Modebloggerin Jessica Weiß: "Persönlichkeit ist das Wichtigste"

Jule Markwald

Modeblogs haben sich in den vergangenen Jahren zu einer echten Konkurrenz für etablierte Modemagazine entwickelt. Eine der erfolgreichsten Modebloggerinnen Deutschlands ist Jessica Weiß, die nach dem großen Erfolg ihres ersten Blogs "Les Mads" jetzt das Fashionblog "Journelles" betreibt. fudder-Autorin Jule Markwald hat mit ihr über das Bloggen als Beruf gesprochen.



Du bloggst seit fast sechs Jahren über Mode und postest regelmäßig Outfit-Fotos von Dir. Wenn Du Dir alte Beiträge von Deinem ersten Blog LesMads anguckst, schämst Du Dich dann manchmal?

Jessica Weiß: Nein, aber ich wundere mich manchmal schon, wie schnell man Sachen und Outfits wieder doof findet und was sich in den letzten Jahren in Sachen Design und Fotografie getan hat. Aber es war einfach für die Zeit genau richtig. Natürlich gibt’s Texte oder Outfits von mir, bei denen ich mir heute denke: Ja gut, würde ich heute nicht mehr so machen!, aber dann finde ich das belustigend und kann über mich selber lachen.

Als Du mit Julia Knolle Les Mads gegründet hast, wart ihr noch Studentinnen und habt viel bei Zara und H&M eingekauft.

(lacht) Nur!

Mittlerweile sieht man Dich im Blog aber auch im Stella-McCartney-Blazer oder Isabel Marant-Mantel. Hast du das Gefühl, deine Leserinnen sind diesbezüglich mitgewachsen?

Ja. Meine Zielgruppe wird einfach älter, und damit kommt schon ein Bewusstsein für gewisse Dinge, was aber noch lange nicht heißt, dass sich dann jeder auch plötzlich alles leisten kann. Ich will nicht rechtfertigen für Dinge, die ich mir hart erarbeitet habe, und bekomme ja auch – anders als eine durchschnittliche Konsumentin – viele Pressesamples und leihe mir oftmals Sachen.

Ich sehe mich eher als Dienstleister. Ich zeige meine Outfits ja nicht, damit sich meine Leserinnen die Sachen stur nachkaufen können, sondern weil ich sie inspirieren möchte und ihnen neue Silhouetten zeigen will. Außerdem versuche ich auch immer noch eine gute Mischung zu machen. Und ich trage schließlich immer noch Topshop und H&M und Zara zwischendurch.

Gerade bei diesen günstigen Marken sind faire Arbeitsbedingungen und umweltfreundliche Herstellung ein Problem. Ist das für Dich bei Journelles ein Thema?

Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema, über das wir auch aufklären und informieren wollen – nicht dauerhaft, aber immer mal wieder. Wir haben uns dem Thema gerade erst in einer Themenwoche angenommen und zum Beispiel Expertenmeinungen eingeholt, was die Produktionsstätten in verschiedenen Ländern geht und was die Ökosiegel bedeuten. High Fashion und Nachhaltigkeit zu verbinden – das ist aber schwierig. Ein Umdenken wird hier in den nächsten Jahren einfach wahnsinnig wichtig sein.

Glaubst Du, dass den Menschen wichtig ist, wie ihre Kleidung hergestellt wird?

Der Konsument will immer genauer wissen, wo seine Sachen herkommen, da wird sich der Markt irgendwann fügen müssen. Ich habe das Gefühl, dass wir einfach noch viel zu wenige ökologisch oder zumindest halbwegs ökologisch gut hergestellte Produkte haben, die zeitgemäß designt sind. Es gibt natürlich viel Labels, die sich dem annehmen, und ich kriege auch immer viele Mails und Designs zugesandt, kann aber mit dem Design am Ende nicht viel anfangen. Ich habe in der Themenwoche aber auch ein Outfit gepostet, das komplett aus ökologisch hergestellten Sachen besteht.

Designer und Modeketten haben ein großes Interesse an Dir und Deinem Blog als Werbeplattform. Wie gehst Du damit um?

Ich habe schon immer nur das veröffentlicht, was ich als lesenswert oder wichtig empfinde. Ich lasse mich überhaupt nicht davon beeinflussen, was mir zugeschickt wird, sondern bin eher etwas empfindlich, wenn darauf gepocht wird. Ich muss natürlich trotzdem Geld verdienen und meine Autoren bezahlen. Deswegen gibt's bei mir Bannerwerbung und Affiliate Marketing, was gut funktioniert.

