Mit Günther Hitler in der Fachschaftshütte

Philipp Aubreville

Was viele nicht wissen: Wer in Freiburg studiert, kann sich noch einmal von Discokellern, Hochbetten und Wanderungen verzaubern lassen: Auf der Erstihütte der Geschichtsfachschaft. fudder-Mitarbeiter Philip, der gerade sein Studium begonnen hat, ließ sich diesen Spaß natürlich nicht entgehen.



Wenn kurz vor dem Abitur die Abschlussfahrt ansteht, kann einen schon einmal Wehmut packen: Die Zeit der Klassenfahrten, so scheint es, findet hier ihr jähes Ende.


Als ich mich zum Hütten-Treffpunkt begebe, liegt eine ereignisreiche Woche hinter mir. Neben der Erkenntnis, dass die Zeit der Wikipedia-generierten Referate an der Universität vorbei ist, offenbarte sich mir die Definition „platonischer Inzest“ recht deutlich: Ich muss feststellen, dass ich meine beiden TutorInnen bereits kenne – den einen aus der „Zeit“, in der er beim Vorstellen der Unistadt Freiburg den Prototypen eines zufriedenen Studenten darstellte; die andere aus meiner Zeit als Zivildienstleistender.

So sitze ich voller fast familiärer Gefühle im Zug und beneide als ursprünglicher Bewohner der zweitgrößten deutschen Stadt ohne Bahnhof diverse Provinznester um ihre Knotenpunkte.



Als wir schließlich bei der Hütte ankommen, ist es dunkel und kalt. Das besagte Klassenfahrts-Feeling kommt prompt auf, als wir unsere Betten beziehen – mit dem Unterschied, das nach drei Wochen „Eigenständigkeit“ zumindest in meinem Zimmer keiner mehr Hilfe hierbei braucht.

Ob jedoch alle schon so gut kochen können, wie es die Küchen-Crew bald darauf tut, wage ich zu bezweifeln – Eigenständigkeit hin oder her.

Am nächsten morgen weckt uns Nana Mouskouri mit ihrem Smasher „Guten Morgen Sonnenschein“. Es gibt wohl kaum einen ekelhafteren Song zum Aufgewecktwerden – und ich hatte kürzlich noch überlegt, mir „Tokio Hotel“ als Weckton aufs Handy zu ziehen.

Die Songwahl zeugt nicht nur von den Abgründen der menschlichen Seele, sondern auch von einem gewissen meteorologischen Verständnis seitens der Fachschafter.



Denn als wir, in Gruppen eingeteilt, eine Wanderung durch den Schwarzwald beginnen, findet vor lauter sonnenscheinbedingter Wärme eine kollektive Stripshow statt. Dass ich es mit Jacke, Zipper, Pullover, Longsleeve und T-Shirt und sogar Schal und Handschuhen ein wenig übertrieben habe, rächt sich jetzt und ich komme mir vor wie ein Güterwaggon in der Zwischenstreikszeit.

So stehe ich wie ein Packesel mitten im Schwarzwald und komme mir als Norddeutscher trotz einschlägiger Erfahrungen im Wandern ein wenig amateurhaft vor: Meine Gruppe besteht zum Großteil aus gebürtigen Freiburgern, Heidelbergern und Neckarsulmern.

Doch das Wandern ist nur ein Teil eines größeren Aufgabenkomplexes. Die organisierende Geschichtsfachschaft lässt sich beim Thematischen nicht lumpen, und so finden sich auf dem Wanderweg allerhand Fragen zur Uni und vor allem zu der Geschichte selbst.



Der Versuch, die uns folgenden Gruppe mit der manipulierten Aufgabe „Findet fünf Waldpilze“ in die Irre zu führen schlägt allerdings leider fehl. Ein paar Ausruhminuten und einen bergigen Rückweg später, beginnt der berüchtigte Teil des Hüttenaufenthalts: Der Spielemarathon.

An dessen Ende steht nach weiterer Klassenfahrtsnostalgie beim Wettstreiten im „Kartenknutschen“ oder „Salzstangenwettessen“ das großartige Improvisationstheater. Der Versuch, eine Geschichte zur vorgegebenen Figur „Günther Hitler“ zu stricken, kommt bei der Fachschaftsjury, bestehend aus ‚Marcel Reich-Ranicki“, ‚Erwin Teufel’ und ‚Bernd Stromberg’ (alle drei wirklich originalgetreu imitiert), etwa so gut an wie ein von Chuck Noland ausgeliefertes FedEx-Packet.



Ich stecke die Niederlage weg und freue mich stattdessen diebisch über meine dramaturgisch recht wertvolle Dick Brave-Frisur. Als die weniger erfreuliche Nana Mouskouri am nächsten Morgen erneut ihr akustisches Sarin zum Besten gibt, ist ein großartiges Wochenende zu Ende und vor meinem geistigen Auge stapeln sich die Texte: Mein erstes Referat steht vor der Tür – die nächste Woche wird literarischer als Frankfurt im Oktober.