Mit Krücke im Outback

Lilian Kaliner

Lilian und Patrick dachten schon, ihre Reise ohne Beeinträchtigung der Gesundheit zu überstehen. Dann verdreht sich Lilian beim Sprung aus dem Auto den Fuß. Eine schmerzhafte Erfahrung. Und dann macht auch noch der Bus schlapp.



Es war dunkel und ich wusste nicht, dass wir an einem Randstein geparkt hatten. Leider bin ich so schwungvoll aus dem Auto gesprungen, dass es mehr als nur eine Verstauchung ist. Am nächsten Morgen konnte ich nicht mehr auftreten und der Fuß wurde blau.


Um den nächsten Arzt zu konsultieren, mussten wir 270 Kilometer bis kurz vor Adelaide fahren. Irgendwie schwante uns bei dieser Entfernung schon, dass es hier mit der Krankenversorgung ganz anders ist als bei uns. Von unserer tasmanischen Freundin, die angehende Krankenschwester ist, hatten wir bereits gehört, es gäbe keine ausreichende Versorgung. Nun ja, ich war ja nicht lebensbedrohlich verletzt und glaubte zu diesem Zeitpunkt noch an eine Verstauchung. Pustekuchen! Der Arzt machte eine Röntgenaufnahme. Gebrochen war nichts, doch er meinte, es sei was an den Bändern und an der der Kapsel. In Deutschland hätte man vielleicht eine Computertomografie gemacht und genau gesehen was es ist. So was gibt es hier fast nirgendwo.



Der Arzt sagte, ich könne mindestens zwei Wochen gar nicht laufen und danach sollte ich Krankengymnastik machen. Krücken konnte er mir keine geben, weil ich ja kein Australier sei. Dafür bekam ich ein Merkblatt mit Zeichnungen, die zeigen, wie ich meinen Fuß behandeln soll (kaltes Wasser, Verbände etc).

Am nächsten Tag konnten wir Krücken beim Roten Kreuz mieten und die ersten Tage hat mich Patrick jeden Meter getragen.

Das Ganze ist natürlich unheimlich ätzend, wenn man im Bus lebt und dann gar nichts mehr machen kann. Tagelang habe ich die Welt nur noch durch die Windschutzscheibe gesehen. Das Tragen zur Toilette oder auf eine Sitzbank war für Patrick ja noch in Ordnung. Doch als ich mit der Idee kam, mich in einen Einkaufswagen zu setzen und ihn so beim Einkauf zu begleiten, hat er sich dann doch geweigert. Zur Wiedergutmachung gab es in den letzten zwei Wochen etliche Ausflüge zum Adelaider Ikea, denn dort gibt es Rollstühle für Fälle wie mich.

Inzwischen ist mein kleiner Unfall schon über zwei Wochen her und ich kann wieder ein wenig laufen. Trotzdem ist es immer noch saudoof, weil mir auf Sand oder unebenem Gelände irgendetwas im Fuß verrutscht. Abenteuer kann man so leider nicht bestehen. Dass ich in Deutschland auf jeden Fall noch mal zum Arzt muss, ist klar.



Immerhin war ein Ausflug ins Outback drin und ich bin ein paar Meter in die Pampa gehumpelt, um sagen zu können, ich sei da gewesen. Die Weite ist sehr beeindruckend. Wir hatten sogar den seltenen Anblick einen Regenschauers im Outback zu erleben, dort, wo gerade die schlimmste Dürre Australiens seit 25 Jahren herrscht. Die rote Erde wurde plötzlich ganz dunkelrot.

Fußbedingt haben wir in den letzten zwei Wochen so gut wie nichts erlebt; außer einem Ausflug in den kleinen Ort Hahndorf, der einst von deutschen Siedlern gegründet wurde. Dort bekamen wir nach sieben Monaten Australien endlich eine schwer vermisste Brezel. Die haben wir unter bayrischer Flagge und mit Heimatmelodie genossen. Lustig, was typisch deutsch sein soll.

Zeitgleich mit meinem Fuß musste auch unser Bus in die Werkstatt. Ein Radlager war kaputt und wir konnten von einer Minute auf die andere nicht mehr bremsen und nur noch im Schneckentempo fahren. Patrick, selbst Fahrzeugtechniker, stand fassungslos mit dem örtlichen Mechaniker davor. Beide konnten nicht fassen, wie zerbröselt das Radlager war.

Es hatte sich anscheinend innerhalb weniger Kilometer nahezu aufgelöst. Nachdem wir in den letzten Wochen nach einem Loch im Kühlschlauch mit dampfendem Motor in Tasmanien standen, eine neue Lichtmaschine bekommen hatten, die Tachowelle brach und wir tagelang ohne Geschwindigkeitsanzeige herumgefahren sind, haben wir nun eingesehen, dass unser Bus etwas altersschwach ist.

Nach jeder Fahrt auf unbefestigtem Grund quietscht es überall und neben den aufgeführten größeren Unglücken hat Patrick schon unzählige Kleinigkeiten repariert, mit sehr wenig Werkzeug.

Jeder Backpacker, den wir kennen, hatte ähnliche Probleme. Die Backpackerautos sind einfach alt. Bei zwei Bekannten ging gleich der ganze Motor hops und vor kurzem mussten zwei deutsche Freunde auf dem Weg nach Perth abgeschleppt werden.



Wir trafen schweren Herzens die Entscheidung, nicht nach Perth zu fahren. Von Adelaide aus 2700 Kilometer durchs Nichts, mit kaum einem Ort dazwischen, das ist uns zu riskant. Wir fahren nun zurück nach Melbourne. Noch einmal Great Ocean Road und tolle Strände, ich glaube es gibt Schlimmeres. In Melbourne wollen wir dann auch das Auto verkaufen und noch ein paar Wochen Stadtleben genießen.

Wir hätten gerne die Strecke nach Perth auf unserer Erinnerungslandkarte eingezeichnet, doch wir sind auch so bis zum heutigen Tag schon über 20 000 Kilometer durch Australien gefahren. Wir lassen nun einfach alles auf uns zu kommen und ich hoffe, dass mein Fuß bis Melbourne wieder fit ist, um die Zeit dort auch richtig nutzen zu können.