Zweiter Prozesstag

Mordprozess Catalin C.: Ermittlerin analysiert Überwachungsvideos

Carolin Buchheim & aktualisiert um 17 Uhr

Am zweiten Tag im Prozess gegen Catalin C. am Landgericht Freiburg ging es um eine Vielzahl von Themen: die Haaranalyse des Angeklagten, Handydaten und Überwachungsvideos.

Die Verhandlung wird am Freitag, 1. Dezember fortgesetzt. Dann wird es Aussagen des Rechtsmediziners, zur Spurensicherung und DNA-Funden geben. Erwartet wird auch die Aussage von Catalin C.s Arbeitgeber, dem Spediteur D. aus Endingen.

Fazit

Um eine Vielzahl von Themen ging es am zweiten Tag des Mordprozess gegen Catalin C.: um seine Haaranalyse, seine Familiengeschichte, die Zeit mit der Familie bei seiner "Stiefschwester" Elisabeta N., die Daten von den Handys des Angeklagten und des Opfers und Überwachungsvideos, die den Angeklagten am Tattag und danach zeigen.

Die vor Gericht präsentierten Fakten zum Tatablauf passen bisher zusammen: Carolin G. wurde um kurz nach 15 Uhr von der jungen Endingerin zuletzt gesehen, um 15.48 Uhr hatte ihr I-Phoneden der heutigen Aussage den "Handy-Crash", vermutlich bei seiner Zerstörung. Um 16.26 Uhr loggte sich C.s Handy vermutlich beim Vorbeifahren in das Wlan seines Arbeitgebers ein, fünf Minuten später zeigen ihn laut Zeugin Heist Videoaufnahmen an der Tankstelle.

Für die Tat und die anschließende Zerstörung des Handys ergibt sich so ein Zeitfenster von etwa 40 Minuten. Danach hätte Catalin C. etwas mehr als 30 Minuten für den Rückweg zu seinem Auto und die Fahrt bis zur Tankstelle gebraucht. Das würde zu den den Berechnungen der Ermittler passen: doe dokumentierten eine Wegzeit von 22 bis 26 Minuten zwischen Tat- beziehungsweise Fundort der I-Phone-Reste bis zur Spedition D.

Ende des zweiten Prozesstags

15 Uhr Es geht um den weiteren Verfahrensgang. Nebenklagevertreter Oberholzner fragt Richterin Kleine-Cosack, ob Frau C. geladen werden würde. "Wir haben von uns aus keinen Anlass, sie zu laden", sagt die Richterin, mit Verweis auf das Zeugnisverweigerungsrecht für Eheleute.

Ermittlerin sagt über Überwachungsvideos aus

14.50 Uhr: Die nächste Zeugin ist eine Polizeihauptkommissarin aus Emmendingen. Die Ermittlerin hat Überwachungsvideos im Fall ausgewertet. "Wir haben nach der Tat an verschiedenen Tankstellen und Firmen Material gesichert", sagt sie. Nachdem Catalin C. als Tatverdächtiger galt und man wusste, wie er aussieht, habe sie das gesicherte Material noch einmal gesichtet. Entdeckt habe man den Angeklagten auf zahlreichen Aufnahmen aus der Esso-Tankstelle in Endingen.

