Morgen in Katar: Ein ICE-Großraumabteil als höllisches Wohnzimmer

Doreen

Menschen bilden schnell ein "Wir", vor allem, wenn sie zusammen in einem ICE-Großraumabteil sitzen. Man könnte auch sagen, in einem Versuchslabor der Menschheit. Oder in einem "höllischen Wohnzimmer", wie es die Autorin Theresia Walser bezeichnet. Sie war bei der Inszenierung von "Morgen in Katar" in Freiburg dabei und hellauf begeistert. Auf der Bühne: Ein voller Zug. Auf den Rängen genoss man in vollen Zügen.

Sechs Darsteller sitzen auf zehn nebeneinander aufgereihten Stühlen. Bühnenbild? Fehlt. Textsicherheit? Nicht einmal die Seite, die gerade vorgelesen wird, ist immer klar. Und eigentlich sind 13 Rollen zu besetzen, doch „so viele Schauspieler konnte das Theater nicht bereitstellen“, erklärt der Produktionsleiter Josef Mackert. Denn was auf der Kammerbühne dargeboten wurde, war kein herkömmliches Theater, sondern eine szenische Lesung. Mehr Hörspiel als Schauspiel.


„Frischfleisch“ heißt die Gruppe, die sich aus Studierenden des Deutschen Seminars der Universität und Mitarbeitern des Theaters zusammensetzt und neue Texte zeitgenössischer Autoren präsentiert. Sie recherchieren moderne Dramen und leihen sich dann professionelle Darsteller aus, studieren das Stück nur wenige Stunden lang ein und setzen so in der Kammerbühne eine Art von Inszenierung um, die auf die Bilder angewiesen ist, die im Kopf des Zuschauers erzeugt werden.



Nun also „Morgen in Katar“ von Theresia Walser, erst im März 2008 uraufgeführt. Der Einakter hat ein zentrales dramaturgisches Element: „Sie kommen hier nicht weg. Keiner kommt hier weg. Außer der da draußen“, macht der Schaffner den Reisenden klar. „Der da draußen“ ist ein Toter, ein Überrollter, jemand, „der mit Löffeln vom Zug gekratzt werden muss.“ Oder in der Sprache der Deutschen Bahn ein „Personenschaden“.

Viel wichtiger aber als die Handlung ist das Gesprochene, der blockierte Zug dient vor allem dazu, dass sich die Sprachkomödie darin entfalten kann. Die wortwitzige Autorin schafft eine eingängige Gesprächsmelodie, die von der Zwangsgemeinschaft der Stillstehenden getragen wird; von unterschiedlichsten Charakteren, die doch alle auf der gleichen Leiche sitzen.

Ein Geschäftsmann führt überflüssige Telefonate, eine Frau träumt von der Stille der Wüste, kann aber offenbar keine Sekunde der Stille ertragen und stürzt sich in Prosecco-Laune. Der zukünftige Kulturdirektor von Katar schwärmt von seinem neuen Louvre, wo sich die Welt in Zukunft treffen wird, während ein älteres Ehepaar vom Urlaub in Italien träumt. Ein jeder ein Selbstdarsteller.

Im Dialogwitz gehen die einen mal aufeinander ein, referieren und philosophieren dem anderen etwas vor oder reden gleich aneinander vorbei. „Sie können doch nicht einfach weiterreden, als hätte ich nichts gesagt, nach dem was ich gesagt habe.“ Die Freiburger Schauspieler haben ein ausgezeichnetes Gespür für die Musikalität des Textes entwickelt. Sie spielen ihre Partituren mit großem Rhythmusgefühl, durch den Raum schwirren die Gesprächsmelodien von ihren Plänen, Ängsten, Zukunftsträumen, Lebenstheorien und surrealen Reflexionen.

Die Sprachvirtuosin Theresia Walser saß selbst in den Zuschauerrängen und freute sich zusammen mit dem Rest des Hauses. Selten ist in der Kammerbühne so viel und so ungehemmt gelacht worden.

Das lag mit Sicherheit auch an der Ungebrochenheit der Wortspiele. Schließlich, führt Frau Walser hinterher im Zuschauergespräch aus, sei „Morgen in Katar“ von ihr genau durchformt worden, es müsse nicht erneut von einem Regisseur interpretiert werden. Und auch: Dass die junge Garde bei der Bearbeitung des Stückes die beiden im Zug herumlaufenden Personen weggelassen habe, sei ein guter Einfall gewesen: „Dieses Paar würde ich jetzt auch streichen, es stört nur.“



Mehr dazu:

Web: Theater Freiburg

Nächste Frischfleisch-Lesung:

Was: Nino Haratischwilis "Agonie"
Wann: Dienstag, 10. Juni 2008, 20:30 Uhr
Wo: Kammerbühne, Theater Freiburg