Mit Kampf und Krampf zum nächsten Heimsieg - Eine Spiel(er)analyse

Dirk Philippi

Nach Verlängerung haben die Wölfe Freiburg, Tabellenzweiter der Eishockey-Oberliga, gestern Abend ihr Heimspiel gegen Peiting nach 1:3-Rückstand noch 4:3 gewonnen (Foto: ice-wolf.de). Trainer Salmik stellte sich nach einem unschönen, aber spannenden Spiel vor seine Mannschaft und lobte den Teamgeist. fudder hat derweil auf die einzelnen Akteure geschaut (mit Video der Pressekonferenz).



Nach Spielende appellierte Petr Salmik: „Man darf nicht immer alles negativ sehen – man muss das Team jetzt auch einmal loben!” Ein Aufruf, der vor den schweren Spielen der nächsten Wochen ehrenwert und gut verständlich ist, dem man allerdings nicht ganz ohne Sorge nachkommen kann. So basierte der letztliche Erfolg eines ansprechenden Team-Kampf-Engagements, nicht auf der eigentlichen Leistung aller Einzelspieler. Zwar ackerten sich die Freiburger nach einem 1:3-Rückstand und zahlreichen vergebenen Torchancen in „Playoff-Manier“ (Salmik) zurück in die Partie, doch zu offensichtlich war gestern das gewaltige Leistungsgefälle innerhalb des Aufstiegsaspiranten. Eine größere Ausgeglichenheit scheint das Primärziel vor der Endrunde zu sein.


Aus gegebenem Anlass eine situative Einzelkritik:

TOR

Ronny Glaser

Der frisch vertragsverlängerte Wölfe-Goalie war auch gegen Peiting der benötigte solide Rückhalt der Mannschaft. Einige (bekannte) Wackler machte er mit guten Aktionen wieder wett. Mehr verlangt man nicht von einem Oberliga-Torwart. Glaser spielt ziemlich konstant das, was ein Team mit Blick nach oben benötigt.

ABWEHR

Jeff White

Der Kanadier hat nach miserablem Saisonstart mittlerweile in das Team gefunden. Der Scharfschütze ist beweglich und engagiert, er spielt einen ordentlichen Pass und traut sich etwas zu. Allerdings wirkte White auch gestern Abend teils konfus und unsortiert. Beim 1:2 ließ er zum x-ten Male einen Mann in seinem Rücken skoren. Dabei ist White ein wichtiger Spieler in der Wölfe-Abwehr, der lediglich noch etwas mehr Ruhe und Konzentration in sein Spiel bringen sollte. Hektik schadet sowohl seinem Zweikampf- als auch Schussverhalten.

Turo Virta

Der Wölfe-Sprecher Holger Döpke sagte es so: „Heute hat Turo seinen Auftritten die Krone aufgesetzt!“ Zwar waren diese Worte aus der Emotion heraus gesprochen und doch mag man Döpke nicht widersprechen. Bei Virtas Zweikampf-Statistik hätte man die Spalte mit dem „+“ getrost streichen können, seine Pässe kamen teils über 4 (!) Meter nicht auf die Kelle des Mitspielers, bei seinen unbedrängten Schüssen bohrte er dem Gästegoalie drei bis sechs neue Baubelnabel und im Powerplay wirkte der Finne so selbstsicher wie Hans Zach in einem Fahrstuhl mit Adam Nittel. Wären die Auftritte Virtas nicht schon über Wochen hinweg so unterdurchschnittlich, man könnte meinen, dass auch er nur auf den Ersatz wartet um woanders die Schuhe zu schnüren. Dem Beobachter kann sich der Eindruck jedenfalls nicht verwehren, dass ein möglicher Trade auch für den noch jungen Virta einer Erlösung gleich käme. Übrigens soll die definitive Entscheidung, ob der gewünschte deutsche Verteidiger nun kommt oder nicht, am Montag fallen.

Daniel Ketter

Was man bei Daniel Ketter nicht vergessen darf: Er ist 22 Jahre jung und spielt erst seine dritte Profisaison. Dafür leistet der stille Schufter gute und solide Arbeit. Ketter macht seinen Job und das aufgrund des skandinavischen Ausfalls an seiner Seite weit über Anspruch.

Petr Bares

Der Deutsch-Tscheche kam nicht gut in die gestrige Partie und sein Schicksal glich etwas dem seines Fast-Namenvetters Petr Mares: Licht und Schatten wechselten sich ab wie bei einem Disco-Laser. Seine ersten beiden Strafzeiten führten beide zu Gegentoren, und doch lieferte er zu zwei Toren eine Vorlage. Bares lässt sich teilweise von White´s Hektik anstecken, was er in Zukunft tunlichst unterlassen sollte. Petr Bares ist der erfahrenste Spieler der Wölfe und sollte dies noch mehr vorleben. Im Sturm und Drang der Aufholjagd ein unbedrängtes Icing zu nehmen, ist jedenfalls nur schwer erklärbar und sollte ein Ausrutscher bleiben. Wichtig genug sind Bares und seine guten Pässe für die Mannschaft.