Vom Tattag, Sonntag, 6. November 2016 gibt es fünf Aufnahmen:
  • 9.45 Uhr: Ein der mit dem Wagen des Angeklagten baugleicher PKW fährt über das Gelände der Tankstelle, wo die LKW parken.
  • 10.16 Uhr: Das Auto fährt in den vorderen Bereich der Tankstelle. Catalin C. steigt aus und frühstückt mit weiteren Personen in der Tankstelle.
  • 12.12 Uhr: Die Videoüberwachung zeigt einen Wagen, der dem Angeklagten gehören könnte, aus Richtung der Spedition D. kommen.
  • 16.31 Uhr: Eine kurze Sequenz zeigt, wie das Fahrzeug zur Tankstelle zurück kommt und zu einem geparkten LKW fährt, wo Personen zu kochen scheinen. Eine Person scheint erst mit dem Fahrer zu sprechen und geht ans Auto heran. Der Fahrer steigt aus, bleibt in der Beifahrertüre stehen, aber man erkennt hier nur die Haare. Die Person übergibt dann eine Plastiktüte und eine Flasche an den Fahrer, dann fährt der Wagen wieder weg.
Am Tag nach der Tat, Montag, 7. November 2016, gibt es drei Aufnahmen:
  • 7.19 Uhr: Catalin C. kauft einen Kaffee an der Tankstelle und geht schnell wieder.
  • 9.03 Uhr: Catalin C. fährt im PKW aus Richtung Stadt an der Tankstelle vorbei.
  • 9.49 Uhr: Catalin C. fährt im LKW der Spedition D. an die Tanke, steigt aus, geht in den Innenbereich der Tankstelle und schaut sich einen Teddybär an.
Bei der Sequenz vom Sonntag um 16:31 Uhr sei es nicht möglich gewesen, Catalin C. zu identifizieren. "Man sieht nur den Hinterkopf der Person", sagt die Ermittlerin. Richterin Kleine-Cosack weist die Zeugin darauf hin, dass C. gegenüber dem Sachverständigen angegeben habe, dass er an der Tankstelle gewesen sei. "Man kann deswegen schon davon ausgehen, dass der Mann Herr C. ist", sagt die Richterin. "Die Jacke, die er auf allen Aufnahmen trägt, ist auch schon sehr auffällig", sagt die Zeugin. "Es gibt auch Aufnahmen auf Facebook, auf denen er sie trägt."

""Die Jacke, die er auf allen Aufnahmen trägt, ist auch schon sehr auffällig" Ermittlerin zu Videoaufnahmen des Angeklagten
Bei der Ansicht der Videos am Richtertisch ist Verteidiger Klaus Malek kritisch. Bei einer Aufnahme macht er deutlich, dass er nicht überzeugt ist, dass sein Mandant zu sehen ist. Tomas Orschitt fragt nach der auffälligen Jacke: "Die haben wir nicht gefunden", sagt die Zeugin. Weder in Endingen, noch in Rumänien. Bei der Aufnahme um 16.31 Uhr ist die Jacke allerdings nicht erkennbar.

Richterin Kleine-Cosack fragt diePolizeihauptkommissarin auch nach Auswertung des Handys des Angeklagten - nach der heute bereits erwähnten Nachricht aus dem Chat-Verlauf, zu der der Ermittler heute Vormittag keine Auskunft geben konnte. Die Zeugin hat Nachrichten aus dem Handy des Angeklagten nach deren Übersetzung inhaltlich ausgewertet.

In vielen belanglosen Nachrichten fällt eine Nachricht auf Viber zwischen dem Angeklagten und seiner Frau auf, gesendet von der Frau: "Bist Du nicht neugierig zu erfahren, warum Dein Mann auf mich eingestochen hat, während ich Sex mit ihm hatte. Schau mal was ich gefunden habe. Ich habe Dir schon oft gesagt, schau wem Du Vorrang gibt, die Geister der Vergangenheit kehren zurück." Im Raum steht die Frage, ob es sich beim ersten Teil der Nachricht um eine von woanders her kopierte Nachricht handeln würde. "Im Nachrichtenfluss liest sich das seltsam", sagt die Kriminalbeamtin. "Das kryptische könnte auch mit der Übersetzung zu tun haben. Vielleicht verzerrt das den Sinn."

Staatsanwalt Orschitt hat eine ganz andere Frage an die Ermittlerin: "Bei den vielen Beschreibungen die von vielen Zeugen nach der Tat kamen, war da eine dabei von einem schwer Betrunkenen mit einer Schnapsflasche?" "Nicht soweit ich mich erinnere", sagt die Ermittlerin.

Verlesung des Protokolls der Aussage des Fernfahrer Adrian N.

Anschließend wird das Protokoll der polizeilichen Vernehmung von Adrian N. verlesen. Der rumänische Fernfahrer wurde Ende Juni auf einer Raststätte an der A81 vernommen. Bei ihm handelt es sich offenbar um einen der Männer, die in den Videoaufnahmen vom 6. November um 16.31 Uhr zu sehen sind.

Adrian N. lernte Catalin C. am 5. November 2016 an der Esso-Tankstelle in Endingen kennen, weil er die Wäsche für ihn und einen Freund gewaschen habe. C. habe an jenem Samstag Wäsche in Empfang genommen und am Sonntag zurück gebracht. Er sei sich aber nicht sicher, ob seine Wäsche tatsächlich gewaschen gewesen sei. "Ich meine, dass meine Klamotten in einer Plastiktüte waren." C. sei ruhig gewesen, habe sich normal verhalten. "Es könnte sein, dass er eine schwarze Lederjacke trug", gab Adrian N. zu Protokoll. An seiner Kleidung sei nichts Besonderes gewesen. "Sie meinen bestimmt irgendwelche Flecken, daran ist mir nichts aufgefallen." Das Auto des Angeklagten, der Tiguan, sei frisch gewaschen gewesen, der Wagen aufgeräumt und sauber. Er habe C. lediglich ein weiteres Mal gesehen, da aber nicht bei ihm gesprochen.

