Mohammed-Karikaturen: Blogger Asmus Ohrt aus Denzlingen erlebt muslimische Wut hautnah

Adrian Hoffmann

Asmus Ohrt aus Denzlingen hat in seinem Alltag zurzeit zwangsläufig mit dem Streit um die Mohammed-Karikaturen zu tun. Der 26-jährige Student, der ein halbes Jahr im palästinensischen Ramallah lebt, um dort seine Diplomarbeit zu machen, spürt die Empörung der Muslime hautnah. Und er hat Verständnis dafür. Seine Erlebnisse beschreibt er auch in seinem Weblog. Ein Mail-Interview.



Inwiefern betreffen die Mohammed-Karikaturen deinen Alltag in Ramallah?

Asmus: Seit etwa einer Woche fragen mich ständig Leute auf der Straße, ob ich Däne sei. Teilweise richtig aggressiv. Aber es sind immer irgendwelche "einfacheren" Leute, die mich ansprechen. Meist können sie kein oder miserabel Englisch. Am Anfang wusste ich überhaupt nicht, warum sie das fragen, ich habe erst später von der ganzen Geschichte erfahren.

Was würde passieren, wenn du antworten würdest: Ja, ich bin Däne?

Asmus: Keine Ahnung. Ich glaube nicht, dass ich sofort gelyncht werden würde, aber eine gewisse aggressive Stimmung ist wie gesagt schon zu spüren.

Wie reagierst du auf diese Leute?

Asmus: Ich sage auf Arabisch, dass ich kein Däne, sondern Deutscher bin und pflichte ihnen bei, dass diese dänische Zeitung nicht gut ist. Das beruhigt sie dann. Dass DIE WELT die Cartoons auch abgedruckt hat, hat sich zum Glück noch nicht bis hierher rumgesprochen. Wenn es soweit ist, werde ich eben behaupten Ire, Schweizer, Brasilianer oder Neuseeländer zu sein, dann bin ich sicher.



Deckt sich das dann auch mit deiner Meinung - empfindest du die Karikaturen als empörend?

Asmus: Es ist eigentlich kein großes Ding. Natürlich ist es hin und wieder Gesprächsthema, sowohl mit anderen Deutschen, als auch mit Palästinensern. Was mich beunruhigt, ist die Tatsache, dass das voll in diese heraufbeschworene Kampf-der-Kulturen-Theorie passt.

Und irgendwie kommt gerade alles zusammen: Ahmadinedschads Israelfeindlichen Äußerungen, der Atomstreit mit dem Iran, der Hamas-Wahlsieg, die Karikaturen und die gewalttätigen Proteste dagegen. Über die Qualität der Karikaturen muss man nicht diskutieren: Sie sind inhaltlich und künstlerisch ziemlich plump.

Das kann man aber auch anders sehen. Oder nicht?

Asmus: Nein. Sie sind weder witzig, noch haben sie was mit Religionskritik zu tun, sie sind eindeutig diffamierend und provokativ gedacht und ich denke, dass war den Zeichnern auch klar. Die Sache ist nur: Selbstverständlich gibt es in Europa auch ein Recht auf plumpe Karikaturen, aber wenn sie die religiösen Gefühle von 1,5 Milliarden Menschen verletzen, sollte man vielleicht abwägen, was wichtiger ist. Es passt auch in die gegenwärtige Tendenz zur Islamophobie im Westen, die den Islam mit dem islamistischen Terrorismus gleichsetzt.

Dass die Überreaktion des brandschatzenden Pöbels auch indiskutabel ist, ist ebenfalls commen sense. Der Kampf der Kulturen scheint gerade von beiden Seiten - dem Westen und von der arabischen Welt - heraufbeschworen zu werden.

Dieser wütende Pöbel - sind das nur bellende Hunde, oder würden die auch beißen?

Asmus: Ich kann das nicht beurteilen. Die Palästinenser sind - wenn ich das mal so verallgemeinern darf - etwas emotionaler und aufbrausender als der Durchschnitts-Badenser. Wenn es beispielsweise einen Verkehrsunfall gibt, dann prügeln sich die Beteiligten auch gerne mal. Und bei Demonstrationen wird eben in die Luft geballert. Das ist völlig normal. Das Aggressionspotenzial ist deutlich höher, denke ich.

Hast du so ein Gefühl wie Angst?

Asmus: Nein, keine Angst, aber es ist schon ein komisches Gefühl, diese aggressive anti-westliche Stimmung mitzukriegen. Mein Nachbar hatte seit drei Jahren eine deutsche Flagge auf der Motorhaube seines Autos kleben, um nicht für einen Israeli gehalten zu werden. Die hat er vorgestern abgemacht.

Welche Rolle spielt das Thema in deinem Blog?

