Mit zehn Euro bei der Auktion: Kampf um den Koffer

Martin Jost

Am Samstag wurden in der Freiburger Messehalle Fundsachen und liegengebliebene Koffer der Lufhansa versteigert. Der Clou: keiner wusste, was in den Koffern drin ist. fudder-Autor Martin hat ausprobiert, wie viel Wundertüte man für zehn Euro ergattern kann. Ob er erfolgreich war:



„Ich kann das Wort ‚Buggy‘ nicht mehr hören!“, sagt die Frau, die hinter mir sitzt. Mir geht es ähnlich. Die Versteigerung läuft jetzt knapp zwei Stunden und jede zweite Fundsache (gefühlt), die der Auktionator für die Lufthansa losschlägt, ist so eine verdammte faltbare Kinderschubse. Das Publikum in Halle 1 der Freiburger Messe ist mit Buggys gesättigt. Ein roter Buggy ist der erste Posten, der einfach mal nicht wegkommt, für den niemand zehn oder 15 Euro Startgebot aufbietet. Auktionator Martin Clesle bewirbt die Buggys inzwischen als Gepäckwagen, mit denen man einen zuvor ersteigerten Koffer nach Hause rollen kann.


Bis dahin war ich eigentlich sehr gut unterhalten. So eine Versteigerung ist extrem kurzweilig, auch wenn man nicht auf dicke Hose macht. Zum Beispiel Carla ist mitgekommen und hat sich nicht mal eine Bieternummer geholt. Ich habe meinen Ausweis vorgezeigt und fünf Euro Pfand da gelassen für ein gelbes Pappschild, auf dem groß die „234“ steht – meine alte Hausnummer, das ist ein Omen! Mein Plan geht so: Ich setze mir ein Limit von zehn Euro und schaue mal, welchen Koffer oder Rucksack mit unbekanntem Inhalt ich dafür erwerben kann. Und dann stöbere ich ein bisschen in der geheimnisvollen Schmutzwäsche eines Fremden oder finde einen Schatz.

Energie schwappt durch die Halle

Keine Chance allerdings auf ein paar Kilo Heroin oder sonst einen Lottogewinn: Bargeld, datenschutzrelevante Dokumente, verderbliche Waren oder verbotene Gegenstände haben Zoll und Lufthansa entfernt. Und die Koffer wieder zu gemacht. Nicht mal das Auktionshaus weiß, was genau in den Gepäckstücken drin ist.

Dummerweise gehen die meisten Posten gerade mal bei zehn Euro los. Martin Clesle zählt die Gebote so schnell hoch wie er sprechen kann, denn die Halle ist voll, viele Leute müssen stehen, und ganz viele möchten so einen geheimnisvollen Koffer.

Von zehn bis zwölf Uhr konnte man die Gegenstände ansehen, pünktlich zur Mittagsstunde ist die Versteigerung eröffnet. Auf einmal rollt Energie durch die Halle. Clesle fährt die Stimme hoch, stolpert über seine eigene Zunge, weil er so schnell spricht, treibt die Gebote nach oben und sprenkelt seine Rede hier und da mit einem Kalauerchen. Er trägt ein Fliege, die internationale Uniform des Auktionators. Das Publikum, eben noch skeptisch und neugierig, was sie hier wohl erwartet, sitzt auf einmal auf den Stühlen an der Vorderkante, dreht die Köpfe. Und wer nicht bietet, fiebert zumindest mit wie bei einer Verfolgungsjagd im Kino.



Am Anfang steigt der Preis in Euro-Schritten, dann in Zweierschritten, ab ungefähr 50 Euro geht der Preis jeweils um fünf nach oben. Die Gebote werden weniger, dann zählt Clese manchmal schon bis „zum Zweiten“ an und dann hebt sich doch noch irgendwo eine Hand. Zwischen 70 und 130 Euro werden für das durchschnittliche verschlossene Gepäckstück bezahlt. Dazu kommen die Gebühren, die das Auktionshaus einnimmt, und Mehrwertsteuer auf die Gebühr, so dass man auf den Preis jeweils gute 20 Prozent aufrechnen muss.

