Musikvideos? Ab ins Netz!

Bernhard Amelung

Die Tage von MTV, VIVA und anderen Musiksendern sind gezählt. Unspektakulär und fast unmerklich findet eine Wachablösung statt – im Internet. Vier Jahre nach dem Start des Video-Portals YouTube liegen soziale Netzwerk- und Videoplattformen in der Gunst der Internetnutzer ganz vorne. Hier eine Auswahl derzeit angesagter Websites, auf denen Musikvideos zu finden sind.



Gemessene sieben Minuten, gefühlte 24 Stunden Werbung, lediglich unterbrochen von Dating- und Reality-Doku-Formaten wie „Virgin Diaries“ oder „Celebrity Rehab“ – von dem sogenannten Musikfernsehen ist nicht viel übrig geblieben. Die beste Alternative bietet derzeit das Internet-Videoportal YouTube.


Doch dessen Spitzenposition ist nicht mehr unangefochten. Ende 2008 beendete der US-Konzern Warner Music die Zusammenarbeit mit dem Videoportal und entzog ihm die Lizenz zum Abspielen seiner Musikvideos. Der Grund dafür sind ungeklärte Fragen über Lizenzgebühren. Viele Videos von Interpreten wie Madonna, Metallica oder den Red Hot Chili Peppers wurden seitdem entfernt oder bleiben stumm. Und in den kommenden Monaten laufen auch die Verträge mit den Major-Labels Sony, EMI und Universal aus, angemessene Lizenzgebühren werden neu verhandelt.

Der Ausgang dieser Gespräche entscheidet, ob der Nutzer zukünftig der Meldung „Video no longer available“ begegnen wird, sollte er Videos einer Beyoncé oder eines Eminem aufrufen. YouTube, die einst sichere Bastion in Sachen Musikvideos, bröckelt. Wohin lässt sich ausweichen?

Tape.tv

Wer auf der Suche nach Musikfernsehen in seiner reinsten Form ist, stößt unweigerlich auf Tape.tv. Die schlichte, ganz in schwarz gehaltene Seite besteht aus einem Flash-Player in der Mitte für die Videos und einem kleinen, einfach zu bedienenden Schaltkasten. Gefällt beispielsweise ein Video, lässt es sich mittels Herz-Button markieren. Das hat zur Folge, dass weitere Clips angezeigt werden, die zu dem soeben angeschauten passen.



Das Material ist von bester Qualität, überhaupt nicht pixelig wie bei YouTube. Denn tape.tv bezieht seine Videos direkt von den Labels wie Sony BMG, Universal, Warner und EMI. Dies bringt allerdings zwei kleine Schönheitsfehler mit sich. Zum einen ist tape.tv werbefinanziert. Auf jedes dritte Musikvideo folgt ein etwa zwölf Sekunden langer Werbeclip. Zum anderen ist das Angebot derzeit noch auf etwa 12.000 Videos begrenzt. In Anbetracht des fast puristischen Musikvideo-Genusses ist das aber verschmerzbar.

joost.com

Dieser US-Internet-Fernsehsender bietet neben zahlreichen Shows und Sendungen auch Musikvideos. Die Nutzer können sogenannte Channels abonnieren und werden dann automatisch über neue Videos ihrer Lieblingsmusiker informiert.



Joost.com ist ein Kind des Web 2.0: Der Nutzer kann sich registrieren, und wer schon einen Facebook-Account hat, kann sich über diesen bei joost.com einloggen. So lassen sich die angeschauten Videos im Facebook-Freundeskreis verbreiten. Die Clips lassen sich kommentieren und als Favoriten markieren. Ein Klick auf den Info-Button ruft Hintergrundinformationen über Künstler und Song auf. Manche Sendungen jedoch können aufgrund lizenzrechtlicher Bestimmungen nur von Nutzern in den USA und Kanada gesehen werden.

Jogli.com & Co.

Daneben gibt es zahlreiche weitere Plattformen, die eines gemeinsam haben: Sie greifen auf das YouTube-Video-Archiv zu und bieten die Möglichkeit, sich als Nutzer zu registrieren, Videos zu bewerten, Playlisten zu erstellen und diese mit anderen zu tauschen. Sie unterscheiden sich aber in ihrer Ausgestaltung und der Art und Weise, wie sie die Clips darbieten.



Das israelische Start-Up Jogli.com bietet dem Nutzer Suchkriterien wie Interpret, Album und Song. Mehr als 12 Millionen Alben und 500 Millionen Songs können auf der Seite gestreamt werden. Dazu gibt es Rezensionen der Alben und, soweit vorhanden, die Texte der einzelnen Songs. Auch der jogli-Account kann mit Facebook verknüpft werden.

Bei Yamelo.com kann der Nutzer Musikvideos mit Hilfe eines Zeitstrahls finden, bei dem er Jahr und Monat festlegt. Neben einigen Videos aus dieser Zeit erscheint in der rechten Bildschirmhälfte eine Tagcloud, die angesagte Künstler des gewählten Jahres anzeigt. Ein Klick auf einen Künstler, und es öffnet sich ein entsprechendes Video.

Bei Musicmesh.net zeigt eine interaktive Grafik die Werke des ausgewählten Interpreten an. Zu ausgefallen sollte die Auswahl aber nicht sein. Wer ins Detail geht, bekommt oft die Rückmeldung „no product found“, und bei vielen Alben sind längst nicht alle Tracks verfügbar.

30 Kanäle stehen bei dem spanischen Start-Up music.strands.tvzur Auswahl. Die Seite sortiert die Clips nach Genres und setzt auf Nischen wie Cajun, Gay oder Marches.

Das Portal Muvibee.com beschränkt seine Suche nicht nur auf YouTube-Videos. Es zeigt die aktuellen Top Ten der US-amerikanischen, britischen und deutschen Charts. Wer sich registriert, kann beliebig viele Playlists erstellen.

Fazit

Erst im Oktober 2008 zog MTV nach. Der Sender öffnete sein Archiv und stellte etwa 16.000 Musikvideos online, vornehmlich altes Material aus den Zeiten, als MTV gleichbedeutend mit Musik und Popkultur war.

Doch das klassische Musikfernsehen wird es über kurz oder lang nicht mehr geben, sagt sogar MTV-Urgestein Markus Kavka: „Musik wird komplett im Netz stattfinden. Ist ja auch wie gemacht dafür, dieses Medium.“ Bei den Musikvideos im Internet ist YouTube derzeit zwar immer noch der Platzhirsch. Doch die gegenwärtigen Entwicklungen lassen vermuten: Start-Ups wie Tape.tvgehört die Zukunft.

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