Manuel Neumann – Marcel Koch

Wie bei ihren stürmenden Youngster-Kollegen müssen sich auch diese beiden auf ihre eigentliche Arbeit besinnen. Niemand im weiten Wölfe-Oval erwartet irgendetwas Besonders von den jungen Defendern – unverständlich warum sie sich dann selbst immer wieder durch „Hacke-Spitze-Eins-Zwei-Drei“ in Bedrängnis brachten und bringen. Neumann ist dabei noch der bessere Koch, dem allerdings auch ein Premierenbonus zugestanden werden muss.

ANGRIFF

Petr Mares:

Der Wölfe-Topskorer prägt das Spiel seines Teams. Gestern verschuldete er hochnäsig den 1:1-Ausgleich, vergab einen Penalty recht kläglich und semmelte einige Scheiben auf des Gegners Kelle. Andererseits aber war Mares an allen Freiburger Treffern beteiligt und erst als der „Mad Dog“ nach seiner zehnminütigen Disziplinarstrafe zurückkam, begann die Aufholjagd in Schwung zu kommen. Petr Mares spielt ungeheuer effektiv und seit jeher brutal emotional. Letzteres ist nun verantwortlich dafür, dass er am Sonntag gegen Bad Tölz wegen seiner dritten 10-Minuten-Strafe (Meckerei nach Prügelei) pausieren muss, genauso aber konnte Mares mit seinem Auftreten zumindest einige seiner Mitspieler mitreißen. Den Fight mit Peitings Doug Orr kommentierte Coach Salmik: „Der Orr hat lange provoziert, schon in Peiting. Der hat es wohl einfach mal gebraucht! Nur die Klappe muss Petr halten!“ Freiburgs Offensivpower steht und fällt momentan mit Petr Mares und das so gefährlich wie sehenswert.

Tomas Kucharchik

Kucharchik, der Weltmeister, ist das Gehirn. Der Tscheche sieht seine Mitspieler, passt genau und findet für seine Scheiben immer öfter auch selbst den Weg ins gegnerische Netz. Eigentlich unvorstellbar, wie sich der Alt-Internationale in Deutschlands dritter Liga noch den Hintern aufreißt, mit einem Cut in der Kabine verschwindet und frisch genäht den Overtime-Siegtreffer markiert. Zusammen mit Mares bildet Kucharchik die gefährlichste Waffe der Wölfe. Kucharchik – eine tolle Verpflichtung.

Chris Billich

Der Youngster ist nach seiner Verletzung zu Beginn der Saison und dem Ausfall von Josef Kottmair in die erste Sturmreihe gerückt, wo er momentan sein ungeheures Talent unter Beweis stellt. Zwar ist es auch ein dankbarer Job an der Seite von Kucharchik und Mares agieren zu dürfen, doch ist es schon erstaunlich, wie viel Übersicht das Eigengewächs an den Tag legt. Zudem ist Billich schnell, wodurch er gepaart mit seinen „guten Händen“ und einer beachtlichen „Coolness vor dem Tor“ (3:3-Ausgleich) für viele Bewegungsverweigerer in gegnerischen Abwehrverbünden eine veritable Gefahr darstellt. Lediglich körperlich muss Billich zulegen, falls er seiner Karriereleiter weitere Sprossen hinzufügen möchte. Im 1:1 verliert er noch zu viele Scheiben.

Patrick Vozar

Das Spiel des Kapitäns ist schwer zu beurteilen. Vozar hat keinen Mares und keinen Billich an seiner Seite, die neben ihm in die Pässe laufen. Kämpferisch ist der mittlerweile 33-jährige noch immer ein Vorbild, das sein Team auch wachrütteln kann, aber zu oft verpuffen seine Bemühungen in einem Scheibenverlust tief im gegnerischen Drittel. Dorthin schaffte es Vozar mit zunehmenden Speed-Defiziten auch gestern durch mehrere energische Einzelleistungen, aber dann fehlte meist der besser stehende Mitspieler. Der Kapitän ist gerade auch mit Blick auf die Playoffs ein immens wichtiger Spieler, dessen Spiel zurzeit arg unter seinen Mitspielern zu leiden hat. Vozar würde es gut tun, wenn er etwas Verantwortung abgeben dürfte.

