Mission: McGangBang

Philip Hehn

Wir stehen vor dem McDonalds am Martinstor. Wir haben eine Mission. "Lass uns Eis essen gehen", starte ich einen letzten Ausbruchsversuch, aber keine Chance. Mit vorbildlicher Arbeitsmoral beziehungsweise sadistischer Vorfreude schiebt mein Begleiter mich in den Laden. Wir sind einem Phänomen auf der Spur, von dem hierzulande wenige gehört haben: dem "legendären" McGangBang.



In aller Kürze: Man geht zu McDonalds und bestellt „Einen McGangBang“. Sollte der Mann an der Kasse nicht wissen, was das ist, bestellt man die Komponenten, einen Spicy Chicken sowie einen in Deutschland nicht erhältlichen Double Cheeseburger, getrennt, klappt den Double Cheese auf und packt den McChicken dazwischen. Voilé. Fertig ist der McGangBang.


Hierbei filmt oder fotografiert man sich und präsentiert die bitteren Früchte seiner Selbsterniedrigung auf YouTubebeziehungsweise Flickr.

Was soll das Ganze? Ist das eine Mode? Sport? Spieltrieb? Jogging für unsere letztlich überdimensionierten Gehirne? Tja.

Der Legende nach 2006 in Daytona Beach erfunden, erreicht der McGangBang Ende 2008 kritische Masse. Neben obskuren Internetforen sowie dem bizarren Tumblelog Thisiswhyyourefat.com stolpert man über den McGangBang gleichzeitig bei derFinancial Times Deutschland.

Wir befinden uns in einer weltweiten Depression, da braucht man leichten Lesestoff in der Chefetage. Vielleicht haben die Ratten das Schiff auch heimlich verlassen und brauchen jetzt keine Finanzberichterstattung mehr. Ich gewichte mein Portfolio jedenfalls verstärkt auf Konserven und Munition.

Verschiedenste Schöpfungsmythen sind im Umlauf, alle möglichen Leute wollen das Ding erfunden haben. Es ist eine Art Deppen-Triathlon. Tausende pilgern zu McDonalds und nerven das Personal, Hunderte laden Bilder und schwer erträgliche Videos hoch, posten in Blogs und versuchen, ihren Anspruch auf Urheberschaft mit den EXIF-Daten verschwommener Bilder gestapelter Burger zu untermauern.

Und am Ende der Kette stehen Mitarbeiter ernstzunehmender Publikationen wie der Financial Times Deutschland und fudder.de und schreiben darüber.

Keiner von uns hat Lust, das Ding zu bestellen, ebenso wenig wie wir Lust hätten, auf den Tresen zu springen und den Ketchup-Song zu furzen. Schließlich bestellen wir die Komponenten konspirativ getrennt, und ich lüge, ich hätte von „einem Freund“ gehört, man könne hier einen „McGangBang“ bestellen, ob das stimme. Die junge Frau an der Kasse hat nichts davon gehört. Ich beneide sie.

Wir klettern hoch in die McLounge, montieren vorschriftsmäßig die Komponenten und dokumentieren den Versuchsaufbau.



Dann wird getestet. Geschmacklich ist er keine Legende. Der Furzgeschmack von Hack und Brötchen gibt den Basston.



Senf und Ketchup setzen einen hellen, scharfen Kontrapunkt darüber, der mit der süßen Chilisoße des „Spicy Chicken“ zugegeben gut harmoniert.



Mein Begleiter ist angetan, ich muss gestehen dass für die drei Euro lieber einen Falafel essen würde. Eine anwesende Gruppe 14jähriger Mädchen hält uns sichtlich für minderbemittelt. Sie wissen es nicht besser, die Mistgören.



Das Problem ist, dass eine Kombination von drei Ein-Euro-Burgern nur so viel besser sein kann als die Summe ihrer Teile. In der Dreieuroklasse gibt’s da bei McDonalds ganz andere Sachen. Was auch immer also Leute motiviert, das Ding zu bestellen, es hat keine kulinarischen Gründe.

Event-Charakter will aber auch nicht aufkommen. Eventuell hat mein trantütiger Mitstreiter die Stimmung versaut. Oder war ich das? Der Name jedenfalls ist gut gewählt. Wie bei einem echten Gangbang habe ich nach vollbrachter Tat schlechte Laune sowie Soße auf dem Kinn.



Nach vollbrachter Tat pilgern wir zum Bahnhof, um, in der besten Tradition der Freiburger empirischen Sozialforschung, eine statistisch belastbare Datenmenge (zwei) zu bekommen. Ich marschiere gemessenen Schrittes zum Schafott, pardon, zur Theke. Mein Gott, warum hast du mich verlassen? „Ich hätte gerne einen McGangBang, ich hätte gerne einen McGangBang“ übe ich in Gedanken.

Ich komme dran und bestelle konfirmandenbrav „eine große Pommes“. Latte gerissen. Buhrufe. Dann frage ich wieder nach dem McGangBang, ich hätte da was gehört etcetera.

Der Vokuhila-Träger an der Kasse mutmaßt, jemand habe mich da wohl „verarscht“. Ich gebe ihm mit komplett ungespielter Zerknirschung Recht und wende mich zum Gehen. Es ist vollbracht. Als ich den Laden verlasse, ist mir als rieche die Bahnhofsluft nach Sommerregen, Minze und Lavendel. Eine schwere Last ist von mir abgefallen, mein Schritt ist beschwingt und alle Passanten sind zum Knuddeln. Der McGangBang ist eine tolle Sache.

Der McGangBang hat bis zum Breiten-Phänomen noch einen weiten Weg vor sich, auch wer sich zum harten Kern der Cooloisie zählt kann jetzt also noch locker einsteigen. Denn, so bekanntlich Schiller, „der Mensch spielt nur mit seinem Essen, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er billige Burger auseinanderfriemelt und stapelt.“

Viel Spaß und Mahlzeit!



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