Wir machen im Monat vielleicht drei bis vier Advertorials, und die sind natürlich klar gekennzeichnet. Da unterscheidet sich Journelles nicht von anderen Magazinen. Ich hoffe, dass der Leser es irgendwann einfach als selbstverständlich empfinden, denn sonst könnte er nicht jeden Tag etwa vier bis fünf Artikel lesen und immer erwarten dass wir einfach immer tollen, neuen Stoff liefern, den er kostenlos lesen kann.

Journelles und andere Modeblogs werden heute so professionell geführt wie reguläre Modemagazine. Worin siehst Du die Stärke der Blogs?

Ich glaube, Persönlichkeit ist das Wichtigste. Und zwar nicht nur, weil man irgendwann sein Gesicht mal auf der Seite zeigt, sondern weil man seinen eigenen Geschmack in Texte mit einfließen lässt. Ich bin immer sehr darauf bedacht, dass die Themenmischung bei Journelles gut ist. So einen Blickwinkel bieten zu können, das schaffen immer noch die wenigsten Magazine. Sie sind immer noch getrieben von Anzeigen und geschrieben von Autoren die keine Gesichter haben. Das ist bei uns anders und ich glaube das wird immer honoriert und geschätzt.

Dein Gesicht kennt man von deinem Blog. Du gibst aber trotzdem nur sehr sparsam Dinge aus deinem Privatleben preis. Wo ziehst Du die Grenze?

Ich versuche schon, das Blog einfach auf die Themenbereiche Mode, Beauty und Living zu beschränken. Alles Persönliche oder aus dem Privatleben bleibt eher außen vor. Ich berichte zwar zum Beispiel über meine Hochzeitskleidsuche für das nächste Jahr, aber hätte ich jetzt das Kleid schon gefunden, dann würde ich es niemals auf der Seite zeigen - zumindest nicht vor der Hochzeit.

Meinen Freund habe ich bislang auch immer komplett rausgehalten, auch meine Familie sieht man nicht oder meine Freunde. Natürlich sieht man mal Häppchen und Ausschnitte aus meinem Alltag, aber ich glaube es ist zuwenig, als dass man als Leser ein vollständiges Puzzle gebaut kriegen würde. Letzten Endes bauen sich die Leute ohnehin immer ein Bild von dir, ob du jetzt ein Foto im Monat postest oder eins im Jahr. Das kann man eh nicht beeinflussen, von daher ist das in Ordnung.

Zu sehen gibt's Dich seit 2012 auch in deiner eigenen Fernsehsendung: "It's fashion" auf Einsplus. Was ist Dir wichtiger: Das Moderieren oder Journelles?

Ich strebe natürlich jetzt nicht an, gänzlich Moderatorin zu werden, dazu liebe ich das Internet und auch meine Webseite viel zu sehr. Ich finde es aber toll, die Möglichkeit zu haben, beides zu machen. Ich bin sehr glücklich mit der Sendung, weil ich auch in den Entstehungsprozess und in die redaktionellen Arbeit sehr involviert bin. Es ist halt für mich momentan eine leichte Doppelbelastung mit meiner Webseite, das alles unter einen Hut zu bekommen, aber man ist ja noch jung und dann hält man das gut aus. (lacht)



In der Sendung triffst Du regelmäßig Branchengrößen. Wen wolltest Du schon immer mal treffen?

Dieses Jahr war ein echt gutes Jahr für mich: Ich hab Dries Van Noten, Isabel Marant und Karl Lagerfeld getroffen und interviewt. Mein Treffen mit Karl Lagerfeld war das erste Mal, dass ich ihn live gesehen habe. Sonst bin ich eigentlich relativ entspannt, wenn es um Promis geht, aber bei ihm hatte ich echt Bammel, weil er ja so schlagfertig ist und man nie weiß, was kommt. Wenn er einen vielleicht nicht so nett findet, ist das ein bisschen schwierig, aber es hat ganz gut funktioniert. Er war sehr, sehr nett zu mir. Die Begegnung war so aufregend, dass ich danach nicht mal mehr einschlafen konnte. (lacht)

Es gibt nicht viele Mode-Sendungen im deutschen Fernsehen. Neben Germany’s Next Topmodel ist in diesem Herbst “Fashion Hero” auf Pro7 gestartet. Freut dich das, oder kannst mit der Art von Auseinandersetzung mit dem Thema Mode nicht so viel anfangen?

