Mit Gottfried Keller an der Pfandrückgabe

Markus Steidl

Zum Einläuten des Wochenendes empfehlen wir die wohltuende Lektüre dieses Feuilletons von Markus Steidl. Auf seine ganz eigene Manier berichtet er, wie fragwürdig, ja abstoßend der Gang in die nächste Supermarktfiliale sein kann.



„Flaschen wegbringen!“ steht bedrohlich auf einem kleinen grünen selbstklebenden Notizzettel, der sich aus eigenen Kräften an meiner Schreibtischoberfläche festhält. Klarerweise habe ich ihn gestern in einem morgendlichen Müdigkeitsbefinden genau an die Stelle geheftet, an der sich mein rechter Unterarm beim Benutzen der Computertastatur rege hin und her bewegt. Aber selbst nachdem ich das Ding an die Seitenkante des Monitors umgesiedelt habe, ist der Abdruck des früheren Klebestreifens auf dem Tisch immer noch vorhanden und zupft unangenehm an meinem Ärmel herum, was von meinem schlafmangelgeplagten Unterbewusstsein mit Sicherheit geplant war, um mich fürs späte Zubettgehen und das damit verbundene relative Frühaufstehen zu bestrafen. Soviel sei nun zur Schreibsituation gesagt, in der ich mich befinde. Die Möglichkeit, sich beim Lesen in den Verfasser eines Textes hinein zu versetzen, muss ja nicht immer mit Spaß verbunden sein. Damit das klar ist.


Der Zettel soll mich allerdings daran erinnern, dass mein Balkon derzeit eine zu große Menge an leeren Spirituosenflaschen beheimatet, diese einem also schon fast den Zugang zur Freilufträumlichkeit versperren und auch den Ausblick in Richtung Schönberg behindern. Es wäre also durchaus angebracht, einmal meine Siebensachen zu packen und das ganze Gelumpe in den nahe gelegenen Supermarkt in der Merzhauser Straße zu verfrachten, wo man mich für das ganze, teilweise auch recht unangenehm duftende Glasgeschirr sicherlich reich entlohnen würde. Sauberkeit des Auslaufbereichs erzielen und dazu noch Geld geschenkt bekommen! Es wäre quasi eine reine Gewinnsituation, was also hält mich davon ab, den Plan in die Tat umzusetzen?



Zwar ist dieser Einkaufsmarkt der nächstliegende, in Luftlinie von meinem Balkon aus gesehen. Allerdings hat er die eine oder andere Eigenheit an sich, die das Einkaufsbefinden durchaus zu schmälern imstande ist. Aber es geht ja  jetzt nicht ums Einkaufen! Ich packe also circa vierzig klirrende Flaschen, unter anderem welche von der tschechischen Biersorte Budweiser (das wird ein Experiment!) in zwei Plastiktüten mit den Aufschriften „Lidl“ und „H&M“. Letzteres hat ja sowieso schon den gleichen Stellenwert erreicht wie eine Tragetasche der Kette "Treff"-Discount: zumindest anhand des flauen Bauchgefühls gemessen, das mich immer dann beschleicht, wenn ich mit einem der beiden Firmennamen verzierte Tüten durch die Fußgängerzone befördere.

Wobei es bei H&M mehr ein Gefühl des Individualitätsverlustes ist, das einen befällt, wohingegen der Träger eines Treff-Transportbeutels fast sofort als Alkoholiker abgestempelt wird, weil sich der gemeine Freiburger einfach nicht vorstellen kann, dass da etwas anderes drin sein könnte als Ratskrone- oder Oettingerflaschen. Die Unverschämtheit dieser vorurteilsbehafteten Vorstellung muss irgendwann anders (und am besten auch von irgendwem anders) auf jeden Fall noch behandelt werden.



Ich für meinen Teil erlebe innere Höllenqualen genug, wenn ich die immerhin automatisch öffnenden Türen jenes Supermarktes betrete und beginne, die Musik zu hören, die sich in den Raum ergießt. Es handelt sich dabei nämlich schon um einen stinknormalen Radiosender im Stil des Südwestdeutschen Rundfunks, der aber auf magische Weise immer dann Ennio Morricone oder etwas ähnlich Gruseliges spielt, wenn man einen Fuß in diesen Laden setzt.

