Mit Senioren im Internet: Komm', wir gehen Surfen!

Nina Braun

Das Internet – ein Tummelplatz nur für die Jugend? Von wegen! Die Senioren erobern das Netz: Immer mehr Online-Portale richten sich speziell an die 50plus-Generation. Allerdings nutzen Senioren das Internet völlig anders als Jugendliche. fudder hat mit der Lehrerin Margit Fischbach (58), Mitbegründerin der Portale seniorentreff.de und zum.de (Zentrale für Unterrichtsmedien), und dem Schüler Joachim Schillinger (16) gesprochen und verglichen.



Hand aufs Herz: Googlen Sie andere Leute?


Margit Fischbach:
Manchmal. Wenn ich etwa eine E-Mail bekomme von jemandem, den ich nicht kenne, schaue ich nach, was ich im Internet über ihn finden kann.

Joachim Schillinger:
Bei uns läuft das vor allem über Schülervz. Da sind sicher 90 Prozent der Schüler unserer Schule drin.

Was nutzen Sie beide sonst häufig im Internet?

Joachim Schillinger: Ich sammle Informationen für die Schule, steigere bei Ebay, spiele Onlinespiele. Am häufigsten nutze ich das Internet wohl zur Unterhaltung und zwar vor allem YouTube, um mir dort Musikvideos anzusehen. Außerdem nehme ich TV-Sendungen übers Internet auf.

Margit Fischbach:
Für mich steht die Information im Vordergrund. Ich besuche zum Beispiel Seiten wie Wikipedia, Spiegel-Online und viele Seiten für den Unterricht. Reine Unterhaltungsseiten wie YouTube nutze ich nur selten. Auch beim Seniorentreff geht es vor allem um Politik, soziale Fragen oder Umweltschutz. Wie ist das bei euch Jugendlichen, seid ihr tatsächlich in virtuellen Welten unterwegs?

Joachim Schillinger:
In Online-Rollenspielen, ja. Da läuft man quasi durch eine grafisch-animierte Welt und trifft sich mit anderen realen Personen. So lernt man auch neue Leute kennen.

Frau Fischbach, Sie haben vor etwa zehn Jahren mit Ihrem Mann die Seite seniorentreff.degegründet. Warum eine Seite speziell für Senioren?

Margit Fischbach: Der Anteil der Senioren im Internet wächst. Gerade für ältere Leute, die nicht mehr so mobil und aktiv sind, ist es ein tolles Medium. Viele haben Probleme mit dem Laufen, gehen dann kaum noch weg und verlieren Freunde. Im Netz können sie neue Kontakte knüpfen, sich zum Themen-Chat verabreden oder zum Rätselabend. Die Schrift auf Seniorenseiten ist oft extra groß gehalten, auf Wunsch kann das Geschriebene vorgelesen werden. Die Nutzer treffen sich auch außerhalb des Internets, es entstehen Freundschaften und Partnerschaften. Auf diese Art haben sich schon viele gefunden.

Kann nicht diese Chance der Älteren – nämlich online zu kommunizieren und Anschluss zu finden – gerade für Jugendliche zur Gefahr werden? Dass sie sich vielleicht durch Rollenspiele oder Spiele wie Second Life zurückziehen und vor der realen Gesellschaft verschließen?


Joachim Schillinger:
Ich würde eher sagen, man geht in eine andere Gesellschaft hinein. Wir spielen ja durchaus mit echten Personen zusammen.

Margit Fischbach:
Ich kann mich erinnern, dass ich früher manchmal Leseverbot hatte, weil meine Eltern befürchteten, ich würde zu sehr in den Büchern verschwinden. Es war eben diese Angst, jemand lese nur noch, gehe nicht mehr raus. Heute ist es mit dem Internet ähnlich. Es kann, muss aber nicht süchtig machen. Problematischer finde ich, dass gerade Jüngere schon so vertrauensvoll mit dem Netz umgehen, dass sie gar nicht merken, wie sie zum gläsernen Menschen werden. Meine Schüler etwa sind alle im Schülervz, und es ist den wenigsten bewusst, wie viel sie da von sich preisgeben.

Joachim Schillinger:
Man hört Geschichten, dass Firmen da reinschauen, um sich das Profil eines Bewerbers anzusehen. Ich habe im Internet schon so viele Profile angelegt, dass ich sicher einige wieder vergessen habe. Manchmal frage ich mich, wie das ist in 20 Jahren, wenn diese Informationen immer noch im Netz sind.

Margit Fischbach:
Im ZUM-Forum bitten Leute öfters darum, etwas zu löschen, was sie vor einigen Jahren geschrieben haben – weil es ihnen inzwischen peinlich ist.



Sind ältere Nutzer vorsichtiger?  

Margit Fischbach: Ich fürchte, nein.

Joachim Schillinger: Meine Großmutter schon. Sie nutzt das Internet deshalb nur über mich. Wenn sie mal eine Telefonnummer braucht oder etwas über Ebay kaufen will, ruft sie mich an, und ich muss das dann im Internet unter ihrer Anleitung machen. Sie wohnt 200 Kilometer weit entfernt in der Pfalz und dann heißt es etwa: „Such doch mal raus, wie lange das Museum in Speyer noch offen hat.“

Was passiert beim Seniorentreff mit dem Account von Verstorbenen?

Margit Fischbach: Manchmal meldet sich jemand plötzlich nicht mehr, dann kommen Fragen auf. Man weiß aber nicht immer, was passiert ist. Wenn wir über Bekannte im Forum von einem Sterbefall erfahren, wird das Profil entweder gelöscht oder mit einem entsprechenden Vermerk als Erinnerung stehen gelassen.

In Internet-Foren und bei uns auf fudder.de geht es aufgrund der Anonymität auch mal härter zur Sache. Diskussionen können schnell in Beleidigungen ausarten. Sind Senioren da abgeklärter?

Margit Fischbach: Überhaupt nicht. Es gibt häufig Streit, wie im richtigen Leben. Der Seniorentreff hat aber noch ein relativ gutes Niveau, weil wir eben auch eingreifen. Wenn jemand andauernd beleidigt, beschimpft oder rassistische Äußerungen macht, wird sein Zugang gesperrt.

Ist ein Alltag ohne Internet überhaupt noch denkbar?

Joachim Schillinger: Das wäre grausam! Ich verbringe schließlich drei bis vier Stunden pro Tag im Internet.

Margit Fischbach:
Vorstellen kann ich mir das schon, aber es würde alles sehr viel schwieriger. Wir haben uns im Studium mühsam ein Meyers-Lexikon zusammengespart. Jetzt überlegen wir, es aus dem Regal zu verbannen. Im Netz geht einfach alles schneller.