Mit dem Rad nach Taizé

Maria Hörl

Martin Hensler wollte nach Taizé - eine Woche beten. Das machen ja viele Jugendliche. Aber Martin wollte noch mehr Besinnlichkeit - also legte der 21-jährige Freiburger Anglistik- und Lateinstudent die 900 Kilometer kurzerhand mit dem Fahrrad zurück. Fudder sprach mit ihm über die Reise, Taizé und seinen Glauben.



Wie kommt man auf so eine Idee – nach Taizé zu radeln?

Ich habe viele Freunde, die eine Woche in Taizé verbracht haben. Je mehr ich von Taizé erfahren habe, desto öfter habe ich gedacht: Boah, da musst du auch mal hin! Ich denke, ich war einfach begeistert von der Idee, mit vielen Jugendlichen aus aller Welt zusammenzutreffen, um sich über den Glauben auszutauschen. Ein bisschen kannte ich das ja auch schon, weil ich schon diverse Kirchentage besucht habe und ein CVJM-Festival (Christlicher Verein Junger Menschen).

Und warum gerade mit dem Rad und nicht wie die meisten anderen Jugendlichen mit einem Busunternehmen?

Zum einen ist da die Begeisterung fürs Radfahren. Zum anderen wollte ich mit meinen drei Freunden den Weg ganz bewusst erleben. Mit dem Bus geht das nicht so intensiv. Schon auf dem Hinweg haben wir abends im Zelt Taizé-Lieder gesungen. Auf dem Rückweg haben wir noch mehr gesungen. Mein Lieblingslied ist "Fiez-vous en Lui". Der Text lautet: "Vertraut auf Ihn, fürchtet euch nicht, der Friede Gottes wird eure Herzen bewahren." Mir gefällt die Aussage des Textes, nämlich dass Gott uns helfen wird, wenn wir auf ihn vertrauen. Es gibt keinen Grund, sich zu starke Sorgen zu machen.

Wenn ihr das Beten und Singen in der kleinen Gruppe so schätzt, war die Ankunft in Taizé sicher erst einmal ein Schock...

Absolut – der Kontrast zur Reise war einfach so stark. Die meiste Zeit waren wir zu viert unter uns gewesen und plötzlich waren da 3000 andere Leute. Geschockt hat mich auch, dass so viele Deutsch gesprochen haben - das hatte ich mir internationaler vorgestellt.



Wie bist du mit dieser Masse von Menschen umgegangen?

Nach den Andachten bin ich oft in der Kirche geblieben, um meine Gedanken zu ordnen. Mir hat auch gefallen, dass die Kirche und die Gebete den Tagesrhythmus so prägen. Taizé ist schließlich kein Liegestuhlurlaub. Es ist sinnvoll, jeden Tag zu drei Andachten zu gehen, außerdem übernimmt jeder eine Gemeinschaftsaufgabe. Ich habe in der Kirche gesaugt, die Liederbücher geordnet und die Kerzengläser gereinigt. Diese Arbeit habe ich mir ausgesucht, weil die Kirche ein so zentraler Ort ist. Ich wollte sehen, wie die Kirche abseits der Gebete aussieht.

Also hat dir Taizé nach dem ersten Schock doch noch etwas gebracht?

Mir hat die Reise geholfen, meine Gedanken zu ordnen. Sowohl in Taizé als auch auf dem Rad konnte ich Abstand vom Alltag gewinnen und überlegen. Ich habe ich mich gefragt: "Was sind Punkte, die ich aktiv in meinem Leben ändern will?"  Auch die Workshops haben mir dabei Anstöße gegeben. Einer hieß "Wie erkenne ich den Ruf Gottes?" Der Ordensbruder hat erzählt, dass die Erwartung weit verbreitet ist, dass Gott uns sagt, was wir tun sollen. So einfach ist das aber nicht. Gott lässt uns leben. Wir sollten nicht so stark darauf bedacht sein, auf den großen Ruf Gottes zu warten, sondern darauf, in kleinen Schritten, im Vertrauen auf Gott, im Leben voranzuschreiten.