Aussage des Ehemanns von Elisabeta N.

12.30 Uhr: Nächster Zeuge ist Elisabeta N.s Mann Matthias N. (Name geändert) . Der 42-jährige Ingenieur hat Catalin C. im September 2015 kennengelernt: "Er war ein ruhiger Mensch, nicht aus der Ruhe zu bringen, nicht aggressiv." Im Dezember sei er mit seiner Familie eingezogen, in zwei Zimmer in deren Haus, doch das Verhältnis sei schnell erodiert, ausgelöst durch die Frau. "Ich hatte das Gefühl, man wollte sich abgrenzen." C.s Frau habe ihn in der Öffentlichkeit heruntergeputzt, angekündigt, sich einen Freund suchen zu wollen. "Ich habe mich gewundert, wie er dabei ruhig geblieben ist." Enge persönliche Gespräche habe man nicht getätigt: "Ich spreche kein Rumänisch", sagt N. Man habe sich mit Englisch beholfen, für die nötigste Kommunikation.

"Hatten sie das Gefühl, Herr C. hat unter seiner Frau gelitten?" fragt Richterin Kleine-Cosack. "Ja, aber das ging ja schon eine Weile so. Die waren ein eingespieltes Team." Auch er ginge davon aus, sie "habe etwas gegen ihn in der Hand". Er selbst habe sich weder mit C. noch mit dessen Frau gestritten, sagt Matthias N.. "C.s Frau war sowieso nicht ansprechbar, für mich war das eine Psychopathin." C.s Frau habe ihn auch sexuell provoziert, im halboffenen Bademantel am Küchentisch gesessen.

"Sie war immer laut und er war immer ruhig." Zeuge Matthias N.
Staatsanwalt Tomas Orschitt fragt zu sportlichen Aktivitäten von C. nach. "Sie haben in der polizeilichen Vernehmung gesagt, er habe eine Kampfsportausbildung?" N. gibt an, C. habe den Kindern einmal Kampfsporttricks gezeigt und an N.s Hand einen besonders schmerzhaften Punkt manipuliert. "Mir hat er gesagt, er sei beim Kampfsport ganz erfolgreich gewesen." Auch über den Alkoholkonsum fragt er nach. "Der Doru war Fernfahrer, da kann man kein Alkoholiker sein", sagt Matthias N.. Er habe nicht gesehen, dass dieser größere Mengen Alkohol konsumiert hätte; einmal jedoch habe er eine kleine leere Schnapsflasche im Garten gefunden, ein weiteres Mal habe er eine solche nach dem Supermarkteinkauf in der Hosentasche verschwinden lassen.

Claudio La Malfa fragt, ob C. jemals aggressives Verhalten gezeigt hat. "Nein, nie." Gutachter Winckler hat Nachfragen zu Frau C. "Sie war immer laut und er war immer ruhig", sagt N. Dann will Winckler wissen, was er mit Begriff "Psychopathin" gemeint habe. "Dass sie menschliche Regeln mit Füssen tritt. Man geht nicht so mit seinem Partner und mit seinen Kindern um", sagt er. "Da gibt es keine Worte für." Er wisse nicht, warum C.s Frau nach Deutschland habe kommen wolle. "Vielleicht, um ihn nur zu kontrollieren oder für das Geld."

Endingerin beschreibt, wie sie Carolin G. kurz vor der Tat sah

"Ich habe der Polizei damals gesagt, dass sie eine türkisfarbene Jacke trug, nicht die violette." Zeugin, die Carolin auf der Laufstrecke sah.
Nächste Zeugin ist eine junge Endingerin. Die Frau hat sich am Abend von Carolin G.s Verschwinden bei der Polizei gemeldet. Sie kannte Carolin G. und war an jenem Sonntag ebenfalls laufen. Als sie und ihre Laufpartnerin fertig waren, sahen sie Carolin auf Höhe der Schule. "Ich habe der Polizei damals gesagt, dass sie eine türkisfarbene Jacke trug, nicht die violette." Da sie und ihre Laufpartnerin eine Tracking-App genutzt und nach dem Lauf eine Whats-App-Nachricht verschickt hatten, konnten sie den Zeitpunkt der Sichtung genau bestimmen. "Gesprächskontakt mit Carolin gab es aber keinen?" fragt Richterin Kleine-Cosack. "Nein."

