Mit Mormonen auf Mission

Ruben Sakowsky

"Entschuldigung? Darf ich Sie einen kurzen Moment anhalten? Ich würde Sie gern fragen, was Glauben in ihrem Leben bedeutet.” Der Mann, der diese Frage stellt, heißt Jürgen Döring (24). An diesem Nachmittag wird er noch viele Menschen anhalten, die in der Freiburger Fußgängerzone unterwegs sind.



Während Döring die Passanten in ein Gespräch über Gott und die Welt verwickeln will, steht einige Meter entfernt sein 20-jähriger Kollege Ben Richeson und verteilt Flyer über Jesus Christus und den Wert der Familie. Döring und Richeson sind für ihre Kirche auf Mission.


Ihre Kirche hat den sperrigen Namen “Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage”, ihre Anhänger sind besser bekannt als Mormonen. Dieser Spitzname beruht auf dem so genannten Buch Mormon, das die Mormonen neben der Bibel als heilige Schrift verehren. Die Mormonen glauben daran, dass eine Gruppe israelitischer Auswanderer um die Zeit von 600 vor bis 400 nach Christus Amerika besiedelten. Das Buch Mormon schildert ihre Geschichte und die Erscheinung des wiederauferstandenen Jesus in Amerika.



Der 1805 im amerikanischen Vermont geborene Joseph Smith stieß nach eigenen Angaben auf die überlieferte Schrift in Form goldener Platten und übersetzte sie mit Hilfe magischer Steine ins Englische. Daraufhin gründete der selbsternannte Prophet 1830 die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Heute ist die mormonische Kirche mit nach eigenen Angaben über 13 Millionen Mitgliedern eine der am schnellsten wachsenden Glaubensgemeinschaften der Welt. Das liegt vor allem an den über 50.000 Missionaren, die auf der Erde unterwegs sind.

Die Kirche legt großen Wert darauf, dass ihre Missionare einen guten Eindruck machen. Ihnen ist daher ein strenger Dresscode vorgeschrieben. So treten Döring und Richeson auf, wie man sich die perfekten Schwiegersöhne vorstellt: Sie tragen frisch gebügelte Hemden, Anzughosen, feine Lederschuhe und altmodische Krawatten.



Sie sind ordentlich rasiert und haben gepflegte Haarschnitte. Sie sind äußerst freundlich und zuvorkommend, lächeln derart herzlich und oft, dass man sie in ihrem etwas biederen Dress auch für zwei frisch verliebte Konfirmanden halten könnte. Die Charmeoffensive zeitigt Erfolg: Rund ein Drittel der Menschen, die Döring und Richeson an diesem Nachmittag ansprechen, lässt sich auf ein Gespräch ein.

Döring wirkt dabei eher wie ein professioneller Vertreter als ein Mann des Glaubens: Er strahlt, lächelt, lacht herzlich und ist ausgesprochen höflich. Auf jede kritische Frage des Gegenübers folgt sofort ein begeistertes Kompliment: “Das ist eine wirklich gute Frage!” Der aus der Nähe von München stammende Döring will den Menschen das Gefühl geben, gut aufgehoben zu sein und ernst genommen zu werden.

Richeson hingegen wirkt noch etwas schüchtern im Umgang mit den Passanten. Deutsch, die Sprache, mit der er Menschen für seinen Glauben gewinnen möchte, ist ihm fremd. Der hagere US-Amerikaner kommt aus der kleinen Stadt Ogden im Bundesstaat Utah, in dem ein Großteil der Bevölkerung mormonischen Glaubens ist. Auch Richesons Eltern sind Mormonen, mit acht Jahren ließen sie ihn taufen. Dass er wie viele seiner Bekannten auf Mission gehen möchte, war dem heute 20-jährigen bereits als 16-jährigem Teenager klar.



Nach der Schule studierte er für ein Jahr an der Universität und bereitete sich auf seine Missionszeit vor. Zu dieser Vorbereitung gehört neben dem intensiven Bibelstudium, einem Sprachkurs und einer Missionarsschulung auch, genügend Geld für die zweijährige Missionszeit zu sparen, denn diese wird von der Kirche nicht vergütet. Zudem müssen die Missionare für ihre Reisekosten, den Unterhalt und ihre Uniform selbst aufkommen. Um sich seinen Missionsdienst leisten zu können, verkaufte Richeson sein Auto, zusätzlich wird sein Aufenthalt in Deutschland finanziell von seiner Familie unterstützt.



Richeson ist das erste Mal in Europa. Dass er nach Deutschland kommen würde, wusste er bei seiner Meldung für den Missionsdienst nicht. Der Einsatzort wird den Missionaren von der Kirche zugewiesen. Allein fühlt sich der Amerikaner im fremden Land nicht, seit seiner Ankunft wird er Tag und Nacht von einem Kollegen begleitet, mit dem er alles gemeinsam unternimmt: Mit ihm teilt er ein Zimmer, steht jeden Tag um 6:30 Uhr auf, studiert die heiligen Schriften der Mormonen und begibt sich anschließend bis 21:30 Uhr auf Missionsarbeit.

Dazu gehören Hausbesuche bei Interessierten, Bücherstände in der Innenstadt, das Klinkenputzen und das Ansprechen von Leuten auf der Straße. Oft haben die Missionare dabei mit Schwierigkeiten zu kämpfen: “Obwohl die meisten Leute sehr freundlich sind, verhalten sich einige uns gegenüber recht ablehnend, oft werden Vorurteile an uns herangetragen. Manche Menschen versuchen auch, uns von unserem Glauben abzubringen”, sagt Döring. Dennoch mache ihm die Missionsarbeit großen Spaß und biete viele Erfolgserlebnisse: “Eben habe ich einer Frau das Buch Mormon geschenkt. Sie war beinahe zu Tränen gerührt. Solche Momente sind es, die einen motivieren.”



Während der Missionszeit sind den Missionaren strenge Regeln vorgeschrieben: Sie dürfen weder rauchen noch Alkohol zu sich nehmen, auch Tee und Kaffee sind ihnen untersagt. Fernsehen ist ebenso wenig erlaubt wie das Lesen von Büchern und Zeitschriften, die von der Kirche nicht freigegeben wurden.

Freizeit haben die Missionare nur einmal in der Woche. In dieser Zeit sind sie angehalten, ihre Hausarbeit zu erledigen, Briefe an Verwandte zu schreiben und ungefährlichen Sport zu treiben. Engere Kontakte mit dem anderen Geschlecht, Flirts und Verabredungen sind tabu.

Auch Telefongespräche in die Heimat sind den Missionaren höchstens zwei Mal im Jahr erlaubt, der Kontakt mit daheim gebliebenen Partnern ist nicht gestattet. Aus diesem Grund ist unter anderem auch die Beziehung Dörings zu seiner Freundin gescheitert. Die beiden trennten sich, während er auf Mission war.

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