Klausurenphase

Mit diesen 6 Lerntipps aus der Psychologie schaffst Du jede Prüfung

Claudia Förster

Fleißig Karteikarten lernen oder den Stoff reinballern? Welche Technik hilft wirklich für die Prüfung? Fudder erklärt, wie die psychologische Forschung zu Lernstrategien steht und warum diese sechs funktionieren.

1.) Nur, wer es verstanden hat, behält Gelerntes im Kopf

Manchmal ist stumpfes Auswendiglernen bequem und zeitsparend, gerade wenn der Lernstoff komplex ist. Warum es sich trotzdem lohnt, in Verständnisarbeit zu investieren, zeigt die Lernpsychologie: Bedeutungshaltiges Lernen entstünde erst durch die Elaboration von Inhalten, also deren Verknüpfung mit eigenem Vorwissen, sagen pädagogische Psychologen. Laut dem renommierten Construction-Integration-Modell gibt es drei Stufen der Verarbeitungstiefe, die mehr oder minder zum Lernen beitragen.

Auf oberflächlicher Ebene verarbeiten wir im Hirn Buchstaben, Wörter und Sätze. Die nächsttiefere Verarbeitungsebene ist die Textbasis: Hier sammelt unser Gehirn alle Kernaussagen eines Textes oder eines Vortrags unabhängig der Grammatik und Wortstruktur, sogenannte "Propositionen". Diese werden in der dritten und tiefsten Verarbeitungsstufe zu "Makropositionen" verknüpft, die den Sinngehalt transportieren. Auf dieser Ebene konstruiert unser Gehirn ein kognitives "Situationsmodell", eine Art Karte, in die es eigenes Vorwissen integriert.

Je ausgiebiger wir dieses mentale Modell mit eigenen Erfahrungen und Beispielen anreichern, umso detaillierter wird die Karte. Und je detaillierter, umso besser bleibt das Situationsmodell hängen und muss nicht mühsam ins Hirn geprügelt werden.

fudders Tipp: Verständnisarbeit ist das A& und O, also fleißig Beispiele und Eselsbrücken erfinden: Dadurch bildet das Gehirn ein reichhaltigeres Situationsmodell.

2.) Karteikarten helfen wirklich

Wer kennt es nicht: Man liest sich seine Aufschriebe durch und denkt "Aha, das ist ja logisch. Weiß ich. Klar wie Kloßbrühe, ist doch pipifax!" Doch wenn’s drauf ankommt, fragt man sich doch, wie genau das war. Schüler und Studierende aufgepasst, denn das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der Lernpsychologie: Testen fördert das Lernen weitaus besser als reine Wiederholung. Inhalte zu wiederholen fordert das Gehirn kaum, wohingegen Tests eine aktive Verarbeitung anstoßen.

Das nennt man den Testing-Effekt, den man sich supersimpel zunutze machen kann: Sich seine Zusammenfassungen auf Karteikarten statt auf normales Papier zu schreiben, bietet die Möglichkeit, Tausende von Mini-Tests zu machen. So fordert ihr euch heraus, kurbelt eure Hirnaktivität an und habt automatisch und zu jedem Zeitpunkt ein realistisches Feedback davon, was ihr schon könnt und was nicht. Außerdem verhindert ihr, dass ihr euer Verständnis überschätzt, denn nichts ist in der Klausur ärgerlicher.

fudders Tipp: Prüft euer Wissen mit Karteikarten ab.

3.) Nicht nur rechnen, markieren und schreiben – sondern einfach mal lesen und lernen

Lernen wird oft mit sichtbarer Aktivität gleichgesetzt – ein verbreiteter Trugschluss. Grundsätzlich kann man durch Rechnen oder Karteikarten schreiben natürlich etwas lernen, dennoch ist die Produktion sichtbarer Ergebnisse keine notwendige Bedingung dafür. Viel wichtiger ist die aktive und fokussierte Verarbeitung des Stoffs, erklärt Alexander Renkl, Professor für pädagogische Psychologie an der Uni Freiburg.

Gerade bei geringem Vorwissen droht das Arbeitsgedächtnis durch zu hohe Ansprüche zu überlasten, besagt die Cognitive-Load-Theorie. Fängt man zu früh mit eigeninitiativem Problemlösen an, so besteht die Gefahr, dass die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses nicht ausreicht, um den Knackpunkt zu verstehen. Stattdessen überträgt es einen Beispiellösungsweg analog auf die neue Aufgabe, früher oder später tappt man mit dieser Strategie aber in die Falle.

Besser ist es deshalb, erst einmal scheinbar passiv zu bleiben und sich Dutzende und Aberdutzende von Lösungsbeispielen reinzuziehen. Passiv ist das Gehirn dabei keineswegs, im Gegenteil, das kognitive System läuft auf Hochtouren. Die begrenzte Arbeitsgedächtniskapazität wird aber von überanstrengenden, verbissenen Lösungsversuchen auf das Eigentliche umgelenkt: Die Kernkonzepte des zu lernenden Prinzips aus den verschiedenen Beispielen herauszufiltern. Das passiert meist automatisch und wird "Lösungsbeispieleffekt" genannt. Sobald man den Dreh dann wirklich raushat, lässt es sich viel effektiver aus sichtbarer Aktivität lernen.
fudders Tipp: Nehmt euch genügend Zeit für unsichtbares Lernen wie das Studieren von Fallbeispielen.

4.) Ohne Pausen funktioniert das beste Lernen nicht

"Mach doch mal ne Pause", sagt Mama. Doch wenn die Prüfung rasend schnell naht, können viele Studis über diesen naiven Tipp nur halbherzig lachen. 12-Stunden-Schichten in der UB, Club-Mate-Flatrate und Power-Auswendiglernen sind angesagt. Doch, wer hätte es gedacht, Mama hat recht – ohne Pausen funktioniert auch das beste Lernen nicht.

