Interview

Museumsdirektor von Stockhausen befürwortet dauerhaftes Infozentrum zur NS-Zeit

Frank Zimmermann

Am Sonntag kann man zum letzten Mal die Ausstellung "Nationalsozialismus in Freiburg" besuchen. Der Leitende Direktor der städtischen Museen, Tilmann von Stockhausen, sprach mit Frank Zimmermann über die Aktualität des Themas.

BZ: Herr von Stockhausen, wie lautet Ihr Fazit kurz vor Ende der Ausstellung?
Von Stockhausen: Ich würde es rundweg positiv sehen. Ich hatte mit viel mehr Kritik gerechnet bei so einem schweren Thema. Eine Überblicksausstellung kann ja nie alle Facetten en detail berühren.


"Man kann einzelne Prozesse beobachten, die an die Zeit des Nationalsozialismus erinnern." Tilmann von Stockhausen
BZ: Viel besser hätte man die Ausstellung nicht terminieren können.
Von Stockhausen: Ja, wir hatten eine erstaunliche Aktualität, wenn man sieht, wie sich einzelne Länder in der Welt wieder autokratisch entwickeln und man einzelne Prozesse beobachten kann, die an die Zeit des Nationalsozialismus erinnern. Und dann die Entwicklung in Deutschland, wo rechte Gruppen starken Auftrieb bekommen und es Auseinandersetzungen gibt, von denen wir dachten, dass man damit durch sei. In Freiburg finde ich bei den Straßennamen und der Synagoge erstaunlich, dass immer wieder Situationen eintreten, bei denen man das Gefühl hat, es fehle die Sensibilität, auch was den Umgang mit Empfindlichkeiten der Vertreter der Opfergruppen betrifft. Wir sind eben doch noch nicht ausreichend geschult und wachsam.

BZ: Was haben Besucher an der NS-Ausstellung gelobt, was kritisiert?
Von Stockhausen: Ich glaube, dass wir uns mit der Verfolgung der Juden und dem Holocaust noch ausführlicher beschäftigen müssen. Kritisiert wurde auch die Inszenierung der Ausstellung – dass die schmalen Gänge zu wenig Platz lassen. Wobei es ein Stück weit gewollt war, dass man eine Enge und Bedrückung spürt. Im Nachhinein würde ich das aber auch kritisch sehen.

BZ: Wie kam die Ausstellungen bei Jugendlichen an?
Von Stockhausen: Wir hatten bei den Schulklassen – insgesamt besuchten 460 Klassen die Ausstellung – enorm hohe Zahlen, das hat unsere Erwartungen übertroffen. Schwierig war da die Enge in den Gängen. Da merkt man, dass unsere Ausstellungshalle an ihre Grenzen kommt, sie ist eigentlich zu klein für so ein Projekt. Auch der von Schülern entwickelte Audioguide kam sehr gut an, man konnte viele Klassen sehen, deren Schüler damit individuell durch die Ausstellung gegangen sind.

BZ: Wie viele Besucher werden am Ende da gewesen sein?
Von Stockhausen: Wir werden bei 80 000 Besucherinnen und Besuchern landen. Das ist sehr zufriedenstellend.

"Die Rolle der Professoren ist nicht endgültig erforscht"

BZ: Hat die Ausstellung Ihnen neue Erkenntnisse gebracht?
Von Stockhausen: Wir haben ja nicht wirklich neue Forschung betrieben, sondern das, was an Ergebnissen vorhanden war, zusammengefasst. Es gibt natürlich noch Punkte, die man vertiefen könnte, zum Beispiel ist das Thema der Hochschule und der Rolle der Professoren noch nicht endgültig erforscht. Wenn es mal wieder eine Ausstellung über die NS-Zeit gibt, wird man sicherlich einen neuen Wissensstand haben und das Thema anders betrachten.

BZ: 2020 soll das Museum für Stadtgeschichte ins Augustinermuseum einziehen. Wird der Nationalsozialismus dort eine Rolle spielen?
Von Stockhausen: In der neuen Dauerausstellung im dritten Bauabschnitt des Augustinermuseums ist kein eigener Bereich zum Nationalsozialismus geplant. Ich sehe einen großen Unterschied zwischen einer Sonderausstellung mit Leihobjekten, die die Atmosphäre und das Authentische überhaupt erst ausmachen. Das können wir in einer Dauerausstellung kaum leisten, weil wir die Objekte, von denen viele unter konservatorischen Gesichtspunkten empfindlich sind, dafür nicht haben. Ich glaube, man wird das Thema in künftigen Ausstellungen neu aufgreifen. Aber intensiv kann man sich mit dem Nationalsozialismus nur mit einem ganz anderen Format beschäftigen: in einem Dokumentations- und Informationszentrum. Das müsste man, wenn der politische Wunsch da wäre, als eine eigenständige Einrichtung planen.
Tilmann von Stockhausen:

Der 52-jährige Kunsthistoriker von Stockhausen ist seit Februar 2008 Chef des Augustinermuseums und zugleich Leitender Direktor aller städtischen Museen.

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