Mobbing im SchülerVZ

Meike Riebau

Wenn getratscht, genetzwerkelt und über Fotos diskutiert wird, wollen natürlich auch die jungen Internetnutzer nicht fehlen. Das beliebteste Netzwerk von Kindern und Jugendlichen in Deutschland ist das SchülerVZ, der kleine Bruder des berühmt-berüchtigten StudiVZs. Aber auch dieses Netzwerk ist keine harmlose Online-Spielwiese. Cybermobbing ist hier ein ernstes Problem geworden.



Drei Millionen Schüler zwischen 12 und 19 Jahren sind Mitglied im SchülerVZ,  dem Netzwerk der Holtzbrinck Ventures  – Tendenz steigend. „In meiner Klasse ist fast jeder dabei“, sagt der 17-jährige Freiburger Schüler Joel Montagud. Er und seine Freunde nutzen das Netzwerk hauptsächlich, um sich zum Fußball zu verabreden – oder ab und zu mal mit Mädchen zu flirten. So weit, so harmlos.


Aber nicht immer geht es in diesem Online-Poesiealbum so harmlos zu. Neben Fragen des Datenschutzes sind es besonders Fälle von Cybermobbing, die im Netzwerk der Pubertierenden Wellen schlagen. Ein Fall spielte sich an einem Gymnasium in der Freiburger Umgebung ab: In einem Onlineforum von SchülerVZ begannen zwei Mädchen eine Diskussion, die in wüste Beschimpfungen ausartete, es fielen Sätze wie „Dann spring doch von der Brücke, es wäre nicht schade“. Der Fall wurde von der virtuellen in die reale Welt verlagert: Die aufgebrachten Mütter riefen die Schulleitung an, die gemeinsam mit den Schülerinnen nach einer Lösung suchte.

Für Lästereien von der Schule verwiesen

Schlimmer noch ging eine vermeintlich harmlose Lästerrunde für zwei Mädchen aus Bad Kissingen aus: Die beiden Siebtklässlerinnen unterhielten sich via SchülerVZ über ihre Lehrer. Eine praktische Verbindung, wenn gerade Ferien sind, und die eine Freundin auf Sylt und die andere in St. Petersburg ist. Die Online-Lästerei flog auf und die beiden Siebtklässlerinnen wurden nach den Ferien in das Büro ihres Direktors zitiert. Die betroffenen Lehrer hatten von der Unterhaltung erfahren und Anzeige wegen Beleidigung erstattet, außerdem wurde ein Disziplinarverfahren an der Schule eingeleitet. Zwar reichte eine Entschuldigung der beiden, um die Anzeige zurück zu ziehen. Aber eines der beiden Mädchen wurde zeitweilig von der Schule verwiesen.

In einem dritten Fall entdeckte eine Freiburger Lehrerin, dass einige ihrer Schüler eine Gruppe bei SchuelerVZ gegründet hatten, die „Frau Schneider (Name geändert) ist dick, fett und hässlich“ genannt war. Die Lehrerin hat die  Schüler und ihre Eltern angesprochen – die Gruppe wurde gelöscht. Interessanterweise machten daraufhin einige Schüler ihre Profile für Fremde unsichtbar.

Die drei Fälle haben eines gemeinsam: Keinem der Schüler war wohl bewusst, warum das Lästern und Schimpfen im Netz schlimmer ist, als in der realen Welt und warum die Folgen für sie als auch für die Opfer ihrer Lästereien weitreichender sind. Worin liegt der Unterschied zwischen einer Streiterei auf dem Schulhof, einer Zettelchen-Unterhaltung, einer Tischkritzelei und den beschriebenen Fällen im virtuellen Raum?

Foren und Pinnwände wecken leicht den Eindruck, privat und exklusiv zu sein. Den Nutzern muss allerdings klar sein: Die Äußerungen hier sind für immer zementiert und für alle zugänglich. Michael Schetsche, Soziologie-Dozent der Uni Freiburg, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Internet und den Auswirkungen, die es auf die Kommunikation hat. Seiner Meinung nach sind es nicht bloß Kinder und Jugendliche, die sich Privatheit vorgaukeln lassen.

„Im Grunde sind wir immer noch alle verwirrt und wissen nach wie vor nicht, wie wir mit dieser völlig neuen sozialen Welt umzugehen haben“, meint der Soziologe. Einer der Fehler, den wir alle begingen, sei, dass wir unsere Wertungen aus dem realen Leben auf die virtuelle Welt übertragen. Das sei allerdings völlig falsch, so der Soziologe.



Man weiß nie, wer schon mitgelesen hat

Thomas Rathgeb, Leiter der Stuttgarter Geschäftsstelle des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest, meint: „Die Jugendlichen müssen sich bewusst sein, dass Äußerungen, die im Internet einmal gemacht werden, dort  bleiben. Schon deshalb sind sie nicht vergleichbar mit einer kleinen Schulhofstreiterei.“ Es sei nie abschätzbar, wer alles Zugang zu den Äußerungen habe, und wie häufig sie vervielfältigt werden, so der 37-Jährige. Selbst wenn der Urheber der Äußerung diese gelöscht habe, könne er nicht wissen, wer sie gelesen oder weitergeleitet habe.

Diese Form der privaten Öffentlichkeit ist vielen Usern auf einer anderen Seite durchaus bewusst. Das zeigt, wie Netzwerk-Mitglieder ihre Profilseiten nutzen, um sich darzustellen. Gruppennamen wie „Ich seh Mecces häufiger als meine Eltern“ oder „Nein, ich habe kein ADS…hey, guck mal, ein Eichhörnchen“ sollen die User als witzig-coole Persönlichkeiten darstellen. Andererseits reagieren  viele Kinder aufgebracht, wenn der Medienpädagoge Markus Gerstmann als Lerneffekt in ihrer Klassenraum deren Schüler-Profile aufhängt. „Die sind doch privat!“ empören sie sich.

Auch Dirk Bersch, Lehrer am Friedrich-Gymnasium, ist der Meinung: „Die Jugendlichen haben zwar die technische Raffinesse, und nutzen diese auch äußerst kreativ, aber gerade die jüngeren Schüler können leider die Konsequenzen nicht immer abschätzen.“ Das Zehnfinger-System und der Umgang mit Word werden an den Schulen schon unterrichtet. Jetzt müsste ein Fach folgen, welches über die rein technische Seite hinausgeht.

Thomas Rathgeb sieht den Handlungsbedarf nicht nur bei den Schulen, sondern auch bei Eltern und den Netzwerk-Betreibern. „Man muss nicht besonders Internet-affin sein, um seinen Kindern zu erklären, wie man sich im Netz bewegen sollte.“ Er vergleicht das Internet mit dem Straßenverkehr, „auch dort muss Kindern von Anfang an beigebracht werden, wie man sich zu verhalten hat“, sagt Rathgeb.



Auch das noch. Schon haben sie mich...

Auch bei den Recherchen zu diesem Artikel haben die Web 2.0-Kinder ihr technisches Know-How unter Beweis gestellt: Die Autorin legte sich ein Profil im SchülerVZ an. Bis auf ihren Namen und ihr Alter machte sie aber dort keine Angaben. Die SchülerVZ-User wurden neugierig, mehr als zehn von ihnen gaben ihren Namen bei Google ein. Und fanden auch ein Foto der Autorin, was sie natürlich sofort auf ihrer Pinnwand öffentlich kundtaten und ihr per Mail und mit Privatnachrichten mitteilten.

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