Mitschnittsammelstellen: Wo man DJ-Sets im Netz anhören kann

Bernhard Amelung

Auf Internetportalen speichern DJs ihre Auftritte für Fans, die den Gig verpasst haben – und für die Ewigkeit. Bernhard hat haufenweise Link-Tipps für mehr und bessere Musik zusammengestellt.

Vergangen ist der „Summer of Love“, die Blütezeit der hedonistischen Feierkultur der späten 80er Jahre. Auch über die ekstatischen Tanznächte, wie sie zu Beginn der 90er Jahre in berühmt-berüchtigten Clubs wie dem Tresor in Berlin oder dem Omen in Frankfurt stattfanden, ist schon lange der Tag hereingebrochen. Vorbei auch die Zeiten, in denen Liebhaber der elektronischen Clubmusik Samstag für Samstag vor dem Radio saßen und auf Eins Live der Sendung „Treibhaus“ mit Ingo Sänger und Steffen Irlinger lauschten.


Dies alles ist jedoch kein Grund, ein nostalgisches Lamento anzustimmen. Denn die legendären Clubnächte und Radiosendungen aus den Anfangszeiten der House- und Techno-Kultur erwachen im Internet zu neuem Leben. Sie finden in der Netzdatenwelt des Jahres 2011 zeitlich nebeneinander statt, genauso wie die Party vom vergangenen Wochenende. Es bedarf kaum mehr als ein paar Mausklicks, um deren zauberhaftes Flair zumindest für die Dauer einer Aufzeichnung nachzuerleben. Doch wo gibt es die besten Mitschnitte und wie gelangt man an diese? Zwei Internet-Startups, Soundcloud und Mixcloud, leisten den wesentlichen Beitrag für die schnelle Verbreitung von DJ-Sets jeglicher Art. Beiden gemeinsam ist, dass sich ihr Angebot grundsätzlich auch ohne Registrierung wahrnehmen lässt. Wer jedoch selbst Inhalte anbieten, sich mit anderen Nutzern vernetzen, einzelne Beiträge kommentieren oder als Favoriten markieren möchte, muss sich anmelden. Ein eigener Account ist in einer Grundversion gratis. Für einen Jahresbeitrag ab 29 Euro kann dieser um nützliche Extras wie zusätzliche Speicherkapazitäten erweitert werden.

Soundcloud wurde 2007 von den schwedischen Musikproduzenten Alexander Ljung und Erik Wahlforss in Berlin gegründet. Sie richteten sich mit ihrem Portal zunächst nur an DJs und Produzenten. Diese sollten hier eigene Musikstücke einer Vielzahl von Internetnutzern auf einfache Weise vorstellen können.

Vier Jahre später hat sich das kleine Startup zu einer der beliebtesten Transaktionsplattformen für elektronische Clubmusik mit mehr als drei Millionen Nutzern (Stand: Februar 2011) entwickelt. Der Musikaustausch vollzieht sich auf Soundcloud in zwei Richtungen. Zum einen veröffentlichen die Künstler selbst die Aufzeichnungen ihrer Auftritte auf ihrem eigenen Account. Wer wissen möchte, wie beispielsweise der Techno-DJ Jan Krueger spielt oder welche Musik einen in einem Club wie dem Berliner Watergate erwartet, der trägt Namen entsprechend seines Suchwunsches in die Suchmaske der Seite ein. Die einzelnen DJ-Sets sind mit zahlreichen Schlagworten, Genrebezeichnungen oder Künstlernamen markiert.

Zum anderen übernehmen die Soundcloud-User selbst eine Filterfunktion. Sie durchkämmen das Internet und stellen aktuelle Mitschnitte oder alte DJ-Sets auf ihren Accounts zur Verfügung. Adamskis legendäres Eröffnungsset der Sommersaison 1989 auf Ibiza ist genauso erhältlich wie die energiegeladenen Auftritte eines Jeff Mills im Berliner Club Tresor in den 90er  Jahren.
Mixcloud, das 2008 in London gegründet wurde, zeigt sich ähnlich im Aufbau. Auf dieser Plattform kann mit Hilfe von Schlagworten gezielt nach DJ-Sets gesucht werden. Wer Theo Parrish auf dem Sonar Festival 2008 in Barcelona versäumt hat, kann seine Performance online  nacherleben.

Auch hier übernehmen einzelne Benutzer wie zum Beispiel „Techno-Live-Sets“ die Nachforschungsarbeit, sammeln und bündeln Mitschnitte auf ihrem Account wie in einem Online-Archiv. Da Mixcloud jedoch als reines Internetradio lizenziert ist, können veröffentlichte DJ-Sets nicht heruntergeladen werden. Die Stärke der Plattform elektroaktivisten.de liegt in der kompakten Bündelung von Live-Mitschnitten namhafter DJs der Genre House, Techno und Elektro.

Wer Partys in großen Clubs wie dem Cocoon in Frankfurt oder Harry Klein in München versäumt hat, wird hier fündig. Das Angebot ist umsonst. Ein Account muss nicht angelegt werden. Außerdem bietet diese Seite mit Künstler- oder Labelporträts nutzwertige Informationen rund um die elektronische Musik an.

Ein Angebot für die Nerds unter den Clubgängern. Daran knüpft auch play.fm an. Die österreichische Internetplattform fasst Linksammlung, Online-Archiv und Radioshow zusammen. Die DJ-Sets stammen von großen Festivals wie der Time Warp in Mannheim. Da play.fm mit diesen genauso zusammenarbeitet wie mit einzelnen Künstlern oder Radioshows, stammt die Musik hier aus erster Hand.

