"Mit Zugang zum Meer wäre Freiburg fantastisch!": Interview mit Street-Art-Künstlerin Subi Roberto aus Miami

Marius Buhl

Drei Tage lang hat die 31-jährige Street-Art-Künstlerin Subi Roberto aus Miami eine Zehn-Meter-Wand an der HKDM bemalt – gut sichtbar von der Eschholzstraße. fudder-Redakteur Marius Buhl hat Subi während des Malens besucht und sie gefragt, wie man glücklich wird:



Subi Roberto steht auf einem orangefarbenen Bauaufzug, den sie mit einem kleinen Hebel selbst steuern kann - hoch und runter kann sie damit fahren. Unten fließt zäh der Verkehr auf der Eschholzstraße, Schaulustige stehen auf dem Radweg und gucken interessiert, was Subi malt.


Oben ist Subis Welt. Zwischen Farbeimern, quer umherliegenden Pinseln und Rollern und einer dröhnenden Musikbox springt sie umher, malt mit schnellen Bewegungen und schwarzer Farbe Pinselstriche an die zehn Meter hohe Wand. Sie scheint dabei zu tanzen, eine Außenwelt existiert für sie nicht. Schon jetzt sind die Grundrisse zweier Ohren zu erkennen.

Subi, was malst du da?

Subi Roberto: Zwei Ohren, die aneinander kleben, das passte so wunderbar in diese Eckwand. Ich werde da ganz viel Gelb reinmalen. Blau und Gelb, damit jeder es sieht.

Sind die Ohren politisch gemeint, als Anspielung auf den Abhörskandal der NSA?

Nein, oh mein Gott. Ich will nichts ausdrücken, nichts. Ich will den Menschen Freiraum zum Denken geben. Was sie darin sehen, bestimmt ihr eigener Kopf, ihre Erfahrungen, ihr Leben. Unsere Gehirne müssen atmen, Kunst muss atmen. Wenn sie das nicht tut, dann ist es Design. Und das ist das Letzte, was ich will.

Und was könnten die Leute darin sehen?

Politisch interessierte sehen vielleicht eine politische Aussage, Kids sehen einfach zwei schöne Ohren. Manche sehen die Verbindung zur Hochschule für Kunst, Design und Populäre Musik (HKDM), es nimmt ja die Themen Sound und Kultur auf. Und der sexuell aufgeklärte Erwachsene sieht vielleicht etwas ganz anderes darin, dazu will ich jetzt aber nichts sagen. Das käme in Freiburg nicht so gut an.

Subi lacht. Subi schreit. Subi umarmt. Subi rennt ein paar Schritte rückwärts, schaut sich das Bild an, malt wieder hektisch. Dann lacht sie wieder.

Ist Freiburg konservativ, was Kunst betrifft?

Sehr, denke ich. Eigentlich wollte ich hier mein Markenzeichen hinmalen, die Faces. Das sind unzählige, namenlose, depressiv dreinblickende, geschlechtlose Menschen, die eine düstere Stimmung verbreiten. Aber dann dachte ich mir: Das geht in Freiburg nicht, da haben dann alle Angst vor. Das spare ich mir für Berlin auf.



Wie unterscheidet sich Freiburg von Miami, wo du herkommst?

Das Wetter ist schon mal das gleiche, zumindest heute. Aber sonst: Miami ist natürlich viel wilder, es gibt tausende Clubs, ein verrücktes Nachtleben, ausgeflippte Menschen, eine moderne Stadt. Freiburg ist da deutlich ruhiger. Dafür sind die Leute hier viel klüger.

Klüger?

Ja, jede Kellnerin spricht hier Englisch. Das ist doch verrückt. Da beneide ich euch so darum, Sprachen sind eine ganz wichtige Sache. Ich wäre gerne gebildeter, das muss ich dringend nachholen. Magst du Sprachen?

Ja. Sehr. Französisch mag ich gerne.

Ihr und die Franzosen. Das finde ich sowieso lustig. Ich habe das Gefühl, in Freiburg werden ständig Witze über die Franzosen gemacht, ständig geht es darum.

Wenn Frankreich nicht wär', läg' Freiburg am Meer.

Ja, genau das meine ich. Aber mal wirklich: Mit Zugang zum Meer wäre Freiburg fantastisch!

Subi ist eine Künstlerin, ihr Auftritt ist stets exaltiert. Ein Gespräch mit ihr ist ein ständiges Wechseln zwischen Lachen und Denken, zwischen aufgedreht sein und stillem Verharren über kleinen Pinselstrichen ihres Kunstwerks. Ein normales Interview ist nicht möglich, es ist ein Gespräch, bei dem sie über den Fortgang entscheidet – und nebenher malt. Vor allem ist es ziemlich anstrengend.

Ist Wände bemalen eigentlich Arbeit für dich?

Nein. Wenn es aussieht wie Arbeit, ist es nicht gut. Es muss wie hundertprozentige Freude aussehen. Mein Kopf muss an einem schönen Ort sein, ich muss mich da wohl fühlen.

