Mit einer Chinesin im Chinarestaurant

Sebastian Klaus

Asienserie, Teil 4: Wie authentisch sind jene Speisen, die chinesische Gastwirte im Badischen anbieten? Wir wollten das mal testen und sind mit Lin Xu (22) aus Peking an ein China-Mittagsbuffet in die Freiburger Innenstadt gegangen. Wie eine Pekingente wirklich schmeckt, weiß sie seit Kindesbeinen.



Sie setzt sich an den Ecktisch, gleich der Eingangstür gegenüber. An den Platz, der vom Buffet am Weitesten entfernt ist. Strategisch ungünstig. Aber sie hat keine Wahl, alle anderen Tische sind bereits besetzt. Wie so oft während des Mittagsbuffets im Restaurant Shaolin Freiburg an der Fischerau.


Lin Xu studiert seit zwei Jahren Germanistik und BWL in Freiburg. Sie ist sehr schlank und wirkt größer als die 1,75 Meter, die sie misst. Damit überragt sie die kleine, kräftige Wirtin sogar sitzend. Kaum hat Lin Platz genommen, kommt die Wirtin auf sie zugeschossen: „Vorne gibt’s ein Buffet. Alles für 6,90 Euro!“, sagt sie. „Was wollen Sie trinken?“ Lin bestellt Lu Cha, Grüntee, eigentlich dazu geeignet, die Sommerhitze zu ertragen. Jetzt ist es Herbst, Lin Xu ist erkältet, aber auch dagegen scheint der Tee zu helfen. Sie schnäuzt sich verschämt die Nase. Naseputzen gilt als Tabu in China, etwas, was man eher nicht in Anwesenheit von anderen machen sollte.



Leise Pianomusik ertönt aus den Lautsprechern, die anderen Gäste unterhalten sich gedämpft. „So eine Atmosphäre ist bei uns eher selten. Normalerweise ist es laut und grell. Die Kellner schreien“, erklärt sie in ihrer ruhigen Art. „Nur, wenn man mit seinen Großeltern ausgehen möchte, besucht man ein Restaurant wie dieses.“ Lin Xu kam vor zwei Jahren aus der Millionenmetropole Peking in die badische Provinz. In Freiburg studiert die 22-Jährige Germanistik und BWL. Akzentfrei fängt sie an, über die chinesische Esskultur zu reden und gerät ins Schwärmen: „Wir können auch bei uns zu Hause schön essen, aber wenn man in ein Restaurant geht, möchte man etwas Besonderes bekommen. So hat jedes Restaurant in China seine spezifische Note.“

Die Grundzutaten seien dabei im Grunde überall dieselben, „aber die Gewürze machen den Unterschied. Auch entfalten die Kräuter und Gewürze in den riesigen Restauranttöpfen eine andere Wirkung, als wenn man nur für die kleine Familie zu Hause kocht.“ Einige Restaurants kochen dabei sogar nach traditionellen Rezepten, die hunderte von Jahren alt sind.



Die Wirtin kommt an den Tisch zurück, um sie energisch daran zu erinnern, dass das Buffet bald zur Neige gehe. Lin Xu geht nach vorne, vorbei an den vollbesetzen Tischen. Vorbei an Pekingenten, Chop Suey und gebackenen Bananen. Vor allem liegt der Geruch von Duftreis in der Luft. Sie nimmt sich einen Teller und bestaunt die Schüsseln voller Salat, gebratenenen Nudeln, Frühlingsrollen und Fleisch in allen erdenklichen Variationen. Die Auswahl an Soßen ist in ihrer Heimat allerdings weitaus größer.

Lin Xu stellt klar, dass es "die" chinesische Küche nicht gibt. Das wäre bei einem riesigen Land wie China auch befremdlich. Stattdessen gibt es zahlreiche Regionalküchen. In Kunming im Südwesten des Landes kocht man völlig anders als in Zhengzhou im Nordosten. Peking hat wiederum eine ganz eigene kulinarische Richtung.

In China werden vor allem geschäftliche Dinge im Restaurant besprochen. Die Männer sitzen dabei in geschlossenen Räumen und unterhalten sich laut über ihre Angelegenheiten. Am Ende werden dann meist die Verträge unterschrieben. Oft ungelesen, denn satten und zufriedenen Menschen ist es egal, was sie unterschreiben.

In Deutschland dagegen steht das Essen mehr im Mittelpunkt. Das sieht auch Lin Xu so, die sich ihren Teller gut gefüllt hat. Zurück am Platz erzählt sie, dass es in China ähnlich abläuft, wie hier am Buffet: Das Essen steht dabei auf großen Tellern auf einer drehbaren Platte auf dem Tisch. Jeder nimmt sich das, was er mag und füllt es in ein Reisschälchen. Das Buffet hingegen ist eine europäische Erfindung.



Beim Essen klärt Lin Xu über chinesische Tischmanieren auf: „Rülpsen, Schlürfen und Schmatzen sind erlaubt. Zumindest in den normalen Restaurants. Das zeigt, dass es einem schmeckt. Wenn man mit seinen Chefs oder Großeltern essen geht, macht man so etwas natürlich nicht. Viele Deutsche denken, dass wir uns ungeniert Fleischreste zwischen den Zähnen rauspulen. Aber das stimmt nicht. So etwas macht man höchstens, wenn man mit Freunden unterwegs ist. Und selbst die lachen einen dafür aus. Ebenso tabu ist es, mit Fingern zu essen. Höchstens einmal bei Hühnchenresten darf man die Hände zu Hilfe nehmen.“

Lin Xu ist Nichtraucherin. Deshalb gefällt es ihr, dass sie ihr Essen hier rauchfrei genießen kann. „In den einfachen Restaurants in China darf überall gequalmt werden. Häufig stehen zwar keine Aschenbecher auf den Tischen, aber das heißt nichts. In einigen teuren Lokalen darf man theoretisch nur in abgegrenzten Bereichen oder draußen rauchen. Aber in der Praxis hält sich da keiner dran. Vor allem Geschäftsleute und Politiker rauchen, wo sie wollen. In China wird das nicht so streng gehandhabt wie hier.



Zum Nachtisch holt sie sich, typisch für China, eine Hühnersuppe: Scharf-Sauer. Auch gut gegen ihre Erkältung. Im Süden Chinas isst man sie normalerweise so, im Norden mag man es dagegen süßer. Ist das Shaolin jetzt ein authentisches, chinesisches Lokal? "Zumindest in Peking würde man ein Restaurant wie dieses schon finden", meint Lin.

Ob in China oder in Deutschland, am Ende kommt immer die Rechnung. Die Wirtin erscheint, um darauf hinzuweisen, dass das Restaurant eigentlich schon seit einer halben Stunde geschlossen habe und dass es an der Zeit sei, zu zahlen. „Bei uns zahlen immer die Männer“, sagt Lin Xu. „Sie prügeln sich fast darum, wer die Rechnung begleichen darf. Dabei geht es ums Prestige. Mir ist das manchmal unangenehm und ich mache von vorneherein klar, dass ich zahlen werde. Allerdings akzeptieren sie das nur selten.“