Aussage zu den Handydaten von Carolin G. und Catalin C.

Dann tritt ein Ermittler der Kriminalpolizei in den Zeugenstand, der für Cyberkriminalität zuständig ist. Er war im Rahmen der Ermittlungen in die Auswertung der Telefondaten involviert. Richterin Kleine-Cosack lädt ihn ein, die Aussage frei zu beginnen. "Dann haben Sie den roten Faden."

Der Ermittler beginnt seine Aussage über den "Handycrash" von Carolin G.s Mobiltelefon. Ein solcher Datensatz werde generiert, wenn ein Handy ohne Abmeldung vom Netz plötzlich den Kontakt verliere. Dies sei im Falle von Carolin G.s Handy um 15.48 Uhr passiert. Dieser Zeitpunkt sei von der Telekom nicht bestätigt worden. Daten aus einem Whatsapp-Chat Carolin G.s mit einem Arbeitskollegen von jenem Nachmittag würden den Zeitraum jedoch bestätigen. Eine Whatsapp-Nachricht um 16.48 Uhr sei zwar ordnungsgemäß gesendet aber nicht mehr an ihr Handy zugestellt worden. Zuletzt eingeloggt gewesen sei das Handy in einer Funkzelle, die auch den Tatort beinhaltet. "Beinhaltet die Funkzelle auch ihren Wohnort? Kann man davon ausgehen, dass sie das Handy dabei hatte?" "Ich tue mich schwer damit, weil Funkzellen dynamisch sein können, aber ich würde sagen, eher nicht."

"Es gab schon viel Pornoseiten", Ermittler zur Auswertung der Internetaktivitäten von Catalin C.
Der Ermittler hat auch die I-Phone-Reste untersucht, die etwa 150 Meter vom Tatort gefunden wurde. "Ich konnte herausfinden, dass das Display ungefähr drei Monate vor dem Erhalt ihres Geräts hergestellt wurde." Speicher und sonstige Teile hätten gefehlt.

Dann geht es um das Handy des Angeklagten. "Damit haben wir uns sehr intensiv beschäftigt." GPS-Standortdaten hätte es auf diesem Handy am Tattag nicht gegeben – aber Daten von zwei Funkzellen, die auch Endingen beinhalten sowie einen Login in ein Außen-WLAN bei C.s Arbeitgeber D. um 16.26 Uhr. Am Tattag hätte C. außerdem über die App Viber vier Anrufe an eine rumänische Nummer geführt. C. habe sehr viele Apps auf seinem Telefon gehabt – auch für Erotik-Chats. Auffällig war die App "Vagina 3D" gewesen, einer Simulation einer Vagina. Tatrelevante Fotos seien nicht vorhanden gewesen. Im Download-Ordner war der Beipackzettel für ein Medikament für schwere Durchblutungsstörung, das auch bei erektiler Dysfunktion eingesetzt werden kann. Auch ein zweiter Beipackzettel für einen ähnlichen Wirkstoff habe sich mit dem entsprechenden Wirkstoff beschäftigt.

Ein Chatverlauf auf dem Handy des Angeklagten interessiert Richterin Kleine-Cosack besonders. Die Nachricht: "Livia, bist Du nicht neugierig, warum Dein Mann auf mich eingestochen hat, während ich mit ihm Sex hatte?" Der Polizistn verweist auf die noch folgende Aussage der Übersetzerin dieses Chats.

Staatsanwalt Orschitt fragt dann nach den Lesezeichen und dem Browserverlauf des Angeklagten. "Es gab schon viel Pornoseiten", sagt der Zeuge. Er habe alle Videos angeschaut, das Material sei weitgehend normal gewesen, eines jedoch habe auffällige genitale Manipulationen beinhaltet. Auf C.s Handy sei ein .pdf einer "Studie" über fünf rumänische Prostituierte in Bremen gewesen. "Die Tendenz war schon, dass es den Frauen Spaß macht", sagt der Polizistn. "Der Autor war auch in dem Gewerbe."

