Urteil

Mordprozess Carolin G.: Gericht spricht Höchststrafe für Catalin C. aus

Carolin Buchheim & aktualisiert um 12.30 Uhr

Catalin C. ist des Mordes und der besonders schweren Vergewaltigung an der 27-jährigen Carolin G. aus Endingen für schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Die Sicherungsverwahrung wurde unter Vorbehalt angeordnet. Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Freiburg fällte damit das höchstmögliche Urteil.

Das Landgericht Freiburg hat Catalin C. des Mordes und der besonders schweren Vergewaltigung an Carolin G. für schuldig gesprochen worden. Der Angeklagte muss lebenslang in Haft.

Die Schwurgerichtskammer des Landgericht Freiburg fällt das höchstmögliche Urteil: Sie stellt außerdem die besondere Schwere der Schuld fest und ordnet unter Vorbehalt die Sicherungsverwahrung an. Das Gericht folgt damit den Forderungen der Staatsanwaltschaft und den beiden Nebenklage-Parteien. Catalin C.s Pflichtverteidiger hatte im Vorfeld auf eine Verurteilung wegen Totschlags plädiert.

Der Ablauf der Urteilsverkündung

Der Andrang im Saal 4 des Landgericht Freiburg ist an diesem Freitag wieder sehr groß, die Sicherheitsauflagen ebenfalls. Viele Familienmitglieder und Freunde von Carolin G. sind im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal, außerdem Vertreterinnen und Vertreter vieler Medien. Schon zwei Stunden vor Beginn der Verhandlung wurde der Saal geöffnet.

"Verbrechen wie die Ermordung von Carolin G. passieren nicht wie Unfälle." Richterin Eva Kleine-Cosack
Catalin C. sitzt, wie auch an allen Verhandlungstagen zuvor, mit gesenktem Kopf auf der Anklagebank. Vor dem Urteil muss Richterin Eva Kleine-Cosack einen neuen Übersetzer ins Protokoll aufnehmen. Dann erheben sich alle Anwesenden und Kleine-Cosack spricht das Urteil: Catalin C. ist des Mordes und der schweren Vergewaltigung an Carolin G. schuldig, die Sicherungsverwahrung wird unter Vorbehalt angeordnet.

Dann kommt die Vorsitzende Richterin zur Urteilsbegründung. "Verbrechen wie die Ermordung von Carolin G. passieren nicht wie Unfälle", sagt die Richterin. "Sie werden von Menschen begangen. Menschen, die keine Monster sind. Wir werden uns damit abfinden müssen, dass Menschen auch dunkle Seiten haben." In einer funktionierenden Gesellschaft käme es nicht zu einem Ausleben ungehemmter sexueller Aggressionen, meint die Richterin. Männer würden üblicherweise über ausreichende Sozialisierung verfügen, die das verhindere. Dann lobt sie die Arbeit der Polizei: "Hier wurde unter großem Einsatz und unendlichem Fleiß große Arbeit zu leisten", sagt Kleine-Cosack.

"Was wir wissen", beginnt Kleine-Cosack die Nacherzählung der Taten von Catalin C. und beschreibt noch einmal die Tat von Kufstein im Januar 2014. Dann beschreibt sie die Tatannahme des Gerichts im Fall Endingen: Carolin G. wurde beim Joggen auf dem Freiburger Weg von Catalin C. mit einem Gegenstand geschlagen, gewürgt, vom Weg gezogen und schwer sexuell missbraucht. Dabei lebte sie noch, aber war wahrscheinlich bewusstlos. C. verschleppte sie noch tiefer einen Abhang hinab und sie verstarb nach weiteren Schlägen. "Diese Feststellungen beruhen auf den Ermittlungen der Polizei."

Kleine-Cosack stellt den Bezug zwischen den Taten von Endingen und Kufstein her und bezieht sich auf die Einlassungen von C. gegenüber dem psychiatrischen Gutachter Winckler. "Die Kammer hat keine Zweifel, dass das Geständnis zutreffend ist, soweit er einräumt, beide Frauen getötet zu haben." Es gäbe frappierende Ähnlichkeiten in der Tatausübung. Die sexuellen Handlungen hätten jeweils an den schwer verletzten, sterbenden Opfern stattgefunden. "Bei Carolin G. fehlten Abwehrspuren fast völlig", sagt die Richterin.