Tom Herman

Der Kanadier bringt Vieles mit, was ein guter Oberliga-Winger haben muss, und ließ gegen Peiting genauso viel auch vermissen. Herman kann skaten, tat dies allerdings viel zu selten und wenn, dann oft viel zu langsam. Herman kann schießen, tat dies aber zunehmend überhastet und unkonzentriert. Was Tom Herman scheinbar definitiv nicht kann, ist sein eigenes Spiel zu steuern bzw. zu kontrollieren. Als Simon Danner zuletzt neben ihm und Center Vozar mit Verve spielte, da sprintete auch Herman und kam zwangsläufig zu herausgespielten Torchancen. Insgesamt ist der Linksaußen in der Offensive zu sehr vom Flow seiner Sturmreihe abhängig.

Antti Karhula

Der Finne ist Hedonist – ein Lebemann. Gern spielt er im Training mit einer Ladung Snus unter der Oberlippe und auch im Spiel mag es der Skandinavier gerne genüsslich. Karhula kann mit (s)einem Trick (Scheibe zwischen Schlittschuh und Kelle des Gegners hindurch) problemlos einen Zweikampf gewinnen, wenn der Pass dann aber nicht ankommt, fehlt er meist dort, wo er benötigt würde. Der Gemütliche machte auch gestern das Spiel seiner Reihe langsam und das ist in keiner Liga dieser Hemisphäre ein erfolgsversprechendes Rezept. Karhulas Spielverständnis ist wahrlich ein Gutes, aber eigentlich bräuchte er zwei skatende Vollstrecker an seiner Seite. Insofern ist der Finne der zweite Vozar in seiner Reihe – wenn auch ein gemütlicherer.

Tobias Kunz – Markus Zappe – Milan Liebsch – Marc Wittfoth

Die Youngster im Wölfe-Dress sollten eines verstehen: Ihr Job ist es nicht, die Freiburger Paradereihe zu imitieren! Ihre Hauptaufgabe besteht darin, keinen Gegentreffer zuzulassen und im Spiel nach vorne die Scheiben aufs Tor zu bringen. Gelingt dies, gut. Wollen sie zaubern, geht es in die Hose. Wenn Tobias Kunz, der ohne Frage großes Talent hat (das hatte Reinhold Mathy aber auch), den Puck aber an der eigenen blauen Linie wegen einem verunglückten Move verliert, dann müsste das eigentlich das Signal zum Duschen sein. Milan Liebsch ist ein gerader Kopf – mit Blick zum Eis. Nun muss nicht jeder ein Gestalter sein und schließlich hat Liebsch einen guten Torinstinkt und ein ordentliches Zweikampfverhalten, aber der 20-jährige muss seine Qualitäten noch effektiver einsetzen. Markus Zappe lebt von seinem Speed. Gestern setzte er einige seiner Tempoläufe an, was prompt Torchancen ermöglichte. Nimmt der Schwabe das Tempo raus, dann läuft das Spiel an ihm vorbei. Gegen Peiting sah man von der dritten Reihe leider noch zu oft Dinge, die in einer dritten Reihe nichts zu suchen haben sollten. Zum Beispiel führten Scheibenverluste in der Angriffszone zu oft zu gefährlichen Kontern (Backchecking!).
Marc Wittfoth kam während der Mares-Strafe nur zu kurzer Eiszeit und muss sich weiterhin durch engagierte Arbeit empfehlen. Für seine Entwicklung ist es gut, dass er nach rasantem Karriereanstieg erst einmal auf den Boden der Tatsachen geholt wurde.

Ohne Einsatz gestern: Benjamin Wildgruber, Josef Kottmair, Markus Koch

FAZIT

Es geht nicht um Miesmacherei! Die Wölfe machen Spaß, sie sind erfolgreich und das Team per se scheint zu funktionieren. Und doch darf trotz aller Euphorie nicht außer Acht gelassen werden, dass die Effektivität momentan auf einer Handvoll Spieler basiert, was hinsichtlich der Playoffs schlicht gefährlich ist. Alle Freiburger Eishockeyfreunde wünschen sich sehnlichst den Aufstieg, Petr Salmik leistet hervorragende Arbeit und so bleibt zu hoffen, dass Clubführung, Trainer und Mannschaftsrat es schaffen, die Spitze des Teams zu verbreitern, den Sockel zu festigen, um schließlich das große Ziel zu erreichen. Die Voraussetzungen sind da – was fehlt ist das letzte Tuning. Und mit Roman Kadera und Adam Nittel sind eine blitzende Spitze und ein gewaltiger Stoßdämpfer ja bereits bestellt. Kommt noch ein körperlich starker und fehlerarmer Verteidiger, scheint das Ziel zum Greifen nahe.