Am Richtertisch erläutert der Zeuge Ermittlungen zur Carolin G.s Laufstrecke, zu Lauf- und Fahrzeiten zwischen dem Tatort, der Sichtungsstelle des Tiguans und der Esso-Tankstelle, an der C. am Tattag noch gewesen sein soll. Auch die Gehzeiten zwischen Tiguan, Leichenfundort und Fundort des Joggingschuhs sowie der iPhone-Reste habe man abgemessen. Die Geh- und Fahrzeiten hätten in diversen Varianten zwischen 22 und 26 Minuten betragen.

"Jetzt hat der Angeklagte aber gesagt, er sei zu Fuß gegangen, das ist in dem Zeitfenster aber nicht zu schaffen", fragt Richterin Kleine-Cosack?" Der Ermittler: "Da müsste man schon sehr schnell laufen."

"Stiefschwester" von Catalin C. sagt aus, er sei "Das Schwarze Schaf" der Familie gewesen

11 Uhr: Außer Atem setzt sich die nächste Zeugin in den Zeugenstand. Elisabeta N. (Name geändert) lebt in einem Dorf am Kaiserstuhl, der Angeklagte bezeichnet die 49-jährige Krankenschwester als seine "Stiefschwester". "Sie sind aber nicht verwandt oder verschwägert?", fragt Richterin Eva Kleine-Cosack. "Nein." "Sie kennen ihn aber gut?" "Sehr gut", sagt Elisabeta N. - und beginnt zu weinen.

Dann erzählt sie die Familiengeschichte: Sie habe den Angeklagten als Kleinkind kennengelernt – an dessen 2. Geburtstag. Ihre Mutter und sein Vater hätten von 1981 an eine Beziehung geführt, 17 Jahre lang seit dem 7. Geburtstag von Catalin C. Elisabeta N. nennt den Angeklagten während ihrer Aussage "Doru", ein Kosename, der sich auf dessen zweiten Vornamen bezieht. "Er hat mit mir Buchstaben gelernt und Zahlen gelernt", sagt sie. "Wir haben auf ihn aufgepasst wie auf einen kleinen Bruder."

"Ich hätte nicht gedacht, dass er Alkoholiker ist." Elisabeta N.
Auf der Anklagebank beginnt Catalin C., der den bisherigen Prozess teilnahmslos auf den Boden geblickt hat, zu weinen. C.s Vater sei Kraftfahrer gewesen, und oft lange weg, deswegen habe C. bei ihr und ihrer Mutter gelebt. Die leibliche Mutter von Catalin C. sei Alkoholikerin gewesen und habe sich nicht um ihn kümmern können. Es habe Konflikte gegeben, ja, als Kleinkind sei Catalin C. eifersüchtig auf N.s Mutter gewesen. "Der Kampf um die Liebe des Vaters". C.s Vater sei ein guter Vater für sie gewesen. Schlechte Erlebnisse in der Kindheit hätten N. und C. als Geschwister zusammengeschweißt. C. habe jedoch schon in der Jugend Probleme gehabt, habe gelogen, geklaut. Die Mutter sei dahinter her gewesen, mitzubekommen, was er tut, aber nicht immer erfolgreich gewesen.

Elisabeta N. spricht sehr lebhaft und animiert von ihren Erfahrungen. C. sei als Teenager schon nicht "sehr lebendig" gewesen, hätte still viel hingenommen. 1999 zog N. nach Deutschland, um zu arbeiten, heiratet zwei Jahre später. Der Kontakt mit C. sei sporadisch gewesen, erst 2008 habe man über Facebook den Kontakt ein wenig intensiviert, man habe sich zum Geburtstag und zu Feiertagen gratuliert. 2015 habe C. ihr zum Geburtstag gratuliert und gefragt, ob sie ihm nicht helfen könnte, bessere Arbeit zu finden. Er sei bei der italienischen Spedition beschäftigt und nur zehn Tage im Jahr bei seinen drei Kindern und seiner Frau.

"Ich dachte, vielleicht kann er besser hier arbeiten, wir haben Platz, einen großen Hof." Sie habe ihm den Job bei der Spedition D. in Endingen besorgt. Die Voraussetzung für ihre Bemühungen sei für sie gewesen, dass C.s Familie kommt – nicht nur er. Sie habe alles vorbereitet für ihn und ihm gesagt, worauf es ankommt: "Hier leben, Deutschlernen und ehrlich sein."

