Missbrauch in der Familie

David Weigend

Es ist kaum nachvollziehbar, was ein scheinbar ganz normaler Mann auf diversen Familienfeiern über Jahre hinweg mit seiner Verwandten trieb. Ein Missbrauchsfall, der heute vor dem Amtsgericht verhandelt wurde. Hier der Bericht mit geänderten Namen.



Der Tathergang

Auf dem Anklagestuhl sitzt Robert S., ein 35jähriger Metzger vom Kaiserstuhl, verheiratet und Vater eines einjährigen Jungen. Die Staatsanwältin wirft ihm den schweren sexuellen Missbrauch eines Mädchens in mehreren Fällen vor. Die Übergriffe fanden statt in einem Zeitraum von mehr als vier Jahren. Robert S. gehört zum weiteren Verwandtenkreis der missbrauchten Isabell L: Roberts Gattin ist die Nichte von Isabells Mutter.

Der erste Missbrauch erfolgt im November 2002, Isabell ist zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt. Das Mädchen besucht Robert, da seine Hunde Welpen bekommen haben, die Hasen will sie sich auch ansehen. Robert ist dem Kind vertraut, die beiden kennen sich von Familienfeiern. Nun aber greift er Isabell unters Shirt und fasst ihre Brüste an.

Diese Art der Berührung kommt von nun an häufiger vor, in unregelmäßigen Abständen. Isabells Vater arbeitet als LKW-Fahrer, ihre Mutter ist Handelsvertreterin. Die Eltern sind oft außer Haus. Robert weiß das. So kommt er nach der Arbeit gelegentlich vorbei und nähert sich Isabell.

Der Missbrauch wird intensiver. Robert steckt seinen Finger in ihre Scheide. Er fordert sie auf, seinen Penis zu berühren und zu massieren. Isabell bearbeitet Roberts Penis so lang, bis er zum Samenerguss kommt. Dies geschieht meist im Badezimmer, am Bidet. Einmal zeigt Robert dem Kinde, wie man einen Zungenkuss gibt. „Das hört sich jetzt vielleicht blöd an, aber ich habe sie zu nichts gezwungen. Das lief alles mehr oder weniger freiwillig“, sagt Robert im Saal II des Freiburger Amtsgerichts.

Als Isabell 12 ist, kommt es zu einer Misshandlung, die das Mädchen als besonders ekelerregend memoriert. Wieder sitzt Robert bei ihr im Kinderzimmer. Er bittet sie, ihn mit der Hand zu befriedigen. Das Ejakulat landet auf ihrem Bauch. Robert wischt es mit einer dreckigen Socke weg.

Die Situationen, in denen der Missbrauch stattfindet, nehmen groteske Züge an. So geht Robert während der Geburtstagsfeier seiner Frau im Januar 2004 mit Isabell in die Küche und bittet sie dort um Oralverkehr. Die Tat bleibt bis auf weiteres unentdeckt. Und niemand vermutet, dass der gutmütige Metzger und Rebveredler, der sich auf Familienfeiern so nett um die Kinder kümmert und mit ihnen „Mensch-ärger-dich-nicht“ spielt, pervers sein könnte.

Einen traurigen Höhepunkt findet die Misshandlungsserie bald darauf, erneut während einer Familienfeier. Robert schildert ihn so: „Uns war langweilig und wir gingen ins Zimmer, wo der PC stand. Zuerst hat sie ein wenig gechattet, mit ihrem Freund oder so. Irgendwie kamen wir dann ins Gespräch und wir gingen rauf auf den Dachboden. Da oben stand so ein Klappstuhl. Den habe ich in die Waagrechte geklappt. Da lag noch so ein Sexkatalog rum, den hab ich ihr gegeben und gefragt, ob sie sich den anschauen will. Dann habe ich ihre Brüste angefasst. Ich habe sie gefragt, ob wir das nicht mal ausprobieren sollten, anal. Sie hat die Hose und die Unterhose bis auf die Knie runtergezogen. Ich habe mir die Hose aufgemacht. Sie hat dann gesagt, dass ihr’s weh macht. Dann haben wir damit aufgehört.“ Drei Tage lang leidet Isabell unter erheblichen Schmerzen.

Robert erzählt das nicht in zusammenhängenden Sätzen, sondern stockend und unter beharrlich-peinlichen Nachfragen der Richterin.

Robert hat über die Jahre hinweg sein Opfer gebeten, ihr Geheimnis zu bewahren und keinem etwas davon zu sagen. Schließlich fliegt es doch auf. Isabell erzählt im Herbst 2006 einer Freundin davon. Außerdem äußert sie in einem Schulaufsatz einen Hilferuf. Wenig später wird Isabell von einer Kriminalkomissarin vernommen. Sie erzählt und erstattet Anzeige. Damit hatte sie lang gezögert, weil der Täter ein Verwandter ist. Eine Tatsache, die besonders Isabells Mutter als „Schlag ins Gesicht“ wahrnimmt.

Die Mutter wirft sich heute vor, dass sie nicht sensibler reagiert habe, als ihre Tochter vor langer Zeit an ihrem Schlafzimmer vorbeigegangen ist und en passant gefragt hat: „Mama, ist es eigentlich normal, dass mich der Robert so anlangt?“ Die Mutter befand sich noch im Halbschlaf.

Die Ungereimtheiten

Nachdem die Missbrauchsfälle in der Familie bekannt werden, muss sich Isabell einige nicht sehr hilfreiche Sprüche anhören: „Da gehören doch immer zwei dazu!“ Und: „Warum bist du denn mit ihm mitgegangen? Du hättest dich doch wehren können!“

Das Urteil

…erfolgt nach strittiger Beratung zwischen Richterin und den beiden Schöffen, nach mehr als einer Stunde. Robert S. wird zu zwei Jahren Haft verurteilt, auf Bewährung. Außerdem muss er 5000 € Schmerzensgeld an die Geschädigte zahlen und sich einer psychotherapeutischen Behandlung unterziehen. Das umfassende Geständnis wertet das Gericht zugunsten des Beschuldigten.

Dass die Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt wurde, ist wohl vor allem dem Appell der Anwältin Isabells zu verdanken. Diese sagte, dass die Bewährungsauflage in Isabells Interesse liegt, da eine Inhaftierung Roberts eine starke Belastung für sie selbst und für den Familienverbund bedeuten würde.

Ein Zitat

Die Richterin bemerkt zum Oralverkehr zwischen Isabell und Robert auf der Geburtstagsfeier von Roberts Gattin: „Ob sich Ihre Ehefrau über dieses Geschenk besonders gefreut hätte, darf bezweifelt werden.“