Psychologische Studien bestätigen: Verteilte Übung ist besser als massierte Übung. Man sollte den Lernstoff also in Intervalle unterteilen, am besten in möglichst große. Den Stoff über mehrere Tage zu verteilen ist wirksamer als über einen Tag, ihn alle paar Stunden zu wiederholen effektiver als alle zwei Minuten.

Dazu passt der Spacing-Effekt: Die mehrmalige Präsentation eines Items (also zum Beispiel eines bestimmten Fremdwortes) ist umso effektiver, je mehr Items dazwischenliegen, also je mehr Raum (space) man dazwischen schafft. Das sollte man zum Beispiel beim Vokabelpauken oder Auswendiglernen beachten. Hier ist die sogenannte Expanded-Retrieval-Methode die Taktik der Wahl, weil sie die Vorteile des Testing-Effekts mit dem Spacing-Effekt kombiniert: Anfangs regelmäßig in 5er-Blöcken abfragen, dann nach und nach die Anzahl der Kärtchen steigern und nur noch alle paar Tage wiederholen, sodass ein einzelnes Wort immer seltener abgefragt wird.

Wichtig ist dabei außerdem, die Reihenfolge zu variieren, damit das Gehirn keine Abkürzung nimmt und sich einfach nur merkt, welche Lösung auf welches Wort folgt.
fudders Tipp: Verteilt einen Inhalt auf einen möglichst großen Zeitraum und variiert die Reihenfolge.

5.) Die Prüfungssituation beim Lernen simulieren

Die Versuchspersonen einer psychologischen Studie aus dem Jahr 1975 dürften sicher skeptisch gewesen sein, als sie unter Wasser Informationen präsentiert bekamen und ihr Lernerfolg später überprüft wurde. Erstaunlicherweise lieferte dieses skurrile Experiment wichtige Erkenntnisse für die Gedächtnisforschung: Den Probanden gelang der Abruf des Lerninhalts nur dann gut, wenn sie genau wie bei der Erlernung der Info unter Wasser waren anstatt im Trockenen.

Das nannten Psychologen den Kontexteffekt: Der Abruf eines Inhaltes aus dem Gedächtnis gelingt umso besser, je ähnlicher der Kontext des Abrufs dem des Lernens ähnelt. Zu diesem Kontext zählt alles nur Erdenkliche: Die Körperhaltung, der emotionale Zustand, der Raum, die Sitznachbarn und ja, sogar die Farbe des Tisches.

Andrea Kiesel, Freiburger Psychologieprofessorin, empfiehlt deshalb, beim Lernen sozusagen die Prüfungssituation bestmöglich zu simulieren. Schreibt ihr die Prüfung in einem großen Hörsaal zusammen mit hundert anderen Leuten, die neben euch ab und zu rascheln, husten oder aufs Klo gehen? Dann ist die UB für euch der perfekte Lernort. Um vier Uhr nachts unter Alkoholeinfluss im Bett zu liegen und laut Musik zu hören, dürfte als Lerngelegenheit wohl eher abträglich sein.
fudders Tipp: Gestaltet euren Lernplatz dem der Prüfung so ähnlich wie möglich.

6.) Lernziele setzen

Kognitive Lernstrategien, wie sie die Psychologen nennen, dürften allen bekannt sein: Man sortiert in wichtig und unwichtig (Selektion), teilt den Stoff auf Themengebiete auf (Organisation) und verknüpft Neues mit dem eigenen Vorwissen (Elaboration).

Ebenso wichtig – aber oft vernachlässigt – sind metakognitive Strategien, die den Lernprozess auf der Metaebene steuern, planen und überwachen. Zentral ist es zum Beispiel, Wissenslücken rechtzeitig zu identifizieren und zu schließen, hierbei lässt sich der Testing-Effekt nutzen. Das Hauptproblem ist für viele Lernende aber nicht die Motivation generell, sondern, einen Vorsatz tatsächlich umzusetzen.

Hierbei gilt: je konkreter der Vorsatz, desto eher wird man ihn verwirklichen. Eine Methode, die das berücksichtigt, sind Implementation Intensions. Darunter verstehen Psychologen Lernziele, die eine bestimmte Lernaktivität mit einer Situation verknüpfen und in der "wenn – dann" Form formuliert werden: Wenn ich am Donnerstag um 16 Uhr mit der Vorlesung fertig bin, dann fasse ich den Inhalt zusammen. Oder: Wenn im Seminar ein neuer Fachbegriff auftaucht, dann füge ich ihn in mein Glossar ein. Sobald der Wenn-Teil eingetreten ist, also man zum Beispiel auf ein neues Fremdwort aufmerksam wird, denkt man automatisch: Aha, jetzt kann ich den Begriff eintragen! Wichtig bei den Implementation Intentions ist, die Lernziele realistisch zu wählen.

Nebenwirkung: Wer seine Lernstrategien – zum Beispiel Lernziele fassen oder Mind-Maps erstellen – ändert, muss leider erst einmal mit kurzfristigen Leistungseinbußen rechnen. Zunächst ist es ungemütlich, eine alte Gewohnheit zu ersetzen, schließlich kostet das Aufmerksamkeit und Kraft. "Tal der Tränen" wird diese Umbruchphase auch genannt. Dieser kurzfristige Tiefpunkt ist aber normal und sollte in Kauf genommen werden, denn: Lernen lernen ist wichtiger als Wissen wissen, heißt es so schön in der pädagogischen Psychologie.
fudders Tipp: Steuert euren Lernprozess bewusst und motiviert euch mit Implementation Intentions.


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