Unmittelbar nach Eintreten sollte man sofort überprüfen, wie viele Kassen besetzt sind und wie groß der Andrang an einer solchen ist. An guten Tagen ist es möglich, dass mich eine Lust danach überkommt, zusammen mit drei oder vier Unbekannten einen Nachmittag lang an einer Supermarktkasse zu stehen und Zärtlichkeiten auszutauschen, während man in Arche-Noah-Manier auf den Weltuntergang wartet. Leider möchte ich das höchstens alle Schaltjahre mal, und ich bin sicher, dass ich schon damit zu einer Minderheit gehöre, also sei der Rat geäußert, dass in einem Verhältnis von mehr als fünf Menschen pro Kassenschlange unverzüglich der Rückzug anzutreten ist.

Man kann seine Bierflaschen auch vorzüglich bei REWE an der Johanneskirche entsorgen, nachdem man sie unter körperlichen Mühen dort hingeschleppt hat. Danach genießt man noch ein paar Sekunden den Blick aufs Martinstor und raucht vielleicht eine Zigarette oder sowas, und hatte einen schönen Ausflug. Um jedwede Vermutung im Keim zu ersticken, ich wäre bösartig, möchte ich statuieren, dass ich lediglich besorgt um die Lebenszeit meiner Mitmenschen bin.



Ich entschließe mich natürlich, mit meinen zwei klirrenden Gefährten den Weg zum Getränkelager zu tätigen und werde dort auch, wie ich immer wieder feststellen muss, ohne jedes Murren bedient. Und das sage ich nicht nur, um den vorangegangenen Absatz zu relativieren, der sogar mir im Nachhinein ein wenig querulantisch erscheint. Allerdings öffnet sich auch hier wieder ein Zeitfenster, aus dem man Gefahr läuft zu stürzen. Es gibt keinen Pfandautomaten, nur eine eigentümliche Gestalt mit Schnurrbart und Hosenträgern, die die Flaschen sortiert. Bevor man letztlich den Coupon überreicht bekommt, kann wiederum einige Zeit verstreichen.

Wie bereits gesagt, habe ich nichts gegen die Warterei. Ich warte gern. Geduld gehört zu den basalen Tugenden des menschlichen Wesens, zumindest habe ich das mal irgendwo in einer drittklassigen Boulevardzeitung im Wartezimmer einer Zahnarztpraxis gelesen. Zum Beispiel bin ich mir sicher, dass Gottfried Keller seinen „Grünen Heinrich“ vor zugegeben einiger Zeit während des Wartens an der Pfandrückgabeschleuse in genau diesem Edeka geschrieben hat, und das ist ja immerhin mal ein ziemlich wichtiger Bildungsroman geworden.

Allerdings habe ich keinerlei Absichten, es ihm nachzumachen, sondern möchte möglichst schnell zurück nach Hause und ein bisschen vorm weniger bildungsreichen Fernsehen dahindämmern. Insofern ist es ganz nett, dass der junge Mann hier, der zwar angesichts der Budweiser-Flaschen zwar „Hab i no nie gsehn!“ vor sich hin brabbelt und eine bedächtige Schneckenhaftigkeit beim Eintüten des Leerguts beweist, trotzdem alles ohne Murren annimmt und mir einen Bon ausstellt, den ich zurück vorne an der Kasse in Bares verwandeln darf.



Jetzt folgt allerdings etwas Ernstes: Obwohl ich dem Vegetarismus nicht abgeneigt bin und selbst auch gelegentlich ein wirtschaftlicher Vegetarier bin (das heißt soviel, dass das notorisch unterbesetzte Portemonnaie jegliche Eskapaden in Richtung teuren Fleischverzehrs die meiste Zeit über verbietet), mache ich einen Umweg über die „Gehacktes und Getötetes“-Theke und riskiere einen sogleich wieder lustlos gewordenen Blick auf die dort feilgebotene Ware. Alfred Döblin, als Beispiel, erwähnt in „Berlin Alexanderplatz“ eine meinem Geschmack nach etwas in die Länge gezogene Anweisung an Fleischereibetriebe, wie sie ihre Auslagen zu beleuchten haben. Es geht dort um direktes Licht, damit die „natürliche Fleischfarbe“ ihren eigentlichen Charakter behält, oder so irgendwas. Wahrscheinlich befolgt auch dieser Supermarkt voll und ganz die erwähnten Metzgereithekenbeleuchtungsrichtlinien (jawohl, ich habe ein Totschlagwort formuliert!).