Skateboard, zwei Krücken, Sonnen- und Regenschirme

Der eine oder andere gräpelige kleine Rucksack fängt mit fünf Euro Startgebot an. Ich male mir aus, dass ich nur warten muss, bis sich die Halle lichtet (und sie wird tatsächlich schnell leerer, denn die meisten, die etwas ersteigern, gehen auch sofort) und ich dann eine Chance habe, mit meinem Budget etwas zu ergattern. Ich schaue noch mal, wie viel Bargeld ich habe. Zehn Euro plus fünf Euro Pfand plus ein paar Münzen. Okay, sagen wir, ich gehe bis 15 Euro mit und die Gebühren finden sich dann irgendwie im Kleingeldfach.

Ein besonderer Posten sind die Bündel aus sperrigen Gegenständen: Skateboard, zwei Krücken, Sonnen- und Regenschirme, zusammen gebunden. 45 Euro. Überraschungs-Box: ein Pappkarton mit dem Inhalt eines kaputt gegangenen Koffers. 70 Euro. Karton voller Schuhe. (Herren-? Damen-? Welche Größen? Man weiß es nicht.) 45 Euro. Badminton-Racket, extra leicht. Gebote bleiben träge. Martin Clesle empfiehlt den Smartphone-Nutzern, den Schläger zu googlen. Der koste neu 190 Euro.

Die laute Frau hinter mir erzählte schon zu Anfang ihren Freunden, dass viele Auktionsteilnehmer extrem gut vorbereitet seien. Die glichen Preise im Internet ab. Das erinnere sie an ihre letzte Tupperparty, wo eine Frau die Verkäuferin ständig mit online recherchierten Preisen für das Plastegeschirr unterbot.

Zwei-Mann-Zelt. 30 Euro. Karton voll „Bücher international“. Immer noch zu teuer für mich. Und Bücher habe ich schon. Eine Kinder-Autositzschale für fünf Euro! Wir kommen meinem Budget endlich näher, aber ich will einen verschlossenen Koffer und keinen Kindersitz.

Leute kaufen iPods, die mindestens viereinhalb Jahre alt sind, für 85 Euro. Na wenn sie meinen. eBook-Reader gehen ganz gut weg dafür, dass so viele Leute sich umdrehen und ihre Nachbarn fragen, was das sei. Martin Clesle spricht „Kindle“ badisch aus statt Englisch. Nokia-Handys sind die absoluten Ladenhüter. Zusammen mit roten Buggys.

Ein Koffer voller Zeugs für 15 Euro

Nächstes Mal komme ich erst nach der ersten oder zweiten Stunde, nehme ich mir vor, denn meine Geduld geht zur Neige. Dabei wollte ich darauf spekulieren, dass die anderen Menschen vor mir auktionsmüde werden. Ein Koffer voller Zeugs für 15 Euro – das war ein schöner Traum. Ich mache mit Carla aus, dass wir beim nächsten Buggy gehen. Ich kann das Wort „Buggy“ nicht mehr hören. Martin Clesle ruft ohne zu zögern einen Buggy zur Versteigerung auf. Wir gehen.

Carla wollte eigentlich nur mal wissen, was in so einem verlorenen Koffer ist. Ich konnte mir keinen leisten, also fragen wir einfach die Leute im Foyer, die sich ansehen, was sie da ersteigert haben.

In Sonjas neuer Reisetasche für 160 Euro stecken zerknitterte, getragene Anziehsachen. Darunter eine völlig abgewetzte und verrissene DSquared-Designerhose (die gehört wohl so) mit Prada-Gürtel. Und ein originalverpacktes Paar Tennissocken. Und ein Sea-Shepherd-Shirt und ein paar grotesk riesige Shorts. „Das passt Papa“, sagt Sonjas Tochter Nora.

Bettina Bauer hat mit ihrer Mutter zusammen gesteigert. Für ihren kleinen Sohn ist ein Disney-Trolley raus gesprungen. Darin: neue Kinderschuhe, Fußballschuhe und lauter T-Shirts in seiner Größe, noch mit den Ladenschildchen. Einen Tag Anziehsachen-Shopping gespart und auch noch Spaß gehabt. Beneidenswert. Wobei ich ja von meiner Warte sagen kann: Ich fand’s lustig, auch ohne Geldausgeben.  

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