"Dass der Angeklagte Carolin G. vorsätzlich getötet hat, braucht keiner weiteren Ausführung." Richterin Eva Kleine-Cosack
Dann beschreibt Kleine-Cosack, wie Catalin C. das Tatwochenende verbrachte und bringt die bekannten Aufenthaltsorte von C. mit Handydaten und Videoaufnahmen in Einklang. "Es steht für die Kammer ohne Zweifel fest, dass der Angeklagte sämtliche Verletzungen an den beiden Frauen vorgenommen hat", sagt Kleine-Cosack, er habe auch die Sexualstraftaten verübt. Kleine-Cosack geht auf das Geständnis von Catalin C. ein, dass die Tat auch hätte passieren können, wenn ihm ein Mann begegnet wäre - ein Raunen geht durch den Zuschauerbereich im Gerichtssaal, höhnischer Lacher sind ebenfalls zu hören. "Die Kammer glaubt dem Angeklagten nicht, dass er schnapstrinkend im Wald unterwegs war", führt sie weiter aus. Die von ihm beschriebene Menge an konsumierten Alkohol ergäbe wohl um die 4 Promille, das würde mit dem Verhalten des Angeklagten am Tatwochenende nicht übereinstimmen. Die Kammer folge der Aussage des forensischen Gutachters Große Perdekamp, der eine Flasche als Tatwaffe für möglich, aber unwahrscheinlich hält. C. sei mit dem Auto im Wald gewesen und habe 38 Minuten nach der Tat Zeit gehabt, um zurück zum Standort seines LKW der Firma D. zu kommen.

"Dass der Angeklagte Carolin G. vorsätzlich getötet hat, braucht keiner weiteren Ausführung", sagt sie. C. habe G. den Schädel eingeschlagen. Mit Beginn der ersten Angriffshandlung sei er entschieden gewesen, Carolin G. nicht am Leben zu lassen. Er habe Lucile K. zwei Jahre zuvor mit der gleichen Tatentschlossenheit getötet. "Dass er sich spontan zur Tat erst entschloss, als er Carolin G. sah, können wir aber auch nicht ausschließen."

"Ein empathischer, Frauen liebevoll zugewandter Mann wäre nicht in der Lage gewesen, eine solche Tat zu begehen." Richterin Eva Kleine-Cosack
Die Frage, warum er Carolin G. getötet habe, sei C. schuldig geblieben. Es könne sein, dass er seine Motive nicht kenne, oder er sie sich nicht eingestehen könne - vor der Gesellschaft, seiner Familie und sich selbst. "Was wir ausschließen können, ist, dass das Tatgeschehen nicht sexuell motiviert war", sagt Kleine-Cosack. An beiden Opfern habe der Angeklagte sexuelle Handlungen vollzogen. "Ein empathischer, Frauen liebevoll zugewandter Mann wäre nicht in der Lage gewesen, eine solche Tat zu begehen", sagt Kleine-Cosack. Die Aussage C.s, auch ein Mann hätte sein Opfer werden können, "mute abstrus an", sagt die Vorsitzende der Kammer in der Begründung.

Dann kommt Kleine-Cosack zu den Mordmerkmalen – und es wird ziemlich komplex. Beantragt waren die Verübung der Tötung "zur Befriedigung des Geschlechtstriebs", zur "Verdeckung einer Straftat", der "Ermöglichungsabsicht" und der "Heimtücke". Die Vorsitzende Richterin spricht verschiedene Tatvarianten durch, bevor sie zur Entscheidung kommt: Je nach Tatvariante könne allerdings jeweils nur ein Mordmerkmal als verwirklicht angesehen – das der "Ermöglichungsabsicht" oder das der "Verdeckung einer Straftat". Entweder hat Catalin C. sein Opfer getötet, um eine andere Straftat zu ermöglichen – die besonders schwere Vergewaltigung – oder eben um eine solche zu verdecken. Weitere sieht die Kammer nicht als verwirklicht an.

"Die Frage nach dem Warum ist auch nach den Ausführungen des psychiatrischen Sachverständigen unbeantwortet geblieben." Richterin Eva Kleine-Cosack
Die Vorsitzende Richterin kommt auf die Schuldfähigkeit des Angeklagten zu sprechen. C. sei voll schuldfähig. Auch schreckliche Taten könnten von Menschen begangen werden, die nicht im eigentlichen Sinne "verrückt" wären. Sie geht noch einmal auf das psychiatrische Gutachten des Sachverständigen Winckler ein, und dessen Beurteilung von C. als Mensch mit "schizoidem Persönlichkeitstypus"; das Ausmaß einer Störung sei jedoch nicht erreicht worden - C. habe ja zum Beispiel im Beruf störungsfrei und zuverlässig seine Arbeit verrichtet. Eine Alkoholkrankheit liege bei C. nicht vor. Ob er vor der Tat Alkohol getrunken habe, sei unklar, aber er sei kurz nach der Tat zumindest so nüchtern gewesen, dass er habe Auto fahren können. C. habe planmäßig und zielgerichtet gehandelt. Das objektive Tatgeschehen sei mit einer Affekttat nicht in Einklang zu bringen.