Asmus: Ich hab es mal kurz angeschnitten, meine Meinung dazu beschrieben und auf Internetseiten verwiesen, auf denen man die Karikaturen anschauen kann. Denn ich habe den Eindruck, alle reden darüber aber niemand hat sie jemals gesehen.

Warum gehst du nicht noch stärker darauf ein?

Asmus: Weil es in meinem Alltag hier in Ramallah keine große Rolle spielt. Und mein Blog ist nun mal eine persönliche Schilderung meiner Erlebnisse hier, da will und kann ich nicht das politische Geschehen in der gesamten muslimisch geprägten Welt plus Europa kommentieren.



Wie wird sich die Situation deiner Ansicht nach in den nächsten Tagen und Wochen verändern?

Asmus: Ich hoffe, die randalierenden Möchtegern-Frommen beruhigen sich wieder. Und ich hoffe, dass es in der Westbank so ruhig bleibt. Gestern wurde in Bethlehem eine dänische Flagge verbrannt, aber ansonsten ist es absolut ruhig bisher.

Witzige Annekdote zu dem Thema: Im Gazastreifen sind alle ohnehin knappen dänischen Flaggen ausverkauft. Ein pfiffiger Geschaeftsmann hat jetzt 100 Stück bestellt. Das ist mal Geschäftssinn!

Sprichst du mit den Leuten über die Karikaturen?

Asmus: Ja, aber meist nur kurz. Man ist sich schnell einig darüber, dass hier religiöse Gefühle verletzt wurden und dass das nicht in Ordnung ist.

Den Propheten Mohammed als Urvater des Terrorismus darzustellen ist schlicht und ergreifend Blödsinn. Schade ist nur, dass der aufgebrachte Mob in Damaskus, in Beirut, in Jarkata und Kabul nicht differenziert zwischen den Redakteuren der besagten Zeitungen und der dänischen, schwedischen oder norwegischen Bevölkerung. Sie meinen die Zeitung und attackieren die Botschaft.

Allerdings muss man auch einsehen, dass die Religion in muslimischen Gesellschaften eben einen sehr hohen Stellenwert hat. Wir säkularisierten Europäer können da nur den Kopf schütteln, aber für gläubige Muslime sind Witze über die Religion einfach eine Grenze, die nicht überschritten werden darf. Man stelle sich nur mal vor, in einer Zeit, in der Religion auch in Europa den Alltag dominiert hat und für die Menschen DIE Identifikation stiftende Institution darstellte, hätte jemand Karikaturen von Jesus oder dem Papst veröffentlicht. Der wäre sehr schnell auf dem Scheiterhaufen gelandet.

Ja, aber mit Verlaub, wieso Verständnis: Ist das nicht deren Problem, wenn sie damit nicht klar kommen? Es geht um das Recht der freien Meinungsäußerung.

Asmus: Klar, religiöse Gefuehle gehen nur denjenigen etwas an, der sie hat.

Dennoch: Trotz des Rechts auf freie Meinungsäußerung gibt es auch so was wie den Tatbestand der Beleidigung, der Verleumdung und der Volksverhetzung. Und in diesen Karikaturen wird nun mal eine ganze Glaubensgemeinschaft als grundlegend böse, grimmig, mordlüstern und terroristisch dargestellt. Man karikiert den Propheten, gemeint sind aber alle Muslime. Wir Westler sagen: Meine Güte, waren doch nur ein paar Krickelkrackelzeichnungen, die sollen sich mal nicht so anstellen. Dazu zwei hypothetische Fragen:

Wie würde würde die deutsche Öffentlichkeit, die jetzt das Recht auf freie Meinungsäußerung hochhält, wohl darauf reagieren, wenn die Dänen Cartoons veröffentlicht hätten, in denen ein Rabbi Schweineschnitzel futternd Panzer fährt und Wohnhäuser platt macht?

Wie würde der Vatikan reagieren, wenn Karikaturen Jesus Christus als schwulen Gruppensexguru darstellen?

Mehr dazu:

  • Asmus Ohrt aktualisiert seinen Blog fast täglich. In erster Linie will er damit ein Forum für alle jene bieten, die sich in der Heimat für seine Erlebnisse interessieren ? also Freunde, Familie, aber auch Fremde.

  • Er ist sehr politisch in seinen Beiträgen, in der Mail mit uns schreibt er: "Hier in dieser Region ist alles politisch, da die Politik auch das Privatleben der Menschen dominiert. Und ich bin politisch interessiert und engagiert. Insofern ist meine Berichterstattung natürlich politisch. Ich möchte den Menschen, die meine Berichte lesen, einfach zeigen, wie der Alltag in den besetzten Gebieten aussieht, und dass die Menschen hier nicht alle mit Sprengstoffgürteln rumrennen, sondern ihr ganz normales Leben führen und Frieden, Sicherheit, was zu essen und ein Dach über dem Kopf wollen, sonst nichts."