Mixed Martial Arts im Crash

Manuel Lorenz

Zwei Männer, ein Käfig, fast alles ist erlaubt: Am Samstag fand im Crash die Fight Night statt, bei der über zwei Dutzend Kämpfer sich boxten, traten und miteinander rangen - beäugt von schweren Kerlen, auf deren Jacken "City Cobras" und "Hells Angels" stand. fudder-Autor Manuel Lorenz hat die blutigen Nasen und Platzwunden gezählt:



Der Trainer klingt, als gäbe er eine Yoga-Stunde. "Leg die Hände auf den Körper, richte dich mit dem Kopf auf, dann: punshen." Sein Schützling, der 17-jährige Tobias "Mutschi" Mutschler, hat große Mühe, seinen Anweisungen zu folgen. Er befindet sich nämlich in derselben misslichen Lage wie die meisten anderen Kämpfer heute Abend auch irgendwann. Er liegt auf dem Boden und bildet mit seinem Gegner ein schier unentwirrbares Knäuel aus Armen und Beinen - einen Zauberwürfel aus Fleisch und Blut.

Fight Night im Crash. Und dass so eine Veranstaltung in Teufels Freiburger Küche stattfindet, passt natürlich wie die Faust aufs Auge. Denn dort, wo gerade jener Käfig mit dem Menschenknäuel steht – der Maschendrahtzaun gewordene Albtraum einer zu klein geratenen Hüpfburg –, geht’s ja auch sonst brutal und körperlich zur Sache, wenn zu Metal und Punk geheadbangt und gepogt wird.

Heute auf dem Programm: 15 Amateurkämpfe aus dem Bereich Mixed Martial Arts (MMA), einem Vollkontaktwettkampf, beim dem getreten, geschlagen, geworfen und gerungen werden darf, im Stehen wie auf dem Boden. Die Kämpfer kombinieren dabei Kampfsportarten wie Boxen, Kickboxen, Muay Thai und Karate sowie Brazilian Jiu-Jitsu, Ringen, Judo und Sambo. Verboten sind Kopfstöße, Beißen, Haare ziehen, Schläge gegen Hinterkopf und Hals sowie Kniestöße und Tritte gegen den Kopf eines Gegners, der am Boden liegt. Es gewinnt, wer den Gegner zur Aufgabe zwingt, ihn ausknockt, den Ringrichter dazu bringt, den Kampf abzubrechen, oder nach zweimal fünf Minuten auf den Wertungszetteln der Punktrichter vorne liegt. Im deutschen Fernsehen ist MMA wegen seiner Härte verboten.



Mutschi hat es geschafft, die Anweisungen seines Trainers zu befolgen. Er kniet jetzt über seinem Gegner und drischt auf dessen Gesicht ein, als gäbe es kein Morgen. Das Publikum – sonst still und konzentriert – ist nicht mehr zu halten. "Komm schon!", "Mach ihn fertig!", "Hol ihn dir!". Hundekampf, Adrenalin, Testosteron. Der Ringrichter bricht ab, Mutschi springt auf, reißt die Arme hoch, kniet sich aber sofort wieder hin, hilft dem benommenen Gegner hoch, die beiden umarmen sich, schauen drein, als hätten sie gerade eine wichtige Prüfung bestanden, gemeinsam ein Initiationsritual durchlebt. Wie sagte Tyler Durden so schön: "Nur, indem ich mich selbst zerstöre, kann ich die größere Macht meines Geistes entdecken."

Fast jeder, der heute Abend hier ist, trägt eine College-, Bomber- oder Trainingsjacke, auf die großen Schriftzüge und Zahlen gestickt oder gedruckt sind: Hells Angels 81, City Cobras 33, Karlsruhe 76 Pride, Big Red Machine, Fight Bros, Fightclub, Thai Box Club, Samuai Thais Elzach. Kurzhaarschnitte, Gürteltaschen, Goldketten, Tätowierungen. Sprich: Türsteher, Kampfsportler, schwere Kerle, Rocker. Sons of Anarchy. Und eine Jungsclique aus Elzach, die hier genauso deplaziert wirkt wie Mike Tyson auf einem Schachturnier. Dem Anschein nach studieren sie Ingenieurswesen in Furtwangen; tatsächlich kennt einer von ihnen einen der Kämpfer – "den Passi! Dem sieht man des aber überhaupt ned an".



Dasselbe gilt für Jakob Sannert. Blonde Locken, träumerischer Blick: Der hochgeschossene 21-Jährige könnte genauso gut Cello studieren. Stattdessen stürmt er, kaum hat der Ringrichter "Fight!" gesagt, auf seinen Gegner zu, tritt und boxt und ringt ihn zu Boden. Dann geht wieder das Taktieren los, der Versuch, sich aus einem Schwitzkasten zu befreien oder einen Armhebel anzubringen. Die Muskeln sind bis zum Bersten gespannt. Man hört nichts – außer dem Ächzen der Kämpfer, den Anweisungen der Trainer und immer wieder dem dumpfen Klatschen der behandschuhten Fäuste auf den nackten Körpern. Schließlich schafft Sannert es, die "Guillotine" anzusetzen. Sein Gegner bekommt keine Luft mehr und gibt auf.

"Mann gegen Mann: Das ist die ehrlichste Art, sich zu messen", sagt Sannert nach dem Kampf. Das Ganze würde auch brutaler aussehen, als es in Wirklichkeit sei. "Beim Fußball habe ich mich öfter verletzt." Markus von Gradowski, ein Internist und Notarzt, der selbst seit anderthalb Jahren MMA betreibt und zum ersten Mal als Ringarzt mit dabei war, bestätigt dies. Entsprechend unspektakulär fällt seine Bilanz für den heutigen Abend aus: drei blutige Nasen, eine Platzwunde. Ins Krankenhaus muss dafür keiner.



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Fotogalerie: Florian Forsbach

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