"Die Frage nach dem Warum ist auch nach den Ausführungen des psychiatrischen Sachverständigen unbeantwortet geblieben", resümiert Kleine-Cosack. "Viele Fragen sind interessant, aber ihre Beantwortungen bleiben so lange Spekulation, bis der Angeklagte Antworten auf sie gibt." Die Kammer glaube, dass er sie selbst nicht beantworten könne. "Mag sein, dass er sich das nach Jahren therapeutischer Behandlung noch ändert."

Kleine-Cosack kommt dann auf die Strafe zu sprechen. Das Gesetz sieht bei Mord lebenslange Freiheitsstrafe vor. Dann spricht die Richterin über die besondere Schwere der Schuld. Da nur ein Mordmerkmal erfüllt sei, hätte die Kammer die "besondere Schwere der Schuld verneint, wenn es die Tat in Kufstein nicht gegeben hätte." Die Kammer sei sich sicher, dass beide Taten zusammen hängen würden: "Die Tat in Kufstein hat dem Angeklagten gezeigt, wozu er fähig ist."

Schließlich geht es um die Sicherungsverwahrung. Die Kammer hat die Anordnung der Sicherungsverwahrung vorbehalten, erklärt Kleine-Cosack. Die rechtlichen Bedingungen für die Anordnung seien einfach noch nicht gegeben - egal "wie konkret gefährlich der Täter" sei. Man wisse nicht, was den Angeklagten zur Tat getrieben habe, jedoch sei der "Hang zur Verübung" schwerer Straftaten für den Vorbehalt der Anordnung der Sicherungsverwahrung ausreichend. Beide Taten in Endingen und Kufstein hätten eine Vielzahl übereinstimmender Merkmale, seien schwere Sexualstraftaten und grausame Tötungsdelikte mit einem Muster, von Brutalität und Vernichtungswillen geprägt. "Wenn das so ist, liegt ein Hang vor, und dass das so ist, nehmen wir an", sagt Kleine-Cosack.

"Wie sich die Dinge nach einer möglichen Rechtskraft des Urteils entwickeln, weiß die Kammer nicht." Richterin Eva Kleine-Cosack
Außerdem ermögliche der Vorbehalt der Anordnung Catalin C. den Zugang zu intensiver therapeutischer Betreuung für "Lebenslängliche" mit Sicherungsbewahrungsvorbehalt. So betreibe das Land in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal ein "Sicherungsverwahrungsvermeidungskonzept". Dass C. Zugang zu diesem hätte, sei "aus Fürsorgegründen dem Angeklagten gegenüber wünschenswert".

"Wie sich die Dinge nach einer möglichen Rechtskraft des Urteils entwickeln, weiß die Kammer nicht", sagt Kleine-Cosack am Ende ihrer Ausführungen und verweist auf das anstehende Verfahren gegen Catalin C. in Österreich. Dann verkündet sie den Beschluss, dass der Haftbefehl bestehen bleibt, sie weist auf Catalin C.s Recht auf Revision hin, dann ist der Prozess beendet.

Aus dem Zuschauerraum gibt es Applaus.
Hintergrund

Nach dem Urteil in Freiburg erwartet Catalin C. ein Mordprozess im österreichischen Innsbruck. C. wird sich dort wegen Sexualmords an der französischen Austauschstudentin Lucile K. im Januar 2014 in Kufstein verantworten müssen. Dem psychiatrischen Gutachter Winckler gegenüber hat C. auch diese Tat eingeräumt; das Gericht sah keinen Grund, an der Aussage C.s zu zweifeln; DNA-Spuren niedriger Qualität weisen auf C. als Täter im Fall Lucile K. hin.

Nach Angaben von Catalin C.s Verteidiger Klaus Malek ist die Auslieferung seines Mandanten nach Österreich von den dortigen Anklagebehörden bereits beantragt worden, das OLG Karlsruhe habe darüber zu entscheiden, wann Catalin C. nach Österreich überstellt werde.


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