"Wäre er mein Mann, dann hätte ich hätte ihn da verlassen", Elisabeta N.
Dass C. Alkohol regelmäßig und viel trank, wusste sie nicht. "Ich hätte nicht gedacht, dass er Alkoholiker ist", sagt sie. "Ich hätte nie dem Herrn D. einen Alkoholiker als Fahrer empfohlen. Im Dezember 2015 sei C.s Frau nach Deutschland nachgekommen, mit den Kindern. Ihre eigenen fünf Kinder und ihr Mann hätten sich gefreut, ihre Freunde und Bekannten im Dorf hätten mitgefiebert. Seit der Tat habe sich das geändert: "Es ist, als hätte man sich mit einer schweren Krankheit angesteckt. Das ist ganz grausam, ganz grausam ist das." Auch ihren Kindern ginge das so.

Viereinhalb Monate habe die Familie bei ihr gelebt. C.s Frau sei "eine Hexe", habe sich nach dem Umzug nach Deutschland abgegrenzt, die Kinder geschlagen. Dann habe C. die Familie wieder nach Rumänien gefahren, quasi über Nacht verschwunden. "Was war der Auslöser dafür?" fragt Richterin Kleine-Cosack. N. beschreibt, wie C.s Frau sich über sexuelle Probleme in der Ehe beschwert, ihn als Schlappschwanz und impotent bezeichnet hätte. Auch über den Vorfall mit der Prostituierten hätten sie geredet. "Wäre er mein Mann, dann hätte ich hätte ihn da verlassen", sagt Elisabeta N..

Sie spricht lauter: "Ich glaube ihm kein Wort mehr", sagt N. mit viel Emphase. "Mir egal! Sie können ihm glauben, wenn sie wollen! Aber ich ihm nicht. Seine Frau weiß Bescheid von der Frau in Österreich." Anders können sie sich nicht erklären, warum er sich so von ihr unterdrücken ließe. "Warum glauben sie, dass die Frau von Herrn C. über die Straftaten Bescheid weiß?" fragt die Richterin nach. "Sie hat mir gesagt, sie hätten keine Geheimnisse voneinander", sagt N. "Sie hat ihn damit in der Hand."

"Die haben mich ausgenutzt." Elisabeta N.
Weil die sexuelle Beziehung der beiden nicht mehr geklappt hätte, habe man sich entschieden, sich scheiden zu lassen, und seine Frau habe wieder nach Rumänien gewollt. An N. und ihrem Mann habe es nicht gelegen. N. macht in ihrer Aussage keinen Hehl daraus, dass sie offensichtlich enttäuscht ist vom Angeklagten. "Die haben mich ausgenutzt", sagt sie. "Zum Kindergeld beantragen und alles für ihn machen." Sie hätte gedacht, er sei auch nach Rumänien zurückgegangen, wusste nicht, dass er nach Breisach gezogen sei und weiter bei der Spedition D. gearbeitet hätte. Ihre Kinder hätten ihn jedoch in einem großen Auto vorbei fahren sehen. "Er hat viele an der Nase herumgeführt", sagt sie, sichtlich wütend. "Man kommt nach Deutschland und glaubt, hier wären alle Leute blöd und belügt alle." Ein solches Verhalten würde sie nerven.

"Er ist im Oktober 2015 gekommen und hatte Zeit bis Juni 2017, keine Ahnung, was er gemacht hat." Elisabeta N.
Nebenklagevertreter Oberholzner will wissen, ob sie Kontakt zu C.s Frau habe. N. verneint. C.s Frau habe Mails und alle Kontakte blockiert. "Nachdem er festgenommen wurde, haben Freunde von mir aus Rumänien mich auf Facebook bombardiert, dass die Presse vor dem Haus stehen würde. Also kann es sein, dass sie dort noch lebt." Am Tag der Festnahme habe man ein letztes Mal Kontakt gehabt, auch über C.s großen Sohn habe man versucht, noch Kontakt aufzunehmen.

Nebenklagevertreter La Malfa will wissen, ob Catalin C. Deutsch spricht, das sei ja eine Bedingung für den Job in der Spedition gewesen. N. sagt aus, sie habe C. sehr schlecht deutsch sprechen hören, mit ihren Kindern. "Er ist im Oktober 2015 gekommen und hatte Zeit bis Juni 2017, keine Ahnung, was er gemacht hat."