Zum Schluss noch ein wahrer Geheimtipp: das Sweat Lodge Radio. Diese Plattform wurde angeregt durch die in Berlin ansässigen DJs und Promoter James Bonde und Elie Eidelmann. Sie sendet regelmäßig live aus angesagten Berliner Bars wie dem Maria Peligro, der Soju Bar oder der Paloma Bar. Elie Eidelmanns und James Blondes gute Kontakte tief hinab in den Untergrund der elektronischen Musik gewährleisten ein ausgewogenes Programm, in dessen Rahmen oftmals DJs aus dem Berghain oder Watergate an den Plattentellern stehen. Häufig präsentiert das Sweat-Lodge-Radio-Team auch ganze Label.
Da diese Plattform lediglich als reines Radio lizenziert ist, steigt hier die Angst, eine Sendung zu versäumen. Der Blick auf die Uhr wird wieder wichtig. Wie zu den Zeiten, als Steffen Irlinger und Ingo Sänger die Welt der elektronischen Clubmusik in ihrer Show erklärten.



Link-Tipps:

 
  • Resident Advisor – Das Independent-Onlinemagazin für elektronische Clubmusik wartet wöchentlich mit einem exklusiven Podcast namhafter DJs und Produzenten auf. Ob Legenden wie Laurent Garnier oder Frankie Knuckles, ob aktuell angesagte Künstler wie Caribou oder Mount Kimbie, sie alle waren bereits vertreten.Web - Podcast - iTunes
 
  • Little White Earbuds -  Das unabhängige Nerdblog rund um House und Techno bietet einmal in der Woche einen Podcast eines angesagten DJs an. Besonders beliebt ist die Reihe „Curator’s Cuts“, in der die Blogbetreiber ihre liebsten Platten vorstellen.Web - Podcast - iTunes
 
  • djbroadcast.nl – in dieselbe Richtung zielt auch dieses niederländische Online-Fanzine. House, Techno, Elektro oder Dubstep von Künstlern wie The Revenge, DJ Rush oder Cosmin TRG.
    Web - Podcast - iTunes
 
  • electronique.it – ein Online-Musikmagazin aus Italien. Podcasts zum Download gibt es nur nach Registrierung, dafür stehen dann roher (Detroit) Techno und dergleichen bereit, von internationalen Gast- und italienischen DJs.Web - Podcast
 
  • darkaudio podcast – Darkaudio ist ein Blog aus England, das sich ganz der düsteren, dunklen Seite von House und Techno verschrieben hat. Podcasts kommen hier von DJs wie Oliver Deutschmann, Marko Zenker und vielen weiteren mehr.Web - iTunes'
 
  • Clubberia – japanisches Online-Nerdzine, das über neue Platten, Künstler und Veranstaltungen informiert. Dazu wird eine Podcast-Reihe angeboten, die einen neben bekannten internationalen DJs auch die reiche japanische Szene entdecken lässt.Web - Podcast - iTunes
 
  • CLR Podcast – Musik-Plattform, die mit sehr viel Liebe zu rohem, hartem Techno von Chris Liebing betrieben und mit Musik gefüttert wird. Pflichtseite für Raver, die auf anspruchsvollen Techno abfahren, da Chris Liebing regelmäßig interessante Gast-DJs vorstellt.Web - iTunes
 
  • myhouse-yourhouse.net – für Deep House-Nerds und Liebhaber tiefenentspannter House Musik. Auf dieser Online-Radiostation haben DJs wie Jus Ed oder Scott Ferguson ihre eigenen Shows.Web
 
  • motion.fm – dieselbe musikalische Richtung schlägt das Online-Radio motion.fm ein. Hierauf haben zahlreiche Künstler aus Detroit eine eigene Show.Web - Soundcloud
 
  • FACT magazine – das britische Online-Musikmagazin nimmt seine Leser mit seinem Podcast, der zwei Mal pro Woche erscheint, auf eine Reise durch House, Techno, Elektronika und die reichhaltige Szene der Bassmusik (Dubstep, Grime, Wonky, Future Garage, UK Funky).Web - Podcast - iTunes
 
  • XLR8R – das US-amerikanische Musikmagazin besteht schon seit 1993 und berichtet auf seiner Website über jeden erdenklichen Sound, der zur Zeit angesagt ist. Dementsprechend bunt ist der hauseigene Podcast, auf dem sowohl House- und Techno- als auch Dubstep- oder Disco-DJs zu Wort kommen.Web - Podcast - iTunes
 
  • mnml ssgs – dieser Blog hat seit seinen Anfängen der Beliebigkeit und Belanglosigkeit des Minimal-Techno der Nuller Jahre den Kampf angesagt. Hier gibt es rohen, industriell harten Techno, Ambient und hin und wieder düsteren New Wave / Industrial / EBM-Sound.Web - official.fm
 
  • bleep43 – dem Eklektizismus verschrieben hat sich die Plattform bleep43.com. Die Podcasts  sind genreübergreifend ausgerichtet, enttäuschen dadurch nie.Web - Podcast
 
  • Wax Treatment – Wax Treatment ist eine Veranstaltungsreihe, die dem Umfeld des legendären Berliner Plattenladens Hardwax entspringt. Die gleichnamige Podcastreihe wird von den Resident-DJs gehostet und spannt einen Bogen von Reggae / Dub über Dub Techno / Techno bis hin zu Dubstep und UK Funky.Web - iTunes
 
  • Sonic Router – das Ziel von Sonic Router ist es, Garage, UK Funky, Dubstep und alle Subgenre dieser Musik vorzustellen. Dementsprechend abwechslungsreich fällt auch die Podcastreihe aus.Web - Podcast
 

Mehr dazu:

[Bild 1: dpa; Bild 2: Fotolia]