Mit Sicherheit Verliebt: Medizinstudenten im Aufklärungseinsatz

Tobias Schächtele

Die Freiburger Medizinstudenten Annika Bach (21) und Marco Spehl (21) arbeiten ehrenamtlich für das Präventionsprojekt "Mit Sicherheit Verliebt", bei dem Medizinstudenten in Schulklassen gehen und Aufklärungsunterricht geben. Tobi hat sich das Projekt für fudder erklären lassen.



Worum geht es bei "Mit Sicherheit Verliebt"?

Marco: Mit Sicherheit Verliebt (MSV) wurde 2001 von Medizinstudenten in Rostock gegründet. Mittlerweile machen auch andere Studierende mit. Als Menschen im eher jungem Alter gehen wir an Schulen und helfen den Lehrern, die Schüler aufzuklären, besonders über sexuelle Ansteckungsgefahren – nicht nur über AIDS, sondern auch über Hepatitis, Herpes-Viren, Chlamydien und was es noch alles gibt.

Alle bei MSV haben die Erfahrung gemacht, dass es bei den meisten Schülern wirklich große Lücken gibt. Ich mache mit, weil ich die Initiative für eine sehr gute Idee halte. Wir warnen nicht nur über Krankheiten, sondern vermitteln auch grundlegend, wie man eine Beziehnung führt. Wir sprechen über Sex, und ein ganz großes Thema ist natürlich das erste Mal.

Wie geht ihr auf die Schulen zu?

Annika: Wir schreiben die Schulen regelmäßig an, jedes Semester oder jedes Jahr, und erhalten auch viele Antworten. Wir müssen von selbst auf uns aufmerksam machen, einfach weil das Projekt nicht so präsent ist. Aber sobald wir einmal an einer Schule waren, werden wir schnell gefragt, ob wir den Unterricht nicht noch bei andere Klassen wiederholen möchten.

Ab welcher Klasse klärt ihr auf?

Annika: Am häufigsten haben wir siebte und achte Klassen, insgesamt Schüler von 11 bis 15.

Marco: Wenn wir an ein Gymnasium gehen, sind sie meistens schon ein wenig älter, weil der Sexualunterricht im Lehrplan dort einfach später kommt.

Wie läuft der Unterricht dann ab?

Annika: Wir gehen an einem Vormittag von 8-12 in die Klassen. Meist sind wir zwei männliche und zwei weibliche Betreuer. Der Lehrer ist beim Unterricht nicht dabei. Es ist wichtig, dass die Schüler nur uns als Ansprechpartner haben, damit sie keine davor Angst haben, dass der Lehrer von ihren Fragen erfährt. Wir beginnen zusammen in der großen Gruppe, und innerhalb des Tages teilen wir dann Jungen und Mädchen auf.

Marco: Zu uns als relativ junge Zwanzigjährige können die Schüler einfach ein besseres Verhältnis aufbauen, als zu einem 50-jährigen Biologielehrer oder zu den Eltern.

Annika: Wir haben ein Repertoire an Spielen, beispielsweise das Sex-ABC. Wir schreiben Buchstaben an die Tafel und die Schüler dürfen alle Wörter reinwerfen, die ihnen zu den jeweiligen Buchstaben einfallen. Diese Begriffe erklären wir dann erstmal. So können wir ein wenig mit dem Lernen spielen. Im Vorfeld teilen wir auch Fragebögen aus, und die Schüler beantworten uns, ob und wie sie aufgeklärt worden sind, welche Interessen sie haben, was sie von uns hören möchte. Wir stimmen das Programm auf diese Bögen ab. Wenn wir fertig mit dem Unterricht sind, dürfen die Schüler noch einmal aufschreiben, was ihnen gefallen hat und was nicht.

Welche Lücken sind den besonders eklatant?

Marco: Es tendiert von Schule zu Schule. Meine persönliche Erfahrung ist, dass auf Hauptschulen viel mehr Pseudowissen kursiert. Vor allem durch Pornografie. Man kommt ja heute im jüngsten Alter an alles ran. Einer in der Klasse hat immer einen Pornofilm auf dem Handy und fragt dann: "Ich hab das und das gesehen, wie funktioniert denn das?" Da besteht natürlich Aufklärungsbedarf. Ist das Realität, was man im Pornofilm sieht? Wir müssen immer zuerst abklären: Es gibt Pornografie, und es gibt die Realität.

Was den Schülern sehr wichtig ist, ist das erste Mal. Viele hatten noch nie Geschlechtsverkehr, besonders die Mädchen. Über Verhütungsmethoden wissen viele überhaupt nichts. Manche glauben, dass ein Tampon vor Schwangerscahft schützt. Das ist Pseudowissen, aus der Bravo, Blödsinn wie: "Wenn man Analsex hat, kann man nicht schwanger werden!" Die Schüler schnappen einfach Dinge auf, die sie nicht einordnen können. Und da kommen wir ins Spiel.

Nehmen die Schüler das Thema ernst genug oder lachen sie darüber?