Ich finde es gut, dass Mode im deutschen Fernsehen etwas mehr Beachtung bekommt, auf welche Weise das nun auch sein mag. Es gibt durchaus verwerfliche Dinge an dem Format "Fashion Hero", aber die Sendung will ja tatsächlich jungen Designern eine Plattform bieten, und sie in Kontakt mit echten Einkäufern bringen. Das ist der echte deutsche Markt, wie er eben existiert und der eben auch vorschreibt, was der Kunde will oder eben auch nicht. Ich finde es auch sehr gut, dass die Einkäufer wirklich auch direkt die Kollektion kaufen, das kann nicht schaden.

Was glaubst Du, wie wird Dein Beruf als Bloggerin sich in den kommenden Jahren verändern, zum Beispiel wenn Du eine Familie gründest?

Wenn man Kinder hat, ist mein jetziges Pensum – mit Website und Fernsehsendung – gar nicht zu schaffen. Ich glaube aber, dass sich Seiten eh immer weiter entwickeln und ich dem Blogformat noch sehr sehr lange treu bleiben werde - und es weiterhin so gut läuft wie jetzt. Ich kann mir auch vorstellen, das noch in zehn Jahren zu machen, es werden sich aber einfach neue Wege und Formen entwickeln.

Gibt’s noch irgendwas was du unbedingt erreichen oder machen willst?

Ich mag den Gedanken des Multibrandings. Ich finde es toll, aus Journelles langfristig eine starke Marke zu machen, sie auszubauen und zu vergrößern. Ich mache aber auch immer mal wieder Flohmärkte oder Kooperationen mit Labels, das würde ich auch in Zukunft gerne weitermachen und schauen, dass man vielleicht irgendwann mal eine eigene kleine Modekollektion macht oder mal einen Pop-up-Shop und versucht, alles auszuschöpfen und weiterhin kreativ zu bleiben.

Was ist dein Must-have Fashion Item für den Herbst/Winter?

Ich liebe Schals und habe drei verschiedene, dicke Acne-Schals, die auf jeden Fall tragen werde. Und COS-Mützen, die sind schon ein echter Klassiker und werden seit fünf Jahren immer wieder neu aufgelegt. Ich hab' mir gerade wieder eine Neue in dunkelblau geholt, aus Kaschmir. Und ich hab einen karierten Mantel von Ganni, der ist auch perfekt für die kalten Wintertage.

Gibt es irgendwas super dekandent Teures, was du gerne noch im Kleiderschrank hättest?

Ich hab eine kleine Céline-Taschen-Abhängigkeit, und da gibt’s ja immer wieder neue tolle Modelle. Jedes halbe Jahr möchte ich da eigentlich ganz gerne eine Neue haben - das ist dauerhaft natürlich sehr schwer umzusetzen. Mit Taschen hab' ich echt einfach nen Tick.

Ich blogge selber seit ein paar Monaten, und mein Blog "And No Plan B" ist leider noch ziemlich klein. Gibt’s irgendwelche Tipps, für jemanden wie mich der noch ganz am Anfang steht?

Am Anfang muss man sich viel mit anderen Bloggern austauschen, muss durch Kommentare auf sich aufmerksam machen und vor allem durch gute Arbeit. Du machst ja sicher Werbung für dein Blog, hast eine Facebookseite und bist auf Twitter aktiv. Der erste Eindruck zählt! Die Optik ist wahnsinnig wichtig, das Design der Website, dass du viele große, hochwertige Bilder hast, dass es einzigartig ist auf eine Art und Weise, dass es seine kleine Nische irgendwo findet und dass man weiß, wo man sich irgendwo bewegen möchte.

Ich glaube es gibt nichts Schlimmeres, als sich immer nur rechts und links zu orientieren: Wie macht der das und das? Ah, dann mach ich das jetzt auch so! Es gibt eine hohe Kopiestruktur in der deutschen Blogosphäre, das finde ich sehr schade, weil eigentlich noch viel Platz ist für viele tolle Seiten. Nur muss man da wirklich einen sehr eigenen Kopf haben oder eine sehr eigene Richtung!

Zur Person


Jessica Weiß
, 27, studierte Marketingkommunikation in Köln, als sie zusammen mit Julia Knolle 2007 das Modeblog LesMads gründete. Seit 2012 betreibt sie das Blogzine Journelles, das täglich von 10 000 Menschen gelesen wird. Weiß moderiert die Fernsehsendung It’s Fashion auf Einsplus. Sie lebt in Berlin.

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