die Heldin" und "der Lehrer" spontan in einem Aufzug aufeinander oder die angeblich krankgeschriebene "Azubine" und "der Kommissario" liefern sich ein lustiges Wortgefecht. Die Szenerien werden meist durch neue Protagonisten fortgeführt. Gerade führte "die Azubine" alle Beteiligten noch auf gefährlichem Wege durch ein Unwetter, schon sorgt "die Faule" für eine kleine Auszeit. In gemeinsamer Runde wird gezeltet, das Frühstück am nächsten Tag darf auch nicht fehlen. Als Requisiten dienen Stühle und Tücher. "Till Eugenspiegel" trägt eine rote Nase. Was dadurch am Ende für eine Geschichte entsteht, bleibt noch offen und wird im Laufe der Zeit Form annehmen.

Mein Blick konzentriert sich immer wieder auf die anderen Teilnehmer und Handlungen. Fasziniert bin ich von dem Ideenreichtum und der Spontanität innerhalb der Gruppe. Die wechselnden Szenen erfordern einiges an Konzentration. Von den Notizen aufblickend gibt Wolfgang Kapp Anweisungen. Immer wieder muss ich mich auf eine neue Situation einstellen. Ein Wechsel aus Paarsituationen und einem gemeinsamen Agieren der Gruppe im Raum entsteht. Die Probe dauert insgesamt drei Stunden und bereits nach der Hälfte benötige ich, bedingt durch die zahlreichen Eindrücke, eine kleine Pause.

Nach drei Stunden eine "Schattenspringerin"

Etwas eingeschüchtert von dem Können der Anderen verlässt mich nach und nach der anfängliche Mut zum Ausprobieren. Herr Kapp blickt mir aufmunternd zu und auch die Motivation aller Beteiligter steckt an. So schlüpfe ich doch probeweise in die Rolle "der Tänzerin", die versucht "die Schüchterne" zum Tanzen zu bewegen. Zwischen Saxophonklängen und gemeinsamen Lachen gewinne ich Spaß daran in eine völlig neue Rolle zu schlüpfen. Schön ist: Dass ich neu hier bin ist völlig egal. Ich gehöre nun einfach dazu und werde akzeptiert. So fühle ich mich nach drei Stunden als "Schattenspringerin". Mehr zum Thema: