Minirock, Burka und Tränengas: Istanbul am Jahrestag der Gezi-Proteste

Marius Buhl

Istanbul, am 31.5.2013. Tausende junge, gen Westen orientierte Türken protestieren gegen das Erdogan-Regime. Vordergründig geht es um den Abriss eines Parks, eigentlich geht es aber um Laizität, den Islam und Europa. Erdogan lässt den Protest brutal niederschlagen. Am 31.5.2014, exakt ein Jahr später, protestieren die Türken wieder.



Sogar die Marktschreier in Istanbuls Haupteinkaufsstraße Istiklal Cadesi scheinen heute zu flüstern, die üblichen Werberufe hört man nur selten. Junge Männer haben sich gelbe Polis-Warnwesten übergeworfen und kontrollieren Passanten, manche Gassen rund um den berühmten Taksim-Platz sind komplett abgeriegelt.


Auf der Istiklal stehen Polizisten mit Schlagstock und Schild bereit, am Rand der Straße haben sie einige der großen Wasserwerfer geparkt, auch Kranken- und Feuerwehrfahrzeuge stehen bereit. Einzelne Polizisten tragen Maschinengewehre und schauen dazu ziemlich grimmig drein.

Doch noch ist alles ruhig, noch scheint das übliche Samstagnachmittagspublikum die Istiklal rauf und runter zu spazieren, neben Minirock-Touristinnen flanieren Burkaträgerinnen, ein Mann verkauft rote Rosen.

Niemand will Aufmerksamkeit erregen

Es ist der Jahrestag der ersten Proteste gegen die islamisch-konservative Regierungspartei AKP um Ministerpräsident Erdogan. Rund 25.000 Polizisten hat Erdogan laut Medienberichten heute auflaufen lassen, sie sollen verhindern, dass Demonstranten auf die Istiklal und damit auch auf den angrenzenden Taksim-Platz gelangen. Mit dabei sind auch etliche Zivilpolizisten, zu erkennen an kleinen, schwarzen Rucksäcken, aus denen Schlagstöcke hervorlugen. Diese massive Polizeipräsenz lässt die sonst so lebhafte und laute Stadt erstarren, möglichst schnell und ruhig passieren die meisten Leute die Polizisten, Aufmerksamkeit will niemand erregen.

Die Taktik der Regierung ist klar zu erkennen: Einschüchterung. Präsident Erdogan hatte schon am Freitagabend angekündigt, strikt gegen Demonstanten, die er Terroristen nennt, vorzugehen; die Polizisten hätten präzise Anweisungen. Um die Fortbewegung in der Stadt zu erschweren, fahren keine Fähren mehr von der asiatischen auf die europäische Seite Istanbuls, auf der auch der Taksim-Platz und die Istiklal liegen. Auch die Straßenbahnen müssen zeitweise aussetzen. Eine Frau auf der Touristeninfo zuckt mit den Schultern. Anweisung von oben.

Anfangs scheint die Taktik der Regierung aufzugehen: Bis zum späten Nachmittag gibt es lediglich kleine Scharmützel. Ein älterer Mann streitet lauthals mit einigen jüngeren, die zuvor auf Türkisch in seine Richtung gerufen haben. Die umstehenden Polizisten schauen kurz auf, greifen aber nicht ein. Noch ist es ruhig.
Als es Abend wird, ändert sich die Stimmung. Auf die Istiklal kommt man inzwischen nur noch schwer, Polizisten mit großen durchsichtigen Schilden haben Straßensperren errichtet, lassen keinen mehr durch. Aus den verwinkelten Gassen des Künstlerviertels Beyoglu steigen einige junge Demonstranten gen Istiklal empor, immer wieder singen und skandieren sie.

"They fuck everything"

Ein Demonstrant erzählt von drei Wasserwerfern, die weiter oben auf der Istiklal eingesetzt werden würden. Da hoch traut er sich aber nicht: „90 Prozent von uns Demonstranten sind einfache Studenten wie ich, Kommilitonen aus meinem Französisch-Studium zum Beispiel. Aber zehn Prozent der Leute sind Extreme, die haben keine Angst vor der Polizei, setzen auch Molotow-Cocktails ein. Die sind da oben.“

Gutheißen will der vielleicht 20-jährige Türke die Extremen aber keinesfalls: „They fuck everything, wegen denen sind wir die bösen Demonstranten, wir sind aber eigentlich friedlich.“ Immer wieder schwärmen nun junge Männer in die Gassen aus und laufen aufwärts, dorthin, wo von weitem schon graue Nebelschwaden zu erkennen sind: Tränengas.

Sprüht die Polizei größere Mengen davon, fliehen viele der Demonstranten die Straßen wieder hinab, schlagen im Laufen mit der flachen Hand gegen die herabgelassenen Rolläden der Geschäfte. Wie Schüsse hallt das durch die engen Gassen, Panik entsteht. Die vom Tränengas brennenden Augen spülen sie dann mit Wasser aus Spritzkannen aus, dann binden sie sich weiße Tücher vor den Mund und laufen langsam wieder empor.

Am etwas höher liegenden Galata-Turm treffen sie zusammen, hier ist ein Brennpunkt entstanden. Ein umgeschmissener Müllcontainer liegt inmitten des Platzes vor dem Turm, immer wieder rennen Menschenströme über den Platz, fliehen in ruhigere Nebenstraßen. Einige Demonstranten hier sind bestens gegen die Polizei und das Tränengas gerüstet, sie tragen große Gasmasken. Kellner angrenzender Essbuden räumen geschwind noch Stühle und Tische weg, dann schließen sie ihren Laden.

Das Tränengas liegt schwer in der Luft, die andere Seite des Platzes ist nur zu erahnen, so dicht ist der Nebel. Fast alle husten und niesen, reiben sich die Augen und reinigen sie wieder mit Wasser, ziehen dann das T-Shirt als zusätzlichen Schutz über die Nase und warten, bis das Gas verzogen ist. Dann skandieren sie wieder. Es liegt eine lange Nacht vor ihnen.

Am nächsten Morgen, gegen 7 Uhr früh, schreien die Marktverkäufer auf der Istiklal wieder, etwas verzagt noch, aber durchaus mit Verve. Auf der Straße liegen die Rückbleibsel der vergangenen Nacht: ein Schlagstock, ein Rucksack, ein Schuh, flattriges Absperrband. Ein monströser Wasserwerfer rollt vorbei, ein Putzteam reinigt die Straße. In den Cafés der Nebenstraßen tuscheln sie über die vergangene Nacht, rekapitulieren, schimpfen. Die einen fluchen über die brutale Polizei, die anderen verteidigen Erdogan. Hier, im Taksim-Viertel, sind die Fluchenden in der Überzahl. Auf der Straße rennen derweil zwei Jungs. Sie verfolgen einander, der vordere schlägt Haken, rennt, stolpert, fällt. Da ist der hintere bereits über ihm. Mit erhobenem Stock droht er dem Jungen, dabei zischt er, ganz so, wie in der vergangenen Nacht die Wasserwerfer gezischt haben. Dann lässt er ihn gehen.



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