Warum hast du dir diese Wand ausgesucht?

Sie ist perfekt. Da unten ist diese Hauptstraße mit den Autofahrern, Radfahrern, Fußgängern. Und alle sehen die Wand. Außerdem ist es eine Eckwand, das ist für mich wie eine Skulptur und davon bin ich total angezogen. Und ich liebe, wie groß sie ist, zehn Meter hoch, glaube ich. Je größer, desto besser.

Immer wieder holt Subi ihr Smartphone raus, das in einer lilafarbenen Hülle steckt. Dann ruft sie ein Foto auf, das sie von ihrem eigenen Ohr gemacht hat. Kurz schaut sie es an, merkt sich Details der Ohrstruktur und beginnt wieder zu malen.



Deine Technik?

Ich verwende keinerlei Rahmen oder so, ich male das frei Hand. Hier habe ich meine Farben und verschieden große Roller - so wie wenn man daheim eine Wand streicht. Nur ich mach ein bisschen was anderes damit. Zuerst musste aber erst mal jemand die Wand weißen.

Hast du das selbst gemacht?

Normalerweise mache ich das, hier habe ich es machen lassen. Ich bin hier wie ein Rockstar aufgekreuzt. Das gefiel mir schon ein bisschen.

Pflegst du dieses Rockstar-Image?

Nein, eigentlich nicht. Das kann man sich erlauben, wenn man zu den Größten gehört. Davor sollte man sich zurücknehmen.

Jan Ehret von Schmitz Katze kommt vorbei, bringt Subi einen Mojito. Die US-Amerikanerin trinkt kurz, hat aber Zahnschmerzen und kann nicht so viel davon trinken.

Als Frau ist man im Kreis der großen Street-Artists ziemlich allein, oder?

Ja sicher. Es gibt da diese eine, sie heißt Swoon, die ist sehr gut. Sonst gibt es aber wenige.

Machst du Kunst von einer Frau für Frauen?

Nein, natürlich nicht! Ich bleibe ganz weit weg von diesem Mädchen-Kram. Wobei: I love boobs! Davon hab ich schon viele gezeichnet! Aber das könnte ich an einer öffentlichen Wand nicht machen, das ginge nicht.

Zwischendurch bringt Subi sich immer wieder für Fotos in Form. Sie legt den Kopf etwas schräg, lächelt mal, schaut dann verträumt, dann verführerisch. Sie spielt das Model, und man sieht, dass ihr das sehr viel Spaß macht.

Ist es als Frau generell schwerer, nach oben zu kommen?

Ja, besonders, wenn du hübsch bist. Wenn du ein hübsches Mädchen bist, musst du doppelt so hart arbeiten wie andere, weil Menschen dich auf das Hübschsein reduzieren. Es geht noch, wenn du süß und reich bist, dann läuft das schon. Aber wenn du arm und schön bist – dann musst du es schon ziemlich gut machen.

Klingt nach harter, kämpferischer Arbeit.

Ja, das war es auch lange. Ich habe sehr viel Zeit darin investiert, wirklich gut zu werden. Aber weißt du, worin ich noch mehr Zeit investiert habe?

Ins Leben?

Ja fast. Ins Glücklichsein, denn das ist der wahre Schlüssel zum Erfolg.

Subi hört nun auf zu malen. Sie nimmt eine scheinbar lässige Haltung ein, aber der konzentrierte Blick und das kurzzeitig verstummte Lachen verraten, dass ihr das Kommende wichtige ist.

Wie wird man glücklich?

Du musst das Glück kreieren. Und da habe ich einen Trick gefunden.

Verrätst du ihn mir?

Ja gerne. Es geht um die Ohren. Du musst deine Ohren gebrauchen, um den richtigen Leuten zuzuhören - die Falschen ziehen dich extrem runter.



Und wie sortiert man die Falschen aus?

Wenn du an dich selbst glaubst, deiner Passion und Begabung folgst und voll darin aufgehst, dann ziehst du die richtigen Menschen damit an; nämlich die, die genauso denken wie du. Die machen einen glücklich. Klingt das verrückt?

Nein, das klingt logisch. Woher hast du den Trick?

Das nennt man wohl Lebenserfahrung. Ich bin jetzt 31, manchmal aber auch 41 oder 21. Mit der Zeit habe ich das gelernt. In der Schule erzählen sie dir nichts davon.

Du liebst, was du tust, oder?

Absolut. Ich werde meine Leben lang Wände bemalen.

Mehr dazu:

Seit dem 13. Mai 2014 zeigt die Galerie M in Riegel kleinformatige und verkäufliche Arbeiten von Subi Roberto. Außerdem hat die Künstlerin bei der Kunsthalle Messmer in Riegel ein fünfmal neun Meter großes Mural gemalt (die Badische Zeitung berichtete). [Foto 1: Michael Bamberger]