Marco: Es wird viel gelacht! Besonders in dem Alter ist Sex halt ein Thema, auf das eher zurückhaltend reagiert wird. Da wird es schnell lustig. Die Schüler dürfen und sollen auch lachen, aber man darf sich nicht gegenseitig auslachen, das ist ein ganz großes Muss. Es gibt keine blöden Fragen. Wenn jemand etwas nicht weiß, darf er fragen. Ansonsten ist die Stimmung in den Klassen eher ruhig. Viele sind aufmerksam und interessiert. Ein Klassenclown ist natürlich immer dabei, der schon die größten sexuellen Erfahrungen gesammelt hat und damit rumprahlt. Aber grundsätzlich sind die Schüler sehr interessiert und nehmen viel mit – hoffe ich mal.

Wie seid ihr zu Mit Sicherheit verliebt gekommen? Werbt ihr Leute an?

Annika: Wir werben viel in den Semestern unter uns an. Wir gehen in Vorlesungen und stellen das Projekt vor. Wir versuchen mittlerweile auch Leute aus anderen Fachrichtungen anzuwerben. Wir haben beispielsweise jemanden, der soziale Arbeit macht und jemanden von der katholischen Fachhochschule. Aber es fehlt uns durchaus noch an Nicht-Medizinern. Es wäre schön, wenn eine Mischung 'rein kommt.



Erinnert ihr euch an eine besonders lustige Situation?

Marco: Die gibt es bei jedem Besuch. Es macht uns auch unglaublich Spaß, man hat immer was zu lachen – was natürlich nicht böse gemeint ist. Jede Klasse, jedes Kind ist unterschiedlich, man erlebt immer was anderes. So kommt Leben rein. Man hört und sieht einiges. Es gibt zum Teil wirklich krasse Fragen wie "Mein Freund hat mir erzählt, wenn ein Mädchen Sperma schluckt, kriegt es große Brüste. Stimmt das?" Wir bekommen viele typische Doktor-Sommer-Fragen.

Habt ihr nach getaner Arbeit das Gefühl, etwas erreicht zu haben?

Annika: Das ist manchmal nicht so einfach, da es immer vier oder fünf Schüler gibt, die laut sind, und sehr viele, die ganz zurückhaltend sind und sich nicht wirklich trauen, da reinzureden. Da überlegt man schon manchmal, ob die Infos bei denen angekommen sind. Aber man kann sie natürlich nicht zwingen, sich einzubringen. Andererseits bleibt bei den ruhigeren sicher mehr hängen.

Wo können sich die Schüler informieren, wenn ihr weg seid?

Annika: Wir haben unglaublich viel Infomaterial, Hefte über sexuelle Aufklärung in allen möglichen Sprachen, zum Beispiel Türkisch – gerade an der Hauptschule gibt es viele ausländische Schüler. Der Tisch, auf dem wir das auslegen, ist am Ende meist ziemlich leer. Außerdem verteilen wir auch unsere E-Mail-Adressen und die der Pro Familia, wo sie sich eben weiter informieren können.

Marco: Manchmal werden wir auch nach den Adressen von Frauenhäusern in Freiburg gefragt.

Annika: Ja, mich hat neulich jemand richtig interessiert gefragt, ob es hier Mutter-Kind-Häuser gibt und wie man dort unterstützt wird. Es gibt also nicht nur "primitive", sondern auch ernsthafte Fragen. Man erwartet irgendwie nicht, dass so etwas wie Mutter-Kind-Häuser wirklich relevant für die Schüler sein könnte. Jedenfalls sind die Gymnasiasten meist schon ernster, sehr zurückhaltend und aufgeklärt, während es an den Hauptschulen eher chaotisch zugeht. Es gibt an den Hauptschulen auch Muslime, denen die Eltern nicht erlauben, an einem solchen Unterricht teilzunehmen, und das finde ich schade.

Lernt auch ihr manchmal was Neues?

Marco: Wir besuchen viertägige Seminare, in denen uns Methoden beigebracht werden, wie man den Kindern das Thema am besten vermittelt. Es gibt sozusagen eine Grundausbildung und zusätzlich weiterführende Workshops, in denen wir etwas über Sozialpädagogik lernen, darüber, wie wir die Jugendlichen erreichen können. Speziell über die Krankheiten werden wir tiefgreifender aufgeklärt – wie AIDS und Hepatitis funktionieren und wie wir das den Jugendlichen nahebringen können. Man lernt nie aus. Von mal zu mal wird man besser.

Annika: Manchmal kommen schon Fragen, die man nicht genau beantworten kann. Das sagen wir dann auch offen und schauen, ob jemand anderes Bescheid weiß. Es gibt also durchaus Fragen, bei denen man selbst ins Grübeln kommt.

Marco: Eine Frage, die ich nicht beantworten konnte, war: "Wo kommt AIDS eigentlich her?" Irgendwas hatte ich noch im Hinterkopf, mit Affen, aber ich hätte nochmal nachschauen müssen. Andere Fragen beziehen sich auf irgendwelche Stellungen aus dem Kama Sutra, der Mistkäfer oder sowas in der Art (lacht). Das kann ich dem Kind dann auch nicht erklären.

Annika: Oder "Wie lange darf man in der Schwangerschaft noch Sex haben?". Genau wusste ich das auch nicht.

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