Sachverständiger Winckler spricht jetzt Elisabeta N. an: "Sie haben gesagt "Doru lügt immer" was meinen sie damit?" N. erzählt Anekdoten aus der Kindheit, wenn C. als Kind bei offensichtlichen Lügen erwischt wurde. "Er ist in der Familie verschrien als Lügner", sagt sie. "Das schwarze Schaf in der Familie. Deswegen hat er Kontakt mit niemandem." Dann will der psychiatrische Gutachter wissen, ob Elisabeta N. etwas über seine Beziehung zu Frauen weiß.

"Nur, dass er immer ein schwieriger Mensch war." Er fragt zum Vorfall mit der Prostituierten nach: "Sie haben gesagt, er sei zu der Prostituierten gegangen, weil es mit der Frau nicht geklappt habe. Wie meinen sie das?" N. sagt, er habe etwas ausprobieren wollen, was er sich mit seiner Ehefrau nicht getraut habe. "Ich bin Krankenschwester und habe in der Urologie gearbeitet, das hört man ja immer wieder von Männern, dass sie deswegen zu Prostituierten gehen, weil sie sich bei den eigenen Frauen nicht trauen." C. selbst habe mit ihr jedoch nie über Probleme mit Frauen geredet.

Als erster Zeuge sagt ein forensischer Toxikologe der Uni Freiburg aus

9.15 Uhr: Unter deutlich weniger Andrang als gestern wird am heutigen Donnerstag vor dem Landgericht Freiburg der Prozess gegen Catalin C. fortgesetzt. Rund 50 Zuschauerinnen und Zuschauer sind heute gekommen.

Erster Zeuge ist Volker Auwärter, forensischer Toxikologe an der Uni Freiburg. Er hat eine Analyse von Catalin C.s Haaren durchgeführt. Die Probe wurde ihm kurz nach der Festnahme Anfang Juni entnommen und war vier Zentimeter lang. "Das deckt ungefähr einen Zeitraum von 4 bis 8 Monaten ab", erklärt der Sachverständige. Haare würden üblicherweise zwischen 0,5 und 1 Zentimeter im Monat wachsen, außerdem seien immer einige Haare in einer Ruhephase. "Daher ergibt sich diese längere Aussagekraft, als nur durch das Wachstum zu erklären."

"Das ist kein übliches anaboles Steroid, das man spritzt." Volker Auwärter, forensischer Toxikologe an der Uni Freiburg
Betäubungsmittel wurden in der Probe nicht gefunden, eine einmalige oder seltene Aufnahme von Drogen müsse sich aber auch nicht sofort in den Haaren zeigen. Auffällig sei nur ein Hinweis auf Testosteronbenzoat gewesen. "Das ist kein übliches anaboles Steroid, das man spritzt", sagt der Experte. Man könne das jedoch durchaus als Präparat einnehmen – es sei aber auch möglich, dass es endogen, also im Körper oder auf der Kopfhaut gebildet worden sei. Man habe den Wert jedoch nicht weiter verfolgt. Eine deutlichere Analyse müsse nun durch ein Dopinglabor erfolgen.

Sehr deutlich sei der Hinweis auf Alkoholkonsum gewesen. Der Experte erklärt zunächst den Grenzwert: Unter 7 Pikogramm gehe man von keinem Alkoholkonsum aus, über 30 von chronischem Konsum, etwa 60 Gramm Alkohol, 1,5 Liter Bier am Tag. Bei Catalin C. seien 57 Pikogramm nachgewiesen worden. "Daraus kann man aber nicht schließen, dass er die doppelte Menge konsumiert hat", sagt der Sachverständige. "Nur, dass im Zeitraum, der von den Haaren abgedeckt wird, chronischer Konsum stattgefunden hat."

Nebenklagevertreter Claudio La Malfa fragt noch einmal zum Testosteron nach. "Das ist kein gebräuchliches Präparat." Wenn man etwas zum Beispiel im Internet bestelle, wüsste man nie, was man denn genau einnehme. "Ich würde aber nicht sicher ausschließen, dass es sich nicht doch um endogenes Testosteron handelt", sagt Auwärter. "Das ist nicht zu differenzieren."

Der psychiatrische Sachverständige Peter Winckler fragt noch einmal nach, wie es mit potenzsteigernden Mitteln aussieht, seien die in der Probe gewesen. "Hätten Sie das diagnostiziert?" Auwärter verweist auf die Messmethode: "Man kann die Daten der Spektralanalyse noch einmal angucken, da müssten wir genau reingucken."

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