Mit Tee, Kuchen und Stricknadeln: Aktivisten versammeln sich gegen Abschiebung von Freiburger Flüchtlingen

Marius Buhl

Vor dem Freiburger Flüchtlingswohnheim in Littenweiler hielten Aktivisten am Dienstagmorgen eine Mahnwache ab. Sie wollten verhindern, dass Freiburger Flüchtlinge nach Serbien und Mazedonien abgeschoben werden. Ob das gelang:



Das Feuer knistert, drinnen schließt ein Mann ein Fenster, keiner spricht ein Wort. Als der braune Kastenwagen anrollt, blicken die 25 Aktivisten kollektiv auf. Sie stehen vor dem Flüchtlingswohnheim Littenweiler um einen brennenden Einkaufswagen. Es ist so gegen vier Uhr morgens.


Die Tür des Vans öffnet sich. Wird da jetzt geschehen, was alle befürchten? Wird gleich ein Einsatzteam der Polizei aussteigen und beginnen, Flüchtlinge wegzukarren? Könnte gut sein - um das zu verhindern ist man schließlich gekommen. Tuscheln, Köpfe recken, Tee-Kanne wegstellen. Doch aus der Tür springt ein Mädchen, läuft einmal um die Kiste herum und öffnet die Kofferraumklappe. Heraus nimmt sie eine große Plastik-Box. “Jemand Kuchen?” Aufatmen.

Am späten Montagabend verschickten Aktivisten Mails und SMS. Übereinstimmender Inhalt: Am Dienstagmorgen, so gegen vier soll es in Freiburg zu Sammelabschiebungen kommen, die Aktivisten haben zu gewaltfreiem "zivilem Ungehorsam" aufgerufen. Es sei davon auszugehen, dass vor allem Roma nach Serbien und Mazedonien abgeschoben werden sollen.

“Was kann denn passieren?”

Sammelabschiebungen um vier Uhr nachts. Man muss nicht besonders links sein, um diesen Satz als irgendwie unheilvoll zu empfinden. Sammelabschiebungen um vier Uhr nachts. Das klingt nach staatlicher Unbarmherzigkeit im Schleier der Dunkelheit. Sammelabschiebungen um vier Uhr nachts. Das klingt nach schwarzgewandten Polizisten, die das Heim stürmen, nach Aktivisten, die sich ihnen in den Weg werfen, nach Linke gegen Polizei. Ob’s heute so weit kommen wird?

“Was kann denn passieren?”, fragt ein junger Kerl seinen älteren Begleiter, der offensichtlich Demo-erfahren ist. “Sperren die uns ein?” Der Demo-Experte glaubt das kaum. “Wenn wir im Weg sitzen, tragen sie uns vielleicht weg. Es kommt aber natürlich darauf an, wie viel Gegenwehr wir leisten.” Ein Mädchen schaltet sich ins Gespräch. “Wir bleiben auf jeden Fall friedlich.” Etwas anderes ist kaum vorstellbar. Die Aktivisten, die sich vor dem Flüchtlingsheim versammelt haben, könnten harmloser nicht aussehen. Sie tragen Wollschals, trinken Schwarztee und essen den Kuchen aus dem Verpflegungstruck - ein Mädel fängt direkt neben dem Feuer an zu stricken.

Dann Aufregung - die Polizei fährt vor. Ein Streifenwagen hält direkt vor der Mahnwache, die zwei Männer im Innern des Polizeiautos blicken lange auf die Aktivisten. “Die Bullen”, flüstert der Demo-Experte, ein anderer, nicht minder erfahrener Aktivist zückt die Kamera und macht Fotos. Die Polizisten bleiben entspannt. Kommen da noch mehr? Geht’s jetzt gleich los? Mitnichten. Die zwei Polizisten blenden kurz den Fotografen mit dem Fernlicht, dann fahren sie los.

Mit Tee und Kuchen gegen die Abschiebung

Das Handy des Demo-Experten klingelt. SMS aus dem Freiburger Westen. Vor dem Flüchtlingsheim in der Hermann-Mitsch-Straße haben sich ebenfalls Aktivisten versammelt - auch dort fuhr eine Polizeistreife vorbei. Das bestätigt auch das Kuchenmädchen, das neben den Heimen in Littenweiler und der Hermann-Mitsch-Straße auch die Bissierstraße und Hagelstauden in St. Georgen beliefert hat - auch dort haben sich Aktivisten versammelt, insgesamt sind es zwischen 140 (Angabe der Polizei) und 200 (Angabe der Aktivisten). “Toll, was wir auf die Beine gestellt haben”, sagt der Experte. Sein jüngerer Begleiter nickt. “Noch Tee?”

Am Feuer stehen, über die Ungerechtigkeiten dieser Welt plaudern, dazu Selbstgebackenes mampfen - und das alles um - inzwischen - fünf Uhr morgens. So schön die Linkenromantik auch ist, sie macht müde. So gegen halb 6, nachdem die Streife ein zweites Mal nach dem Rechten gesehen hat, verlassen die ersten Aktivisten das Lagerfeuer und laufen nach Hause. Hier wird heute niemand mehr abgeschoben. Das bestätigt am nächsten Morgen auch die Polizei. In einer Mail heißt es: “Woher die Befürchtung der Teilnehmer kam, dass Sammelabschiebungen in Freiburg stattfinden, blieb unklar. Für Freiburg waren keine Sammelabschiebungen vorgesehen.”

Das Freiburger Forum gegen Ausgrenzung, das die Mahnwachen mitorganisiert hatte, sah das naturgemäß etwas anders. Es twitterte: "Keine Abschiebung aus Freiburg bekannt bislang! Danke an knapp 200 Menschen bei Mahnwachen an 4 Wohnheimen heute Nacht.” Mit Tee und Kuchen die Abschiebung dutzender Flüchtlinge verhindert - glaubt man dem Freiburger Forum, dann war das eine gute Nacht.

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  [Foto: Marius Buhl]