Was ist in Taizé anders beim Beten und beim Umgang mit der Bibel als zu Hause?

Das Beten fällt leichter. Zu Hause hat jeder so viele Dinge wie Studium und eben den Alltag um sich herum, das kann man nicht so schnell ablegen.

Betest du hier in Freiburg denn lieber alleine für dich oder in der Kirche?


Generell gehe ich gerne in die Kirche. Ich sehe Kirche nicht als christliche Pflichterfüllung, sondern als Ort der Freundschaft. Man kann in die Kirche gehen, wie wenn man einen Freund besucht. Trotzdem ist Glaube für mich auch etwas Persönliches. Ich finde es wichtig, auch zu Hause in der Bibel zu lesen. Nach meinem Aufenthalt in Taizé bin ich in Freiburg einem Hauskreis beigetreten, um auch weiter mit anderen über Bibelstellen zu sprechen, die ich zu Hause gelesen habe.

Auf der Radtour hattet ihr auch Schwierigkeiten: Schnee, Regen, platte Reifen, einen Ventilbruch. Siehst du Parallelen zum Leiden Jesu?

So habe ich das noch nicht gesehen. Aber es gibt wohl Parallelen. Man kann schon sagen, dass der Weg dadurch zu etwas Besonderem wird, dass man für sein Ziel leidet. Je mehr Schwierigkeiten man überwinden muss, desto mehr bleibt der Weg im Gedächtnis. Aber es ist auch wichtig ein Ziel zu haben. Als uns an einem Tag bei starkem Schneefall drei Franzosen ins warme Haus gelassen haben, meinte die eine Gastgeberin: "Ich habe euch hereingebeten, weil ihr ausseht wie Menschen, die ein Ziel haben."

Und hast du dein Ziel erreicht? Was bleibt dir von der Reise nach Taizé?

Ich habe das einfache Leben zu schätzen gelernt und den einfachen, gleichbleibenden Tagesrhythmus. Es gibt Internet dort, aber davon habe ich mich ferngehalten. Zu Hause schaue ich jeden Tag nach Mails. Mein Handy hatte ich dabei, aber immer ausgeschaltet. Das fällt in Taizé gar nicht schwer. Als ich wieder zurück war aus Taizé, habe ich mir drei Tage Zeit genommen, um die Erlebnisse wirken zu lassen. Ich will versuchen, alles in den Alltag hineinzutragen. Generell bin ich einen Tick ruhiger geworden. Ich bemühe mich, nicht mehr zu viel auf einmal zu machen. Damit ich die Dinge bewusster machen kann. Mein Versuch ist, Körper und Geist gleichzeitig am selben Ort zu haben.

Fährst du noch mal zu dem französischen Wallfahrtsort?

Auf jeden Fall möchte ich noch mal nach Taizé, dann gerne bei besserem Wetter. Ich kann jedem empfehlen, offen zu sein für das Abenteuer Taizé – mit oder ohne Fahrrad.

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Taizé

Der kleine Ort Taizé liegt in der Nähe von Cluny in Frankreich.

1949 gründete Roger Schütz gemeinsam mit sechs Brüdern die Gemeinschaft von Taizé. Seit den 60er Jahren lädt die Gemeinschaft Jugendliche ein. Jahr für Jahr folgen etwa 200.000 junge Menschen aller Nationalitäten und Religionen dieser Einladung.

Der Taizé-Aufenthalt dauert meist eine Woche. Er ist geprägt von einem klaren Tagesablauf, einfachem Leben, Austausch und Andachten. Die mehrstimmigen Taizé-Lieder sind auf der ganzen Welt verbreitet. Gründer Frère Roger wurde 2005 von einer psychisch kranken Frau erstochen.