Wie das aber mit den Richtlinien der Frische des Fleisches aussieht, will ich nicht beurteilen, weil das möglicherweise rufschädigend sein könnte und ich nicht gleich sagen müssen will, ich hätte jetzt den Salat. Das tue ich äußerst ungern. Es ist dagegen sogar unbedingt zu verhindern, den Salat zu haben. Deshalb jetzt Folgendes: Es besteht kein Zweifel daran, dass einige der Auslagen dort sehr frisch sind. Um viele Ecken und Verwandtschaften ist mir ebenso zweifellos zu Ohren gekommen, dass man um die Weihnachtszeit auch sehr schmackhaftes und gar nicht altes Hackfleisch zum Zubereiten der studentischen Spaghetti Bolognese in dem Geschäft erstehen konnte. Andererseits habe ich aber am eigenen Leib erfahren, dass Information sich immer auszahlt: von meiner Mutter am Telefon hörte ich nach dem dort getätigten Kauf zweier Schweinekoteletts nämlich, dass deren Rand im frisch geschlachteten Fall mitnichten die Farbe eines französischen Rotweins hat und auch nicht so hart sein sollte wie der Umschlagrücken eines Collegeblocks.

Dieses Ereignis ekelte mich so sehr, dass ich daraufhin mehrere Wochen lang nicht daran denken konnte, Fleisch zu essen. Zumindest nicht, wenn es als Solches augenscheinlich erkennbar war. Aber auch das Thema der unbekannten Zutaten in Wurstkonserven oder der Schweineborsten in Aufbackbrötchen ist mir nicht auf den Pelz zu binden, ich habe Besseres zu tun, als mich darüber auszulassen. Obwohl zugegebenermaßen beim Lesen Zweifel über den restlichen Verbleib meiner Tageszeit aufgekommen sein dürften: Ich finde neben diesen ganzen Tätigkeiten (Pfand wegbringen etc.) und Gedanken durchaus noch Platz dafür, Exkursionen in die Stadtbibliothek zu unternehmen, nur um zu hören: „Sie sollten jetzt noch Ihre Tasche einschließen.“ Diesen gut gemeinten Rat befolgt dort trotzdem keiner.



Auch meine oben erwähnte Vorliebe fürs Fernsehen hält sich eher in Grenzen. Es fällt einem einfach zu schnell auf, dass die Qualität der gezeigten Shows heutzutage schon so weit gesunken ist, dass man die Werbeunterbrechung nahezu herbeisehnt. Bin ich verbittert deswegen? Werde ich wütend und kreische hysterisch in der Wohnung herum, sodass das verbliebene, im Container zu entsorgende Altglas auf dem Balkon klirrt und springt? Nein. Ich schalte einfach aus, gehe nach draußen und genieße den werdenden Frühling, zumindest solange, bis die Allergien kommen (die ich im Übrigen nicht habe, ich hielt das nur für einen schönen Satz. Ich bin ein Lügner, sehen Sie?).

Des Weiteren entscheide ich, mich vom Alkohol abzukehren, einfach, weil das nicht nur die Leber, sondern auch die Eleganz der Terrasse zerstört. Außerdem bringt es, wie wir gesehen haben, in manchen Gegenden große Schwierigkeiten mit sich, das Geraffel hinterher wieder los zu werden. Trinken ist also gleich dreifach böse. Wobei die letzten beiden Punkte eher weiche Faktoren sind.

Irgendwann werde ich umziehen: In eine Gegend ohne jegliche Infrastruktur, dann kann ich mir nämlich wenigstens ohne Reue aussuchen, in welchen Supermarkt ich einen Umweg mache.

Zu Gottfried Keller und Alfred Döblin sei noch gesagt, dass die beiden sich mit zeitlich bedingter Sicherheit nie kennengelernt haben dürften, aber ich glaube auch, dass beide eine Gemeinsamkeit hatten: Nachdem sie ihre größten Werke im örtlichen Supermarkt an der Pfandschlange verfasst haben, sind sie Antialkoholiker geworden und zu ihrem alten Freund Opium zurückgekehrt. Sonst haben sie aber keine Drogen genommen.