Landgericht Freiburg

Mord in Studenten-WG: Staatsanwaltschaft fordert lebenslänglich

Frank Zimmermann

Lebenslänglich wegen Mordes fordern Staatsanwaltschaft und Nebenklage-Vertretung im Prozess gegen den 25-jährigen Studenten, der im August 2016 seine Mitbewohnerin auf brutale Weise erstochen hat.

Im Landgerichtsprozess gegen einen 25 Jahre alten Studenten, der am 10. August 2016 in einer WG in Lehen seine 31 Jahre alte Mitbewohnerin erstochen hat, haben Staatsanwaltschaft und Nebenklage (die Anwältin der Familie des Opfers) eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes gefordert. Der Verteidiger des geständigen Angeklagten zog am Dienstag derweil Teile des psychiatrischen Gutachtens in Zweifel. Er schlug wegen verminderter Schuldfähigkeit eine Einweisung in die geschlossene Psychiatrie vor; ein konkretes Strafmaß forderte er nicht.


Am Ende der Plädoyers, bevor die Vorsitzende Richterin Eva Kleine-Cosack die Bekanntgabe des Urteils für kommenden Montag ankündigt, sprach der Angeklagte Markus E.*. Die meiste Zeit des Prozesses hatte er in sich versunken nach unten geschaut. An die ihm gegenübersitzende Schwester der getöteten Susanne T.* gerichtet, sagte der blasse junge Mann leise ins Mikrofon: "Es tut mir Leid, was ich getan habe; dass sie tot ist und dass ich die Familie damit auseinandergerissen habe. Und wie dämlich die Begründung war." E. hatte sich von T. beleidigt gefühlt, weil diese die gleichgeschlechtliche Ehe abgelehnt und auf ihren christlichen Glauben beharrt habe. Dann stockte er: "Mir fehlen die Worte, das hier richtig zu sagen." Seine Entschuldigung habe aber nichts mit Taktiererei zu tun, um ein milderes Urteil zu bekommen.

Rall betont bizarren Tatcharakter

Oberstaatsanwalt Matthias Rall hatte zuvor den bizarren Charakter der Tat hervorgehoben. So sei T. überhaupt erst zehn Tage vor der Tat von Paderborn nach Freiburg gezogen, um ein neues Leben zu beginnen. Nachdem sie Opfer einer Vergewaltigung geworden war und in der Folge an Depressionen litt, habe sie in Freiburg in einem Gebetshaus arbeiten wollen. Dass sie nun in der neuen WG ausgerechnet auf einen antitheistischen, depressiven Religionshasser und selbst ernannten Menschenverachter ("Misanthrop") traf, bezeichnete Rall als Tragik.

Zudem hob der Oberstaatsanwalt die Brutalität der Tat hervor und die Überlegtheit und Strukturiertheit, mit der der Beschuldigte "ohne erkennbare Gefühlsregung" vorgegangen sei. E. hatte T. mit zahlreichen Stichen getötet. Rall machte zwei juristische Mordmerkmale aus: niedrige Beweggründe (E. habe sich aus Hass und Verachtung zum Herrn über Leben und Tod gemacht) und Heimtücke – der Angeklagte habe T.s Arg- und Wehrlosigkeit ausgenutzt. An der Schuldfähigkeit von E. hat Rall keine Zweifel.

Nebenklage-Anwältin Ute Staudacher hob die Fassungs- und Verständnislosigkeit über die "außergewöhnliche Tat" hervor, die sie während des Prozesses auch im Saal wahrgenommen habe. Sie bedauerte, dass trotz des Geständnisses vieles zur Tat "in einer Blackbox verborgen geblieben" seien.

Verteidiger zweifelt die Diagnose des Gutachters an

"Es gibt zu viel, was ungelöst und rätselhaft bleibt", sagte Staudacher. An der Vorsätzlichkeit zweifle sie nicht. Die Verzweiflung des Täters, die in drei Suizidversuchen direkt nach der Tat kulminierte, empfinde sie als vorgeschoben. Das Leben der Eltern und der Schwester des Opfers hätten sich durch die Tat dramatisch verändert.

Rall und Staudacher hatten keine starke Veränderung von E.s Zustand in den Monaten vor der Tat erkennen können. Darin stimmten sie mit dem forensischen Psychiater Peter Winckler überein. Der Gutachter hatte bei E. eine schwere kombinierte Persönlichkeitsstörung festgestellt. Gleichwohl hatte er den Angeklagten zum Zeitpunkt der Tat nicht als vermindert steuerungsfähig eingestuft. Mit dieser Beurteilung wäre der Angeklagte voll schuldfähig.

Dem widersprach der Freiburger Anwalt Roland Beckert. Er sehe sehr wohl eine Entwicklung bei seinem Mandanten – eine Veränderung nicht nur des psychischen Zustands, auch äußerlich habe er sich sehr verändert, wie man auf Fotos sehen könne. Einen Bruch machte Beckert im April 2016 aus, als E. nicht mehr in der Lage war, einmal in der Woche zu arbeiten, und sich umbringen wollte. Zudem wies der Verteidiger darauf hin, dass das Gefängniskrankenhaus Hohenasperg bei E. eine "Schizophrenia simplex" (eine Schizophrenie, bei der sich keine typischen Symptome einer Schizophrenie feststellen lassen) diagnostiziert habe und dieser deshalb in der Schuldfähigkeit eingeschränkt sei. Diese Diagnose hatte Gutachter Winckler angezweifelt.

(*Namen von der Redaktion geändert)

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